Schweiz
«Das war sehr naiv von der Axpo»
Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 20.06.2011 55 Kommentare
Unfall, Verseuchung, Umsiedlung
Greenpeace-Atomcampaigner Florian Kasser, der die Journalisten-Reise nach Majak im letzten November organisierte und selbst mit dabei war, zur Lage in der Region: «In dem Gebiet sind die Krebs- und insbesondere die Leukämie-Raten deutlich über dem Normalwert.» Dies würden auch die Zahlen der russischen Behörden bestätigen. Kasser war mit Fachleuten unterwegs und sah am Geigerzähler, dass die Messwerte in gewissen Gegenden die Grenzwerte um ein Vielfaches überstiegen. Ganze Siedlungen wurden wegen der erhöhten Werte geräumt, die Menschen teilweise in entfernten Gebieten wieder angesiedelt.
«Bei einer Pfütze unten am Fluss sind es 100 Counts pro Sekunde (am Geigerzähler, Anm. der Redaktion), dann 200, 300, am Flussufer schliesslich: 400 – eine 20-mal höhere Strahlung als üblich», schrieb ein Reporter, der für die «Aargauer Zeitung» im Gebiet war. Der Fluss, das ist die Tetscha, ist «eine radioaktive Kloake», wie Kasser sagt. Noch immer befänden sich bewohnte Dörfer in der Nähe des Flusses.
Die Anlage Majak hat eine dramatische Vergangenheit. 1957 explodierte dort ein Tank mit radioaktiver Flüssigkeit. Der Vorfall ist nach Messung der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) der drittschwerste Nuklearunfall der Geschichte – nach Tschernobyl und Fukushima. Rund 10'000 Menschen wurden in der Folge umgesiedelt. Mit den Folgen für Mensch und Umwelt beschäftigt sich die Wissenschaft noch heute. Nicht nur der Unfall von 1957, auch die jahrelange Entsorgung von radioaktiven Abfällen in die Tetscha in den 50er-Jahren ist inzwischen dokumentiert.
Nun kann man einwenden, dass dies heute doch keine Rolle mehr spiele, zumal die Anlagenbetreiber immer wieder beteuern, es sei jetzt alles unter Kontrolle und keine Grenzwerte würden überschritten. Greenpeace selber sagt, dass auch heute nicht sauber gearbeitet werde: «Aktuelle Greenpeace-Messungen im radioaktiv verseuchten Gebiet rund um die Wiederaufarbeitungsanlage Majak zeigen: Innert zwei Jahren sind die Strontium- und Tritiumwerte im Wasser des Flusses Tetscha erheblich angestiegen», schrieb die Umweltorganisation vor einem Monat in einer Medienmitteilung. Dass in der Anlage Majak nicht sauber gearbeitet wird, ist für Axpo ein Vorwurf, aber nicht eine gefestigte Tatsache: «Es liegen auch Indizien und Messwerte vor, die diesen Schluss nicht zulassen. Axpo möchte sich eigenständig ein Bild machen, wie die Prozesse in Mayak wirklich sind.»
Peter Reinhard, Zürcher EVP-Kantonsrat und Axpo-Verwaltungsrat, sagt dazu: «Greenpeace machte ihre Messungen 80 Kilometer weit entfernt von der Wiederaufbereitungsanlage. Das könnte ja vom Unfall von damals sein. Wir aber wollen wissen, ob es neue radioaktive Verschmutzungen in unmittelbarer Nähe der Anlage gibt.»
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«Peinliche Uran-Herkunft», titelte die «NZZ» im letzten September. Mit peinlich meinte das Blatt die Tatsache, dass die Umweltorganisation Greenpeace mehr wusste über die Wiederaufbereitungsanlage im russischen Majak als der Käufer des dort hergestellten Brennmaterials, der milliardenschwere Stromkonzern Axpo. (AXP10 105.3 -0.05%) Greenpeace hatte nach ersten eigenen Berichten im November 2010 eine Medienreise ins Gebiet der skandalumwitterten Anlage inmitten Russlands organisiert. Journalisten berichteten daraufhin von Treffen mit Menschen, die dort leben, mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und mit Behörden und beschrieben eine düstere Realität: Die Region Majak ist gezeichnet von einer tragischen Vergangenheit und von anhaltenden Unsicherheiten über angebliche radioaktive Verschmutzung der Umwelt (siehe Box).
Axpo selber hatte auf die Berichterstattung schon im letzten Jahr reagiert. Zwei Reisen ins Gebiet von Majak hatten Delegationen unternommen, eine Ende 2010 und eine weitere in diesem Frühling. Offenbar genügten die erhaltenen Informationen dem Stromriesen selber nicht. Klarheit sollte ein Besuch der Anlage bringen. Axpo dazu: «Wir versuchen abzuklären, inwieweit die Vorwürfe stimmen, dass durch die heutigen Prozesse immer noch Belastungen für Umwelt und Bewohner entstehen.» Dieser Besuch aber wurde nun kurzfristig abgesagt. Die russischen Behörden untersagten der Axpo-Delegation den Zutritt zur Wiederaufbereitungsanlage.
