«Das ist uns eine Lehre»

Mit der Trendumfrage zur Ecopop-Initiative lag das Umfrageinstitut GFS Bern nicht zum ersten Mal klar daneben. Geschäftsleitungsmitglied Lukas Golder nimmt Stellung.

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Lukas Golder, bei der letzten SRG-Trendumfrage sagten 39 Prozent der Befragten, sie würden ein Ja zu Ecopop einlegen. Tatsächlich stimmten gestern aber nur 26 Prozent dafür. Weshalb die grosse Diskrepanz?
Die Ecopop-Initiative war ein Spezialfall: Bei der zweiten Umfrage stellten wir fest, dass das Ja-Lager aufholte – das ist sehr selten bei Initiativen. Normalerweise sinkt der Ja-Anteil bei Initiativen während des Abstimmungskampfes, im Durchschnitt um zehn Prozent zwischen der zweiten Umfrage und der Abstimmung. Hier aber spürten wir eine Art Taktieren, die Stimmbürger wollten möglicherweise mit einem Ja zur Ecopop-Initiative dem Bundesrat ein Zeichen setzen. Es wäre durchaus denkbar gewesen, dass der Ja-Anteil stabil geblieben oder sogar gestiegen wäre.

Stattdessen brach er ein. Schon bei der ersten Abstimmung in diesem Jahr über ein Migrationsthema lag das SRG-Trendbarometer daneben: Die Umfrage ging von 43 Prozent Ja zur Masseneinwanderungsinitiative aus, stattdessen wurde die Vorlage an der Urne mit 50,3 Prozent angenommen.
Damals stand die SVP – im Gegensatz zur Ecopop-Initiative – voll hinter der Initiative. Die Partei kann die Stimmbürger bei emotionalen Vorlagen offenbar stark mobilisieren. Das ist uns eine Lehre. Wir müssen in Zukunft sehr stark auf die Positionierung der SVP schauen.

Inwiefern?
Zwischen der ersten und zweiten Umfrage zur Ecopop-Vorlage war eine Demobilisierung bei der SVP erkennbar. Wir waren unsicher, wie das zu werten ist. Jetzt wissen wir, dass genau das ein Zeichen war, dass SVP-nahe Leute Sympathien für Ecopop hatten, aber wegen der offiziellen Nein-Parole der Partei der Urne fernblieben. Das würden wir heute wohl deutlicher kommunizieren.

Auch bei der Minarettinitiative wurde man vom Abstimmungsresultat (rund 58 Prozent Ja) überrascht, nachdem das Trendbarometer von einem Nein ausgegangen war. Sind Sie als Umfrageinstitut noch glaubwürdig?
Bei routinierten Fällen wie Goldinitiative oder Pauschalbesteuerung sind wir sehr klar und lassen kaum Spielraum offen. Allerdings gibt es ein neues Phänomen: Die Chancen von Initiativen von rechts sind eindeutig gestiegen. Das wissen wir, doch um zu verstehen, wie es dazu kommt, fehlt uns die Erfahrung. Schwierig ist für uns die Erwartungshaltung, die an uns gestellt wird. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass wir keine Prognosen machen, sondern nur Momentaufnahmen. Um glaubwürdig zu bleiben, müssen wir das besser vermitteln. Doch dass unsere Momentaufnahmen korrekt und in dem Sinn glaubwürdig sind, daran zweifle ich nicht.

Zurück zur Ecopop-Initiative. Nach der zweiten Umfrage rechneten Sie mit einem Anstieg auf der Ja-Seite. Stattdessen sank er auf 26 Prozent. Weshalb?
Ein Grund ist bestimmt, dass es eine klare Gegenreaktion in den Medien gegen dieses «Zeichen setzen» der Stimmbürger gab. Aber auch von der SVP wurde deutlich kommuniziert, dass ein taktisches Ja zur Ecopop-Initiative nichts bringen würde. Und nicht zuletzt lag die Stimmbeteiligung mit 49 Prozent deutlich tiefer als normalerweise bei solchen emotionalen Themen. Es gibt klare Hinweise, dass viele Stimmbürger von rechts und rechts aussen der Urne fernblieben. Das hat den Effekt noch verstärkt. Dass der Ja-Anteil derart einbricht, haben wir in diesem Ausmass noch nicht erlebt. Wir müssen nun genau schauen, was bei der Meinungsbildung in den letzten drei Wochen passiert ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.12.2014, 14:22 Uhr)

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Der Politik- und Medienwissenschafter Lukas Golder ist Mitglied der Geschäftsleitung von GFS Bern.

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