Schweiz
Das seltsame Blatt für Deutsche in der Schweiz
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 06.11.2009 14 Kommentare
Kaum je hat eine neues Medium aus der Schweiz im nördlichen Nachbarland so grosses Interesse ausgelöst. Renommierte deutsche Medien berichteten über die «Deutsche Wochenzeitung Schweiz», die heute zum ersten Mal erscheinen soll. Der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» war die Sache einen Text wert, «Spiegel online» publizierte einen Bericht, der Deutschlandfunk brachte einen Beitrag. Im Berliner Radio eins durfte der Chefredaktor des neuen völkerverbindenden Blatts gestern erläutern, wie er die Viertelmillion Deutschen in der Schweiz «an die Hand nimmt». Ole Glausen will der deutschen Diaspora etwa den Unterschied zwischen «Grüezi» und «Grützi» erklären.
Keine der Redaktionen in Deutschland und auch in der Schweiz schaute in den vergangenen Tagen und Wochen genauer hin, mit wem sie es zu tun hatte. Sonst hätte man gemerkt: Ole Glausen, der wahlweise als PR-Berater, Journalist oder auch Parteichef auftritt, ist eine schillernde Figur. Er erweckt den Eindruck, er sei dauernd in halb Europa unterwegs und fast überall zu Hause. Am Handy sagte Glausen vorgestern, er sei gerade am Einchecken für einen Flug nach Berlin. Wenig später nahm er im Aargau einen Festnetzanruf entgegen. Auf der Homepage der «Deutschen Wochenzeitung Schweiz» führt er ein halbes Dutzend angebliche Mitarbeiter mit Allerweltsnamen («Produzent Peter Müller»), aber auch mit Juxnamen («Gastrokritiker Alfredo Ravioli») auf. Ans Redaktions- und ans Verlagstelefon geht aber immer nur Chefredaktor Glausen höchstpersönlich. Will man mitten am Nachmittag einen anderen Involvierten sprechen, sind alle schon im Feierabend – auch in den hektischen Tagen vor dem erstmaligen Erscheinen.
Gorbatschow kam, Putin nicht
Ole Glausen alias Ulrich oder Ueli Glausen alias U. Glausen-Dennler hat in den vergangenen Jahren etliche Zeitungs- und Zeitschriftenprojekte angekündigt: Die unvollständige Palette reicht von der «Bülacher Zeitung» über das «Glatt-Blatt», die «Nordzeitung», die «Grenzlandzeitung» und die «Swissgazette» zu «Schweizaktuell.com», «Hotelspiegel.info», das Business- und Lifestyle-Magazin «Passepartout-Zurich» und das Portal «KMUPress». Hinzu kommt ein transnationales Radioprogramm. Von den zahlreichen Medien existiert, wie Glausen einräumt, kaum eines mehr. Nicht nur: Viele sind gar nie erschienen. Oft blieb es bei Ankündigungen. Neben den zahlreichen kurzzeitigen Chefredaktoren-Posten übernahm Glausen weitere Rollen. So figurierte er als Sprecher für das Nuclear Disarmament Forum. Die undurchsichtige Organisation, präsidiert von Schachweltmeister Anatoli Karpow, wollte 2002 in Zug Wladimir Putin einen Friedenspreis überreichen. Michail Gorbatschow sollte den Preis überreichen, er kam. Putin nicht.
Aktuell ist Glausen Ko-Präsident der «Partei Fünfte Schweiz», die sich für Anliegen der Auslandschweizer starkmachen will. Zum Kern der unter Politkennern unbekannten Partei gehören laut Glausen 100 Personen. Hinzu kämen 1500 Sympathisanten, die spendeten.
Europa-Korrespondent für Australien
Bei den letzten Wahlen ins eidgenössische Parlament trat Glausen allerdings noch als Europa-Korrespondenten des «Sydney Morning Herald» auf. Prompt durfte er in der «Neuen Zürcher Zeitung» kundtun, dass die «überhitzten Kampagne» der SVP in Australien schlecht angekommen sei.
In der umfassenden Schweizer Mediendatenbank ist hingegen nur ein Beitrag des mehrfachen Kurzzeit-Chefredaktors verzeichnet: ein Leserbrief zum Atomthema. Verbürgt ist darüber hinaus, dass Glausen Kolumnen für eine real existierende albanische Zeitung in der Schweiz verfasst.