Vertragskündigung gefordert
Sehr kurzfristig kam die Absage nun sogar. Die Mission hätte nämlich heute starten sollen, wie es in einem Beitrag von Radio DRS hiess. Der Stromriese reagierte gestern «verärgert». Zum Reisetermin selber wollte Axpo keine Angaben machen. Dafür äusserte sich der Stromriese nochmals zur Sache: «Wir durften nach den bisherigen Gesprächen sehr zuversichtlich sein, dass es mit dem Zutritt zur Anlage klappen würde. Leider blieben unsere Bemühungen, eine schriftliche Zusage zu erhalten, erfolglos. Statt der Zusicherung kam kurzfristig eine schriftliche Absage.» Es sei der Axpo-Delegation auch nicht nur um die Besichtigung der Anlage gegangen, sondern «auch um den Vorort-Augenschein sowie das Gespräch mit den Verantwortlichen, mit denen auch die Mitglieder des Verwaltungsrates offene Punkte hätten besprechen wollen». Auch diese Gespräche seien von der russischen Seite für die Reise im Juni abgesagt worden.
Die Axpo-Reise nach Majak hatte bei Greenpeace schon zuvor Fragen aufgeworfen. Die Umweltorganisation wollte mit den Leuten des Stromriesen mit nach Russland reisen. Laut Atomcampaigner Florian Kasser habe man dafür zuerst die Zustimmung erhalten. «Vor drei Wochen wurden wir aber wieder ausgeladen.» Kasser ärgerte das. Er attestiert der Axpo zwar, dass sie sich um «Aufarbeitung der Situation bemüht». Aber: «Sie machen das viel zu wenig transparent.»
Axpo will selber vor Ort Resultate sehen
Für Kasser ist die Sache mit Majak klar: «Axpo muss aus den Verträgen zum Bezug von Brennmaterial für Schweizer Atomkraftwerke aussteigen.» Die Messwerte würden auch mit Besuchen vor Ort nicht besser. Und zudem: «Wir hatten Axpo schon lange darauf hingewiesen, dass ein Besuch der Anlage kaum möglich ist, da diese von den Russen als militärisches Sperrgebiet streng abgeschirmt wird. Das war doch sehr naiv von der Axpo.» In einer Medienmitteilung doppelt Greenpeace nach: «Diese Absage ist äusserst peinlich für die Axpo. Die Transparenzbemühungen, mit denen sich die Axpo rühmt, haben damit einen neuen Tiefpunkt erreicht. Seit Monaten wartet man auf die im grossen Stil angekündigten eigenen Abklärungen rund um die Wiederaufbereitungsanlage in Majak.» Der Stromriese dazu: «Axpo versucht, möglichst viele Fakten zu beschaffen, dazu gehört auch ein Besuch der Anlage. Axpo wird weiterhin versuchen, eine Bewilligung zu bekommen.»
Offenbar glaubte man bei der Axpo bis zum Schluss, dass ein Besuch der Anlage möglich sei. Wie der Zürcher EVP-Kantonsrat sagt, habe man die Reise erst nicht mehr antreten wollen, als klar war, dass die Anlage nicht besucht werden könne. Eine explizite Zusage der russischen Behörden hatte es für den Besuch der Anlage gar nie gegeben. Die Absage, dass es nicht möglich ist die Anlage zu besuchen, kam laut Axpo «Anfang vergangener Woche».
Kägi will sich allenfalls für Kündigung stark machen
Wie schwer zugänglich die Aufbereitungsanlage in Majak wirklich ist, lässt sich nicht genau eruieren. Greenpeace selber erhielt nie Zugang, hatte diesbezüglich aber Kontakt mit der IAEA, der internationalen Atomenergiebehörde. Diese bestätigte gegenüber der Umweltorganisation einzig, dass man geforderte Messwerte nicht erhalten habe. Der Direktor der Anlage in Majak, Sergej Baranow, sagte in einem Interview gegenüber einem Schweizer Journalisten: «Kommen Sie, wir zeigen Ihnen alles.» Wie ernst er es damit meinte, bleibt offen. Russische Militäranlagen stehen in der Regel unter strengster Geheimhaltung. Laut Baranow hatte 2009 eine Inspektion der IAEA stattgefunden.
Das alles aber scheint nun in den Hintergrund zu rücken. Der Druck auf Axpo, kein Material mehr aus Majak zu beziehen, nimmt zu. Der Zürcher Regierungsrat Markus Kägi, selbst Verwaltungsrat bei der Axpo, kündigt Konsequenzen für den Fall an, dass er das Werk nicht selber sehen kann und verlässliche Daten bekommt. «Dann setze ich mich für die Kündigung des Vertrags ein», erklärte er dem «Tages-Anzeiger». Da habe sich Kägi aber ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, so ein Kenner der Sache.
Ausstieg gar nicht möglich?
Eine Kündigung allerdings dürfte nicht ganz einfach werden. Axpo bezieht laut Beobachtern das Material via die französische Atomgesellschaft Areva. Und dass diese für Transparenz bei der Herkunft garantieren könne, wird bezweifelt. Geschweige denn, auf Material aus Majak verzichte. Zudem bestünden wohl langjährige Lieferverträge, die nicht ohne Konsequenzen – sprich Entschädigungszahlungen – gekündigt werden könnten. Axpo sagt dazu: «Axpo ist an Verträge gebunden. Zudem macht das Rezyklieren von zivilen Abfällen durch Mischen mit hochangereicherten Abfällen in Mayak technisch und aus Sicht der Abfallwiederverwendung sehr grossen Sinn.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.06.2011, 16:13 Uhr
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55 Kommentare
Herr Karrer demonstriert sehr eindrücklich wie die Atomindustrie nicht viel im Griff hat! Ausser ihre Gewinne und Gehälter sowie die Kundschaft (Würgegriff). Dass sollte auch dem letzten strammen Eidgenossen zu denken geben. Unabhängig funktioniert anders und vor allem mit mehr Wissen. Jeder Teppichhändler ist da überzeugender. Antworten
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