Das Milliardenproblem der Gemeinden

Auf die Schweiz kommen Milliardenausgaben zu: Die Wasserversorgung kommt in die Jahre und muss gleichzeitig noch ausgebaut werden. Experten fürchten, dass viele Gemeinden dafür schlecht gerüstet sind.

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Zahlreiche Leitungen, Kanäle und Kläranlagen in der Schweiz altern vor sich hin und müssen bald einmal ersetzt werden. Darauf seien aber viele vor allem kleinere Gemeinden schlecht vorbereitet, sagt nun das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI). Das nötige Geld sei mancherorts nicht budgetiert, und zudem würden Leitungen zu oft erst im Bedarfsfall und unkoordiniert ersetzt. Strassen würden deshalb gleich mehrmals aufgerissen und wieder zugeschüttet, was unnötig viel koste, schreibt das Forschungsinstitut in einer Studie zum Tiefbau in der Schweiz. Sehen sich die Gemeinden also nun mit einer ähnlichen Situation wie der Bund und SBB bei der Bahninfrastruktur konfrontiert, wo Unterhalt und Ersatz der Gleis- und weiteren Anlagen nicht mit dem stetigen Ausbau des Netzes Schritt hielten?

Tom Häberli ist Gemeindepräsident der Schaffhauser Gemeinde Trasadingen. Er ist für das Bauressort zuständig und somit auch Herr über Wasserleitungen und Kanalisation der Gemeinde. Über den Zustand der Anlagen kann Häberli auch bestens Auskunft geben. «Wir wissen ganz genau, in welcher Reihenfolge wir instandhalten müssen. Je nachdem, wie viel Geld wir haben, setzen wir diese Vorhaben um.» Anders sehe es aber auf kantonaler oder gar nationaler Ebene aus: «Wir haben schlichtweg keinen Überblick über den Zustand der Wasserversorgung und der Abwassernetze.» Entsprechend lasse sich auch nicht sagen, wie gross das Problem im Vergleich zur Bahninfrastruktur sei.

Milliardenausgaben für die Gemeinden

Der Erneuerung der Schweizer Wasserversorgung und der Abwassernetze wird jedenfalls teuer. Eine Nationalfondsstudie schätzte 2001 die Kosten für Ersatz und Sanierung bestehender Leitungen und Anlagen bis 2030 auf rund 88 Milliarden Franken, hinzu kommen 27 Milliarden Franken für die Gemeindestrassen – alles noch ohne Erweiterungen gerechnet.

Die rege Bautätigkeit in der Schweiz macht einen Ausbau der kommunalen Infrastruktur unumgänglich. Einerseits bedingt die Zersiedlung neue Leitungen: Wo vorher ein Feld war, muss eine Wasserleitung und ein Kanalisationsanschluss hin, damit dort ein Haus stehen kann. Schwieriger aber ist für die Gemeinden der Ausbau der Wasserversorgung im bestehenden Siedlungsgebiet. «Wenn wir nun verdichten, dann ist nicht der Zustand des Netzes das Problems, sondern dessen Dimension», sagt Tom Häberli. Sprich: Bei steigendem Verdichtung des Siedlungsgebiets ist eine bestehende Leitung irgendwann zu dünn für den Verbrauch und muss durch ein dickere ersetzt werden, noch bevor sie ihr technisches Lebensende erreicht hat.

Online-Verzeichnis der Wasserleitungen?

Die Fachleute halten es für unumgänglich, dass die Kantone stärker eingreifen. Heute gehört die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung zusammen mit dem Unterhalt der Gemeindestrassen und der Kehrichtentsorgung zu jenen Gemeindeaufgaben, bei denen die Gemeinden am autonomsten sind. Dies stellt besonders kleine Gemeinden vor Probleme, die sowieso zunehmend Probleme bei der Rekrutierung für die Milizämter haben. Während in den Städten der zuständige Exekutivpolitiker auf eigene Fachleute zurückgreifen kann und selber nur die politische Priorisierung vornehmen muss, beauftragt der Laie in der kleinen Gemeinde externe Auftragnehmer und muss sich auf deren Urteil verlassen. «Wir brauchen nicht einen Wassermeister pro Gemeinde, sondern einen für ein ganzes Gebiet», sagt Gemeindepräsident Häberli. Hier sei es an den Kantonen, gescheite Ideen zur Regionalisierung solcher Aufgaben vorzuschlagen. Bei der Feuerwehr und bei der Abwasserreinigung funktioniere die Zusammenarbeit der Gemeinden ja auch bestens.

Daneben schwebt Häberli noch eine weitere Verbesserung vor: Der Zustand der Wasser- und Abwassernetze soll aufgrund der Daten aus den Gemeinden zusammengetragen werden, und im Geografischen Informationssystem des Bundes (GIS) oder jenen der Kantone visualisiert werden, das bereits sonst zahlreiche Infrastrukturdaten vereinigt. «Google zeigt uns ja, wie es geht», sagt Häberli, der sich eine Art Ampelsystem vorstellt, das den Zustand und das Alter der Leitungen angibt, sowie zusätzlich abrufbare Fotos oder Filme aus dem Innern der Leitungen, wenn diese sowieso schon vorhanden seien. Somit wären die Gemeinden gezwungen, die dringendsten Sanierungen zu priorisieren, erhofft sich Häberli – ebenso die Privaten bei den Hausanschlüssen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.10.2013, 17:51 Uhr)

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Tom Häberli ist Gemeindepräsident (parteilos) von Trasadingen SH, Abteilungsleiter bei der Projekt- und Immobilienberatungsfirma Brandenberger + Ruosch in Zürich und zudem Verwaltungsrat der Winterthurer Planungsfirma Hunziker Betatech, welche die Studie des GDI in Auftrag gab.

Für die Studie befragte das GDI unter anderem knapp 30 Experten aus Verwaltung, Forschung und Wirtschaft, darunter auch Tom Häberli. (Bild: zvg)

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