Die «Deutsche Wochenzeitung» wird gemäss Glausen von Joachim Schwarz über den Acoma-Verlag in Kopenhagen finanziert. Schwarz habe sein Geld als Drehbuchautor gemacht. In einschlägigen Filmdatenbanken findet sich aber nirgends ein Mann seines Namens. Auch der Acoma-Verlag lässt sich in Dänemark nicht ausfindig machen. Glausen gibt an, das Unternehmen sei erst vorletzte Woche gegründet worden. Bereits habe Acoma eine Druckerei in Bratislava erworben. Als ob in der Slowakei keine Druckmaschinen stünden, verhandelte Glausen gestern am frühen Abend mit dem Ringier-Verlag. Man sei sich einig über den Druck der ersten 10'000er-Auflage der «Deutschen Wochenzeitung», bestätigten beide Seiten. Laut Glausen sind 2000 Jahresabonnemente à 50 Franken bestellt worden. In der Druckerei in Bratislava würden 2010 die Versionen der «Deutschen Zeitung» für Dänemark und die Benelux-Länder gedruckt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.11.2009, 11:14 Uhr
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14 Kommentare
Schriftdeutsch wird vom (Schweizerischen) Gehirn als Fremdsprache und nicht als Dialekt oder gar Akzent wahrgenommen und in einem anderen Teil des Gehirnes abgespeichert als Schwitzerdütsch. Eine Tatsache die Ihnen jeder Mediziner bestätigen wird. Das Schriftdeutsche wurde nur aus politischen Gründen ("sprachliche isolation") als Schriftsprache beibehalten ist aber nicht unsere Umganssprache! Antworten
Integration usw. Die kulturellen Unterschiede sind wirklich nicht allzu groß, und meinen hochdeutschen Akzent werde ich nicht ablegen. Wenn ich mich im lokalen Akzent versuche, fühlt man sich als Einheimischer doch veralbert. Wenn ich ein solches Blatt kaufen und lesen würde, wäre es doch eher das Gegenteil von Integration. Da schmökere ich lieber im Tagi und weis was die Mehrheit bewegt. Antworten
Selbst wenn das Projekt "Deutsche Wochenzeitung Schweiz" ernsthaft WÄRE: als Deutscher, der mehrere Jahre in der CH gelebt und gearbeitet hat, kann ich auch meinen Landsleuten nur nahelegen, sich statt der Lektüre eines solchen Blatts lieber im Alltag den Sitten und Gebräuchen des Gastlandes aufgeschlossen zu zeigen - und eine wirkliche Schweizer Zeitung zu lesen. Antworten
Selbst wenn das Projekt "Deutsche Wochenzeitung Schweiz" ernsthaft WÄRE: als Deutscher, der mehrere Jahre in der CH gelebt und gearbeitet hat, kann ich auch meinen Landsleuten nur nahelegen, sich statt der Lektüre eines solchen Blatts lieber im Alltag den Sitten und Gebräuchen des Gastlandes aufgeschlossen zu zeigen - und eine wirkliche Schweizer Zeitung zu lesen. Antworten
@ Bärbel Ruge.Was verstehen Sie unter anpassen und integrieren?Deutsche und D-Schweizer sprechen die gleiche Sprache,Dialekte sind in Deutschland weiter verbreitet als in der Schweiz.Sollen Deutsche ihre Srache verleugnen und unterwürfig sein,nicht in Gruppen auftreten und nur auf der Kellertreppe lachen?Das will sicher dieses Blatt vermitteln.Der Name Bärbel ist wohl auch in Deutschland üblich?! Antworten
Liebe Deutsche, lasst Euch nur nichts einreden von wegen integrieren und anpassen! Wir sind und haben schon genug bünzlige Schweizer in diesem Land. Bleibt einfach, wie Ihr seid, mir passt Ihr auf jeden Fall. im übrigen haben die Bündner und Walliser auch ihre eigenen Zeitungen. Antworten
Liebe Bärbel, wie sieht diese Integration bitteschön aus? Die Deutschen sprechen Deutsch (zwar einen anderen Dialekt, nämlich einen deutschen, aber auch Basler die 30 Jahre in Zürich leben, baslern noch), sie haben einen Job (deshalb sind sie ja oft in der Schweiz), sie zahlen Steuern und haben einen ähnlichen Kulturhintergrund wie wir. Was genau erwarten Sie, Bärbel, bitteschön? Antworten
Hochstapler kommen von überall her, auch aus meinem Heimatland. Was das soll? Keine Ahnung, denn für mich wäre so eine Zeitung eh nicht interessant. Ausserdem möchte ich anmerken, dass ich als Deutscher nicht ständig im schwarz-rot-goldenen Fussball-Trikot herumlaufe. Antworten
Es ist schon merkwürdig: Ich hatte bisher noch nicht das Gefühl eine "helfende Hand" in der CH zu brauchen. Ein wenig Feingefühl, Respekt und Achtung seinen Mitmenschen gegenüber UND sich vor Augen haltend Gast zu sein und sich als solcher zu benehmen, haben bei mir bisher gereicht. Ich mag die Schweiz sehr :-) Antworten
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Beat Moeri
Schon wieder ein Hochstapler, der sich besser einem Facharzt anvertrauen sollte, als mediale Seifenblasen in die Luft zu pusten ! Antworten