Das Schweizer Steuerparadies für Familien

Im ressourcenschwachen Kanton Wallis zahlen viele Einwohner so tiefe Steuern wie in Steuerparadiesen der Innerschweiz. Wie macht das Wallis das?

Ein junges Paar geniesst den Blick über das Rhonetal.

Ein junges Paar geniesst den Blick über das Rhonetal. Bild: Keystone

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Der Kanton Wallis gehört beim nationalen Finanzausgleich zu den grossen Nehmern: Über 600 Millionen Franken erhält er jedes Jahr von Bund und Kantonen; nur der Kanton Bern erhält noch mehr Geld. Dennoch herrscht im ressourcenschwachen Kanton ein überraschend angenehmes Steuerklima, wie eine Erhebung des «Tages-Anzeigers» (Hier finden Sie ihr Steuerparadies) zeigt: Doppelverdiener mit einem Einkommen von 150'000 Franken brutto und zwei Kindern zum Beispiel werden so milde besteuert wie in Tiefsteuerkantonen – während sie fast in der ganzen westlichen Hälfte der Schweiz zur Kasse gebeten werden.

Wie macht das Wallis das? «Wir wollen Familien nur moderat belasten, das ist der erklärte Wille des Gesetzgebers», sagt Beda Albrecht, Chef der kantonalen Steuerverwaltung. So können Eltern von ihrem Einkommen 8000 bis 10'000 Franken pro Kind in Abzug bringen, die Steuerschuld selber reduziert sich um 300 Franken pro Kind. «Das schenkt ein», sagt Albrecht. So gehört das katholische Wallis zu jenen fünf Kantonen, welche Familien am tiefsten besteuern.

Vermögende zahlen

Das Walliser Steuerklima ist aber auch für Personen erträglich, die keine Kinderabzüge geltend machen können. Der Kanton Wallis setzt laut Albrecht klare Prioritäten: Die Einkommen der Familien werden nur tief besteuert, dafür sind die Steuern auf Vermögen und auf das Kapital der Unternehmen vergleichsweise hoch. Auch die Pauschalsteuer spielt eine wichtige Rolle: Vergangenes Jahr brachte sie 97,7 Millionen Franken ein. Nur in der Waadt, in Genf und im Tessin floss sie reichlicher.

In der Auswertung des TA zeigt sich aber auch, dass die Steuerbelastung in den Gemeinden quer durch den ganzen Kanton Wallis stark variiert. Auffallend tief ist sie in den mondänen Tourismusorten Zermatt, Verbier oder Crans-Montana. Tief ist sie aber auch in Gemeinden, deren Name jenseits des Lötschbergs kaum jemand kennt: in Inden, Zwischbergen oder Eisten. Hier ist es nicht der Tourismus, der die Steuerbelastung senkt, sondern die Wasserzinsen. Wie ein Bericht der «Rundschau» kürzlich zeigte, fliessen sie in Eisten so reichlich, dass die Gemeinde die Einkäufe im Dorfladen verbilligen kann: Die Einwohnerinnen und Einwohner erhalten im Dorfladen einen Rabatt von 20 Prozent und zusätzlich alle sechs Monate eine Einkaufsgutschrift von 500 Franken.

Tiefe Steuern, damit sie bleiben

«Manche Gemeinden können nur dank den Einnahmen aus den Wasserzinsen überleben», sagt Thomas Egger, CVP-Nationalrat und Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete. Sie kämpften mit einer schwierigen topografischen Lage und seien von einigen wenigen Unternehmen abhängig. Wäre die Steuerbelastung nicht so tief, würde die Abwärtsspirale zu drehen beginnen: Arbeitsplätze gingen verloren, Einwohner wanderten ab, die Grundversorgung wie Dorfläden oder Schulen müsste abgebaut werden. Die Gemeinde wäre gezwungen, die Steuern zu erhöhen – worauf weitere Einwohner abwanderten. Die Höhe der Wasserzinsen wird zurzeit heftig diskutiert: Weil die Strompreise gesunken sind, will der Bundesrat die Wasserzinsen für die Jahre 2020 bis 2022 von heute 110 Franken pro Kilowattstunde auf 80 Franken senken, danach soll die Bemessung flexibilisiert werden. Im Wallis aber heisst es: «Würden die Zinsen sinken, hätten wir ein Riesenproblem. Dann würde die Bevölkerung aus den Seitentälern wohl vermehrt in die Zentren abwandern», sagt Albrecht.

Finanzausgleich ohne Wasserzinsen
Die Wasserzinsen sorgten schon um das Jahr 2000 für heftige Diskussionen: Damals rangen die Kantone um einen neuen nationalen Finanzausgleich, und jene Kantone, die mehr einzahlen, als dass sie bekommen, verlangten, dass auch die Wasserzinsen eingerechnet werden. Es geht um eine grosse Summe: Die Schweizer Wasserkraftwerke überweisen den betreffenden Kantonen und Gemeinden jedes Jahr 550 Millionen Franken.

Die Wasserzinsen wurden schliesslich nicht eingerechnet, wie Peter Mischler sagt, stellvertretender Sekretär der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren. Dies, weil es sich nicht um Einnahmen aus Steuern handelt, sondern um Einnahmen aus einer Konzession, um eine Abgeltung für die Nutzung von staatlichen Hoheitsrechten.

Es gab aber auch praktische Gründe: Je mehr Einnahmen im ohnehin schon komplexen Ausgleich berücksichtigt werden, desto aufwendiger wird sein Vollzug. Die Wasserzinsen hätten die Geberkantone jedoch kaum entlastet, wie der letzte Wirksamkeitsbericht des Bundesrats 2014 zeigte: In diesem stark verflochtenen System hätte sich die Höhe der Ein- und Auszahlungen kaum verändert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.07.2017, 17:27 Uhr

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