Das Sicherheitsproblem mit der Stadion-Security

Eine private Sicherheitsfirma inszeniert sich als paramilitärische Einheit. Eine andere macht Falschaussagen in einem Gerichtsprozess. Dafür werden sie nicht nur von Fussballfans kritisiert.

Sie sind zuständig für die Suche nach Pyromaterial: Protectas-Angestellte zünden in einem Werbevideo Fackeln.

Sie sind zuständig für die Suche nach Pyromaterial: Protectas-Angestellte zünden in einem Werbevideo Fackeln. Bild: Screenshot Youtube

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In diesem Video ist alles martialisch: Die Musik stammt aus dem Actionfilm «The Rock». Die Männer in Kampfuniformen marschieren in Formationen. Am Ende lassen zwei von ihnen Seenotfackeln brennen, was gemäss Sprengstoffgesetz eigentlich verboten ist. Ein dritter posiert in der Mitte, die Hände trotzig in die Hüften gestützt. Gedreht wurde ein Teil im Rekrutierungszentrum des Militärdepartements in Windisch im Kanton Aargau.

Beim Video handelt es sich um einen Werbefilm der privaten Sicherheitsfirma Protectas. Diese ist im Schweizer Fussball unter anderem dafür verantwortlich, dass kein Pyromaterial in die Stadien geschmuggelt wird. Am Dienstag wurde der Film ins Internet gestellt, und seither wird in Fussballforen darüber spekuliert, inwieweit er ein Eigentor ist für das geplante, verschärfte Hooligangesetz.

Laut Protectas-Sprecher Roman Lehmann wurde das Video 2009 von der eigenen Ausbildungsabteilung produziert, intern jedoch nie verwendet. In der Zwischenzeit habe die Ausbildungsleitung gewechselt. Ob die Angestellten der Protectas, die am Film beteiligt waren, noch heute für die Firma arbeiten, weiss Lehmann nicht.

Problemzone Stadioneingang

«Das Video zeigt das Selbstverständnis dieser Leute», sagt Thomas Gander, Geschäftsleiter des Vereins Fanarbeit Schweiz. Die paramilitärische Selbstinszenierung im Film deckt sich mit seinen eigenen Beobachtungen: In den Stadien sei es in der Regel friedlich. Wenn es zu Gewalt komme, dann im Eingangsbereich bei der Personendurchsuchung. Dafür seien nicht selten auch die privaten Sicherheitsdienste mit ihrem Verhalten mitverantwortlich. «Man bekommt den Eindruck, dass einige ein Gewaltbedürfnis ausleben.»

«Haben diese Leute ihren Auftrag wirklich richtig verstanden?», ist Philippe Guggisbergs Kommentar zum Video. Der Sprecher der Schweizerischen Fussballliga will die Arbeit der privaten Sicherheitsfirmen nicht pauschal verurteilen. Doch auch bei der Liga stelle man fest, «dass die Qualität nicht überall die gleiche ist».

«Es besteht Bedarf, dass private Sicherheitsleute besser ausgebildet werden. Sie sollten keine Gewalt provozieren, sondern nach Möglichkeit deeskalierend wirken», sagt auch Roger Schneeberger, Generalsekretär der Konferenz der kantonalen Polizei- und Justizdirektoren (KKJPD).

Stadionverbot trotz Freispruch

Die Konferenz ist die treibende Kraft hinter dem Hooligangesetz, das die Gewalt im Fussball bekämpfen soll. Zu diesem Zweck wurde ein Passus eingebaut, der den privaten Sicherheitsfirmen grosse Kompetenzen zugesteht: Wenn sie Fans einer Gewalttat beschuldigen, erhalten diese automatisch ein Stadion- und Rayonverbot. Dazu reicht allein die Aussage eines Sicherheitsmitarbeiters aus. Gegner des Hooligangesetzes kritisieren, dass damit die Unschuldsvermutung ausgehebelt werde. Fans müssten in meist langwierigen Prozessen ihre Unschuld beweisen.

