Schweiz
«Das Kapitel wird nie abgeschlossen sein»
Aktualisiert am 15.09.2011 27 Kommentare
Debatte über sexuelle Übergriffe
Die öffentliche Missbrauchsdebatte kam erst 2010 ins Rollen: Ein in Baden AG und Schübelbach SZ tätiger Priester war 1971 vom zuständigen Bistum Basel angestellt worden, obwohl es Kenntnis von seinen früheren sexuellen Übergriffen in Deutschland und Österreich hatte.
Im Frühjahr 2010 erregten zudem TV-Beiträge über Missbräuche an der Stiftsschule Einsiedeln SZ Aufsehen; ebenso sexueller Missbrauch und Gewalt im ehemaligen Kinderheim Rathausen LU, das von katholischen Geistlichen geführt worden war.
Schon Ende 2002 hatte die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) Richtlinien zum Umgang mit sexuellen Übergriffen in der Seelsorge verabschiedet und diese 2010 überarbeitet. Seither dürfen Seelsorger nur noch eingestellt werden, wenn lückenlose und schriftliche Informationen über den Leumund des Betreffenden vorliegen. Ausserdem werden Täter bei einem «rechtsgenügenden Verdacht» angezeigt, wenn das Opfer keinen Einspruch erhebt. (sda)
Alles kommt ans Licht: Eine Landschaft mit Kruzifix. (Bild: Keystone )
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Der katholischen Kirche sind im Jahr 2010 insgesamt 146 Missbrauchsfälle gemeldet worden. Dies geht aus dem Zwischenbericht «Sexuelle Übergriffe in der Seelsorge» hervor, welchen die Schweizerische Bischofskonferenz am Donnerstag präsentiert hat.
Gemäss der Statistik des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe in der Pastoral» der Bischofskonferenz (SBK) waren 29 der Opfer zum Zeitpunkt des Übergriffs Kinder bis 12 Jahre, 15 Opfer waren 12- bis 16-jährige Mädchen und 36 Jungen im gleichen Alter.
Weiter meldeten sich 22 Frauen und 34 Männer, die als Erwachsene Opfer eines Übergriffs wurden. Von zehn Opfern kann das Gremium keine Angaben machen.
Adrian von Kaenel, Präsident des SBK-Expertengremiums, erklärte an einer Medienkonferenz in Bern die fehlenden Details zu Opfern und Übergriffen damit, dass Opfer oftmals ein tröstendes Gespräch suchten, aber keine Details erzählten. Wenn sich beim Gespräch herausstelle, dass ein Übergriff stattgefunden habe, werde das Opfer erfasst, die Details hingegen nicht.
Priester als Täter
Die Täter waren in den häufigsten Fällen Weltpriester (62) und Ordensmänner (32). In vier Fällen begingen Ordensfrauen sexuelle Übergriffe, in drei Fällen Laientheologen. In 21 Fällen konnte nicht genau eruiert werden, wer der Täter war.
43 der gemeldeten Übergriffe ereigneten sich im Bistum Chur, 40 im Bistum Basel. St. Gallen weist in der Statistik 17 Fälle aus und das Bistum Lausanne, Genf, Freiburg 9. Auch die Kapuziner meldeten 7 Fälle und die Pallotinerprovinz Gossau deren zwei. Im Bistum Sitten wurde 2010 ein Übergriff gemeldet.
Die meisten sexuellen Übergriffe wurden vor 1990 begangen. Zwischen 1990 und dem Jahr 2000 erfasst die Statistik 9 Missbrauchsfälle und zwischen 2000 und 2010 insgesamt 13. Bei diesen jüngsten Fällen sei es nun sehr wichtig, dass sie aufgearbeitet würden, sagte von Kaenel.
Bei den gemeldeten Taten handelt es sich gemäss Statistik oft um sexuelle Nötigung und Belästigung oder unerwünschte Avancen. Eine Vergewaltigung lag in zwei Fällen vor. In 44 Fällen sind noch Abklärungen im Gange. 43 Opfer wollten sich lediglich aussprechen, jedoch keine weitere Massnahmen ergreifen.
Zwei Täter sind im Strafverfahren verurteilt worden, neun Strafverfahren seien abgeschlossen worden, und ein Täter hat sich selbst angezeigt. 36 Täter sind verstorben, und ein Täter hat Klage wegen Verleumdung eingereicht. Insgesamt unterscheidet die Statistik 19 getroffene Massnahmen.
Prävention greift
104 Fälle - und damit die Mehrheit - wurden zwischen Januar und Mai 2010 gemeldet, als die Diskussion um sexuelle Übergriffe in der Kirche in der Schweiz und anderen europäischen Ländern intensiv geführt wurde.
Die sinkende Tendenz der Opfermeldungen führt von Kaenel auf die funktionierende Prävention zurück. Aber: «Die Dunkelziffer macht Prävention heute umso wichtiger.» Mit der Vernetzung und dem Austausch unter Diözesen, mit Weiterbildungen und einer Verbesserung werde die Prävention immer mehr verstärkt.
Deshalb erwartet von Kaenel für das Jahr 2011 eine geringere Zahl gemeldeter sexueller Übergriffe. Allerdings werden die Übergriffe, welche das Kloster Einsiedeln SZ im Januar publik gemacht hat, in die diesjährige Statistik einfliessen. Die Zahl der Opfer dürfte sich auf mindestens 40 belaufen, diejenige der Täter auf 15.
«Dran bleiben»
Abt Martin Werlen von Einsiedeln SZ erinnerte daran, dass «jede Zahl ein Mensch ist», der uns beschäftigen müsse. Dass sexuelle Übergriffe nun kein Tabu mehr seien, ermögliche es Opfern, sich zu melden. Der Prozess sei jedoch erst am Anfang. Man müsse «dran bleiben», damit Opfer - nicht nur in der Kirche - sich an entsprechende Institutionen wenden könnten. Und im Interview mit Keystone (siehe Video oben) sagt er: «Das Kapitel wird nie abgeschlossen sein.»
Eine historische Zahlenreihe von Opfern und Übergriffen gibt es nicht. Die ersten Zahlen gibt es für das Jahr 2009, als sich 15 Opfer von 14 Tätern meldeten. (bru/sda)
Erstellt: 15.09.2011, 11:17 Uhr
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27 Kommentare
Wieso werden diese Fälle der Kirche gemeldet? Wenn in einem anderen Verein ein sexueller Missbrauch vorfällt, macht man doch einfach eine Anzeige. Die Kirche hat weder die Kompetenz noch die Berechtigung, solche Vorfälle zu untersuchen. Antworten
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