Das seltsame Blatt für Deutsche in der Schweiz

Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 06.11.2009 14 Kommentare

Die «Deutsche Wochenzeitung Schweiz» soll ab heute Deutsche in der Schweiz informieren. Ihr Chefredaktor kündigte bereits fast ein Dutzend ähnlicher Blätter an. Viele erschienen nie, andere gingen ein.

Deutsche haben Italiener überholt: 23,6 Prozent aller Ausländer in Zürich haben einen deutschen Pass.

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Bild: Keystone

Kaum je hat eine neues Medium aus der Schweiz im nördlichen Nachbarland so grosses Interesse ausgelöst. Renommierte deutsche Medien berichteten über die «Deutsche Wochenzeitung Schweiz», die heute zum ersten Mal erscheinen soll. Der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» war die Sache einen Text wert, «Spiegel online» publizierte einen Bericht, der Deutschlandfunk brachte einen Beitrag. Im Berliner Radio eins durfte der Chefredaktor des neuen völkerverbindenden Blatts gestern erläutern, wie er die Viertelmillion Deutschen in der Schweiz «an die Hand nimmt». Ole Glausen will der deutschen Diaspora etwa den Unterschied zwischen «Grüezi» und «Grützi» erklären.

Keine der Redaktionen in Deutschland und auch in der Schweiz schaute in den vergangenen Tagen und Wochen genauer hin, mit wem sie es zu tun hatte. Sonst hätte man gemerkt: Ole Glausen, der wahlweise als PR-Berater, Journalist oder auch Parteichef auftritt, ist eine schillernde Figur. Er erweckt den Eindruck, er sei dauernd in halb Europa unterwegs und fast überall zu Hause. Am Handy sagte Glausen vorgestern, er sei gerade am Einchecken für einen Flug nach Berlin. Wenig später nahm er im Aargau einen Festnetzanruf entgegen. Auf der Homepage der «Deutschen Wochenzeitung Schweiz» führt er ein halbes Dutzend angebliche Mitarbeiter mit Allerweltsnamen («Produzent Peter Müller»), aber auch mit Juxnamen («Gastrokritiker Alfredo Ravioli») auf. Ans Redaktions- und ans Verlagstelefon geht aber immer nur Chefredaktor Glausen höchstpersönlich. Will man mitten am Nachmittag einen anderen Involvierten sprechen, sind alle schon im Feierabend – auch in den hektischen Tagen vor dem erstmaligen Erscheinen.

Gorbatschow kam, Putin nicht

Ole Glausen alias Ulrich oder Ueli Glausen alias U. Glausen-Dennler hat in den vergangenen Jahren etliche Zeitungs- und Zeitschriftenprojekte angekündigt: Die unvollständige Palette reicht von der «Bülacher Zeitung» über das «Glatt-Blatt», die «Nordzeitung», die «Grenzlandzeitung» und die «Swissgazette» zu «Schweizaktuell.com», «Hotelspiegel.info», das Business- und Lifestyle-Magazin «Passepartout-Zurich» und das Portal «KMUPress». Hinzu kommt ein transnationales Radioprogramm. Von den zahlreichen Medien existiert, wie Glausen einräumt, kaum eines mehr. Nicht nur: Viele sind gar nie erschienen. Oft blieb es bei Ankündigungen. Neben den zahlreichen kurzzeitigen Chefredaktoren-Posten übernahm Glausen weitere Rollen. So figurierte er als Sprecher für das Nuclear Disarmament Forum. Die undurchsichtige Organisation, präsidiert von Schachweltmeister Anatoli Karpow, wollte 2002 in Zug Wladimir Putin einen Friedenspreis überreichen. Michail Gorbatschow sollte den Preis überreichen, er kam. Putin nicht.

Aktuell ist Glausen Ko-Präsident der «Partei Fünfte Schweiz», die sich für Anliegen der Auslandschweizer starkmachen will. Zum Kern der unter Politkennern unbekannten Partei gehören laut Glausen 100 Personen. Hinzu kämen 1500 Sympathisanten, die spendeten.

Europa-Korrespondent für Australien

Bei den letzten Wahlen ins eidgenössische Parlament trat Glausen allerdings noch als Europa-Korrespondenten des «Sydney Morning Herald» auf. Prompt durfte er in der «Neuen Zürcher Zeitung» kundtun, dass die «überhitzten Kampagne» der SVP in Australien schlecht angekommen sei.

In der umfassenden Schweizer Mediendatenbank ist hingegen nur ein Beitrag des mehrfachen Kurzzeit-Chefredaktors verzeichnet: ein Leserbrief zum Atomthema. Verbürgt ist darüber hinaus, dass Glausen Kolumnen für eine real existierende albanische Zeitung in der Schweiz verfasst.

Die «Deutsche Wochenzeitung» wird gemäss Glausen von Joachim Schwarz über den Acoma-Verlag in Kopenhagen finanziert. Schwarz habe sein Geld als Drehbuchautor gemacht. In einschlägigen Filmdatenbanken findet sich aber nirgends ein Mann seines Namens. Auch der Acoma-Verlag lässt sich in Dänemark nicht ausfindig machen. Glausen gibt an, das Unternehmen sei erst vorletzte Woche gegründet worden. Bereits habe Acoma eine Druckerei in Bratislava erworben. Als ob in der Slowakei keine Druckmaschinen stünden, verhandelte Glausen gestern am frühen Abend mit dem Ringier-Verlag. Man sei sich einig über den Druck der ersten 10'000er-Auflage der «Deutschen Wochenzeitung», bestätigten beide Seiten. Laut Glausen sind 2000 Jahresabonnemente à 50 Franken bestellt worden. In der Druckerei in Bratislava würden 2010 die Versionen der «Deutschen Zeitung» für Dänemark und die Benelux-Länder gedruckt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2009, 11:14 Uhr

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14 Kommentare

Bärbel Ruge

06.11.2009, 09:43 Uhr
Melden

Die Deutschen sollen sich bitteschön einfach integrieren und sich uns anpassen, dann braucht's auch solche Blätter nicht. Gilt auch für alle übrigen Ausländer! Antworten


Roger Staller

06.11.2009, 09:23 Uhr
Melden

Eine einigermassen vernünftige Zeitung in Zürich wäre ja schon wünschenswert. Antworten



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