Ein solcher Fall ereignete sich kürzlich in St. Gallen: Der Angestellte der Firma Securitas beschuldigte einen Fan des FC Basel, von ihm bei der Eingangskontrolle geschlagen worden zu sein. Der Einsatzleiter am Spieltag bestätigte dessen Aussage. Der Fan, der seine Unschuld beteuerte, verbrachte daraufhin zwei Nächte in Untersuchungshaft.

Vor Gericht belegten jedoch Aufnahmen der Stadionüberwachung, dass er gar nie in Kontakt war mit dem Securitas-Mann, der ihn anzeigte – sondern von einem andern Sicherheitsmitarbeiter kontrolliert worden war. Der Fan wurde freigesprochen, allerdings gilt das Stadion- und Rayonverbot immer noch. Ob die Staatsanwaltschaft den Securitas-Mitarbeiter wegen Falschaussage und falscher Anschuldigung angeklagt wird, will sie erst entscheiden, wenn das Urteil schriftlich vorliegt. Demnächst soll der Securitas-Mann einvernommen werden. Tut es die Staatsanwaltschaft nicht, wird es die Anwältin des Fans machen.

Fussballclubs sollen Sicherheitspersonal selbst wählen

Für Thomas Gander von der Fanarbeit Schweiz zeigt der Fall exemplarisch, wie verhärtet die Fronten zwischen privaten Sicherheitsfirmen und Fussballanhängern sind. «Die gegenseitigen Feindbilder sind so stark, dass im Eingangsbereich immer eine angespannte Atmosphäre herrscht.» Ein Job der Sicherheitsleute sei es, Pyromaterial zu finden und die Fehlbaren festzuhalten. Doch der Erfolgsdruck sei mittlerweile so gross, dass sie schnell einmal Pfefferspray einsetzen und zum Schlagstock greifen würden. «Unter diesen Umständen kann die Situation jederzeit eskalieren.»

Gander fordert deshalb, dass die Fussballclubs in Zukunft selber das Sicherheitspersonal auswählen und ausbilden, das bei den Eingängen eingesetzt wird. Ob er damit durchkommt, wird sich an einer der nächsten Sitzungen der Liga zeigen.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hiess es, dass Protectas zur erwähnten Schweizer Firma Securitas AG gehört. Das ist falsch. Protectas gehört zur schwedischen Firma Securitas AB. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.02.2013, 09:23 Uhr)

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Das umstrittene Werbevideo

Hooligangesetz

Umstrittene Verschärfungen
Bewilligungspflicht der Spiele, Alkoholverbot mit Ausnahme der VIP-Zone, vorgeschriebene Anreise für Auswärtsfans – das neue Hooligan-Konkordat sieht einige Verschär­fungen vor gegenüber dem jetzt gültigen, das vor der EM 2008 eingeführt worden war. Fünf Kantone haben die neue Version bisher angenommen.

In Zug wird das Parlament heute darüber abstimmen.Im Kanton Zürich haben Fankreise erfolgreich das Referendum ergriffen. Demnächst wird das Stimmvolk darüber entscheiden.In Basel wird das Konkordat mit grosser Wahrscheinlichkeit abgelehnt: Ein überparteiliches Komitee hat es geschafft, eine Mehrheit der Parlamentarier davon zu überzeugen, es nicht anzunehmen.

Sollte Basel tatsächlich nicht beitreten, würde der wichtigste Fussballstandort der Schweiz fehlen. Das Konkordat gilt nur in jenen Kantonen, die es auch angenommen haben. Der dortige SP-Grossrat Tobit Schäfer hat zudem eine Beschwerde beim Bundesgericht eingereicht mit der Begründung, das Konkordat würde Grundrechte stark einschränken. Bis zu einem Entscheid will es der Kanton Luzern, der das Gesetz schon angenommen hat, nicht anwenden.(dv)

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