«Das würde uns viel Leid ersparen»

Die Steuern direkt vom Lohn abziehen: Schuldenberater Sébastien Mercier über eine Idee im Aufwind, die einem gesellschaftlichen Bedürfnis entspreche.

Für viele ein mühseliges, sich alljährlich wiederholendes Ritual: Das Ausfüllen der Steuererklärung.

Für viele ein mühseliges, sich alljährlich wiederholendes Ritual: Das Ausfüllen der Steuererklärung. Bild: Keystone

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Es ist eine Motion mit Pioniercharakter: Rudolf Rechsteiner (SP) will, dass der Grosse Rat von Basel-Stadt das kantonale Steuersystem umkrempelt. Steuern sollen durch den Arbeitgeber direkt vom Lohn abgezogen werden. Das war im letzten Jahr, und noch ist ein definitiver Entscheid hängig. Doch die Idee findet Gefallen: Im vergangenen Mai veröffentlichte die Zürcher Beratungsfirma Fehr Advice ein verhaltenspsychologisches Gutachten. Der Hauptbefund: der automatisierte Lohnabzug würde viele Menschen vor der Schuldenfalle schützen. Das kommt bei einigen Parteien gut an. SP, Grüne und EVP im Kanton Zürich haben nun angekündigt, das Steuersystem entsprechend verändern zu wollen. Zu den vehementesten Befürwortern gehört auch die Schuldenberatung Schweiz. Sie kümmert sich täglich um Personen, die nicht mehr aus der Schuldenfalle finden.

Herr Mercier, wie oft werden die Steuern zur Schuldenfalle?
Steuerschulden sind bei uns ein Dauerbrenner. Rund 80 Prozent der Leute, die zu uns kommen, sind davon betroffen. Damit handelt es sich um den Schuldentreiber Nummer eins. Immer wieder stellen wir fest, dass Verschuldete sogar einen Kredit aufnehmen, um ihre Steuerschulden zu begleichen. Sie geraten in einen Abwärtsstrudel – oftmals ohne Ausweg.

Häufige Ursache finanziellen Leids: Steuerschulden. (Grafik: Schuldenberatung Schweiz)

Sie schlagen den direkten Steuerabzug vom Lohn vor. Ein Steuersystem, das etwa in Deutschland und anderen Nachbarländern schon lange existiert. Weshalb würde sich die Situation dadurch verbessern?
Viele Menschen verwechseln Liquidität mit Kaufkraft. Würden die Steuern gleich vom Lohn abgezogen, kämen die Schuldner erst gar nicht in die missliche Lage. Stattdessen ist ihr Geld beim Eintreffen der Steuererklärung schon längst aufgebraucht. Mit einem automatisierten, freiwilligen Direktabzug der Steuern könnte viel Leid verhindert werden.

Umfrage

Würden Sie sich die Steuern direkt vom Lohn abziehen?

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75.3%

Nein

 
24.7%

1875 Stimmen


Was unternehmen Sie auf politischer Ebene?
Der politische Widerstand ist zurzeit noch gross. So hat sich das Bundesparlament beispielsweise gegen eine flächendeckede Quellensteuer ausgesprochen. Der Weg führt über die Kantone. In Basel-Stadt wurde eine Motion eingereicht, die wir aktiv unterstützen. Auch in Zürich laufen Diskussionen, und zurzeit planen wir Vorstösse in Bern und Neuenburg. Das Ziel ist, sich in der gesamten Schweiz durchzusetzen.

Es gibt wohl Menschen, die ihren Haushalt selber bewirtschaften wollen. Gewisse Politiker sehen im automatisierten Steuersystem eine Bevormundung.
Das Argument der Bevormundung ist heuchlerisch und entgegen der Mehrheitsmeinung. Der automatisierte Steuerabzug entspricht einem gesellschaftlichen Bedürfnis. Diverse Studien und Umfragen haben gezeigt, dass es eine Mehrheit vorzieht, regelmässig kleinere Beträge zu zahlen, statt nur einmal im Jahr einen grossen Betrag. Wichtig wäre, dass das System auf Freiwilligkeit beruht. Wer seine Steuern wie bis anhin bezahlen will, soll dies weiterhin tun können.

Die Schulden ziehen sich durch sämtliche Einkommensstufen. (Grafik: Schuldenberatung Schweiz)

Ein automatisierter Abzug würde Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, zusätzlich belasten. Leute, die zwar Steuern bezahlen wollen, es aber nicht können.
Für Menschen unter der Armutsgrenze ist die Steuerfrage tatsächlich sehr heikel. Jährlich werden schätzungsweise 1,3 Milliarden Franken als «uneinbringliche» Steuern abgeschrieben. Ein Verlust, der wiederum dem Steuerzahler angelastet wird. In einigen Kantonen sind die Steuern für ärmere Bevölkerungsschichten schlicht zu hoch. Die Rücksichtnahme auf das Existenzminimum wird teilweise bewusst ignoriert.

Wer ist der typische Steuerschuldner?
Es gibt keine eindeutige Zuordnung. Arme wie Reiche sind davon betroffen. Meistens wird die Abwärtsspirale durch ein einschneidendes Erlebnis ausgelöst: Eine Scheidung, der Verlust der Arbeitsstelle, eine Krankheit oder die Geburt eines Kindes. Die Betroffenen sind zu wenig auf die neue Situation vorbereitet oder aufgrund einer Depression schlicht handlungsunfähig.

Abwärtssog: Je länger die Verschuldung andauert, desto grösser wird sie. (Grafik: Schuldenberatung Schweiz)

Die Arbeitgeberverbände lehnen die direkte Besteuerung ab. Sie befürchten einen administrativen Mehraufwand für Firmen.
Einzelne kleinere Firmen dürften einen gewissen Mehraufwand zu spüren bekommen. Dabei erhielten die Unternehmen jedoch eine finanzielle Entschädigung des Kantons. Ich sehe dabei vor allem eine faule Ausrede, um ein System zu stützen, das wesentlich von der Verschuldung profitiert. Die Leute geben Geld aus, das sie gar nicht haben. Davon profitiert die Privatwirtschaft. Die Zeche bezahlt letztlich wieder der Steuerzahler. Das ist eine sehr destruktive Denkweise, die vor allem in bürgerlichen Kreisen stark verankert ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2016, 21:04 Uhr

Sébastien Mercier ist Geschäftsleiter bei der Schuldenberatung Schweiz.

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