Das Label «Unesco-Welterbe» verliert an Exklusivität

Mit La Chaux-de-Fonds und Le Locle zählt das Schweizer Unesco-Welterbe zehn Objekte. Das schade der Güte der Auszeichnung, moniert der St. Galler Tourimusdirektor.

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Neu auf der Unesco-Liste des Welterbes: Die Stadt La-Chaux-de-Fonds im Kanton Neuenburg, mit seinen rechtwinkligen Strassen. Die Fabriken reihen sich aneinander, für die Unesco ein Industrie-Erbe von Weltformat.
Bild: KEYSTONE/AP

   

Die Stiftskirche St. Gallen und die Berner Altstadt gehörten zu den ersten Schweizer Kulturgütern die es auf die Liste des Unesco-Welterbes geschafft haben. Und es hat sich ausgezahlt, wie das Beispiel der Stiftsbibliothek zeigt. Seit 2000, seit die Stadt intensiv mit dem Label wirbt, sind die Besucherzahlen für die Stiftsbibliothek um rund 50 Prozent gestiegen. Der Grund dafür liegt auf der Hand. «Wir profitieren von der Exklusivität des Labels», sagt der St. Galler Tourismusdirektor Boris Tschirky. 1983, als die Stiftskirche das Label erhielt, sei dieses noch unbekannt gewesen. Das sei heute anders. Tschirky fürchtet um den Sonderstatus «seines» Welterbes. «Wenn immer mehr Kulturstätten dazukommen, könnte die Exklusivität des Labels verloren gehen», sagt Tschirky. Die neun anderen Beispiele für das Schweizer Unesco Welterbe würden die Stiftskirche St. Gallen zwar nicht direkt konkurrenzieren. Trotzdem müsse man sich überlegen, wie viel Welterbe die Schweiz ertrage.

Diese Frage stellte sich auch das Bundesamt für Kultur (BAK): 2004 erarbeitete eine Expertengruppe eine «Liste indicative» mit möglichen Schweizer Welterbe-Stätten. Die Altstadt von Genf, die Raddampfer, die Furka-Oberalp-Bahn und das Kloster Einsiedeln haben die Experten unter anderem verworfen. Man wollte sie nicht mit den ägyptischen Pyramiden und dem Taj Mahal gleichstellen. Auch die Gotthardbergstrecke hat es nicht auf die Liste geschafft, was zu reden gab.

Tessiner und Urner warten lange

Von den fünf Objekten, die es schliesslich auf die «Liste indicative» schafften, fehlen auf dem Unesco-Welterbe-Index noch zwei: die Siedlungsreste der Schweizer Pfahlbauer (siehe Grafik) und die 22 Bauten von Le Corbusier (vier davon stehen in der Westschweiz), eine länderübergreifende Kandidatur unter der Federführung Frankreichs. Die Kandidaturen sind für längere Zeit die letzten aus der Schweiz. «Danach soll es eine Zeit lang keine neuen Kandidaturen geben», sagt Jean-Frédéric Jauslin, Direktor des BAK, und urteilt nach dem Geschmack des St. Galler Tourismusdirektors. Mit zwölf Welterbe-Stätten sei die Schweiz im Vergleich mit andern Ländern «sehr gut vertreten». Eine Kandidatur der Gotthardbergstrecke solle frühestens 2013 erneut geprüft werden, vertröstet Jauslin die Urner und die Tessiner, die gerne mit dem Label Unesco Touristen anlocken würden.

Die Kandidaturen Pfahlbauer und Corbusier werden in den nächsten zwei Jahren eingereicht - die KandidaturŒuvre Le Corbusier mit Verspätung. Das Werk Corbusiers hätte schon dieses Jahr vorgeschlagen werden sollen. Doch die Unesco bremste. «Wahrscheinlich weil es sich um einen Präzedenzfall handelt», vermutet Jauslin. Zum ersten Mal versähe die Unesco einen Architekten des 20. Jahrhunderts mit ihrem Label. Die Welterbe-Kommission müsse zuerst abschätzen, was das für andere zeitgenössische Architekten bedeutet.

Tourismusdirektor skeptisch

Nicht nur die Unesco ist skeptisch, auch der St. Galler Tourismusdirektor: «Ich weiss nicht, ob es Sinn macht, einen einzelnen Architekten mit dem Label auszuzeichnen», sagt Tschirky. Er wolle nicht an der Qualität und der Bedeutung von Corbusiers Arbeit zweifeln. Doch brauche es eine gute Begründung, weshalb gerade Corbusiers Werk ein aussergewöhnliches Welterbe sei. Damit spricht Tschirky erneut die schwindende Exklusivität des Labels an.

Diese ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Seit der Einführung des Welterbe-Labels 1972 sind bald 900 Natur- und Kulturgüter im Unesco-Welterbe-Index eingetragen worden. (Der Bund)

Erstellt: 30.06.2009, 08:28 Uhr

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