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«Deckungsgrad der Pensionskassen ist tiefer als ausgewiesen»

Der Finanzprofessor Martin Janssen sieht die Gründe für den schlechten Zustand der Pensionskassen in unrealistischen Annahmen und eigener Selbstüberschätzung.

die Lage der Pensionskassen hält er für «unhaltbar»: Finanzprofessor Martin Janssen.

die Lage der Pensionskassen hält er für «unhaltbar»: Finanzprofessor Martin Janssen.
Bild: Keystone

Der Deckungsgrad

Ein Deckungsgrad unter 100 Prozent bedeutet, dass eine Pensionskasse nicht mehr über genügend Mittel verfügt um die Rentenverpflichtungen zu erfüllen. Die Berechnung des Deckungsgrades ist keine exakte Wissenschaft. Sie hängt vor allem von Annahmen wie der Lebenserwartung der Rentner und den auf dem Kapitalmarkt erzielbaren Renditen ab. Eine hohe Lebenserwartung bedeutet, dass die Rentner mehr Kapital beanspruchen und damit pro Person weniger zur Verfüng steht. Das führt zu einem tieferen Deckungsgrad. Je höher die Kapitalmarktrenditen liegen, desto mehr steigt das verfügbare Kapital an. Das erhöht den Deckungsgrad.

Dass es um den Deckungsgrad der Schweizer Pensionskassen schlecht steht, ist bekannt. Tatsächlich sind die Kassen aber noch weit schlimmer dran. «Oft liegt der ökonomisch korrekt berechnete Deckungsgrad der Pensionskassen 20 oder mehr Prozentpunkte tiefer als der ausgewiesene Wert», sagt Finanzprofessor Martin Janssen von der Universität Zürich und Gründer des Beratungsunternehmens Ecofin. Viele Kassen sind seiner Meinung nach nicht mehr sanierbar.

Der Professor weiss vom Beispiel einer «alten und grossen» Pensionskasse, die zwar einen offiziellen Deckungsrad von 80 Prozent ausweist, deren tatsächlicher Wert aber auf unter 60 Prozent zu liegen kommt. Auch diese Kasse kann nicht mehr saniert werden, da allein die Ansprüche der aktuellen Rentner kaum mehr gedeckt werden können. Für die Erwerbstätigen bleibt gar nichts mehr übrig.

Unrealistische Annahmen erhöhen den Deckungsgrad

Meist gehen Kassenverantwortliche bei der Berechnung des Deckungsgrads von falschen Annahmen aus. Das zeigt sich laut Janssen bei der der Einschätzung zur Lebenserwartung der Rentner, die unterschätzt würde. Besonders deutlich werde das Fehlurteil aber bei der Kapitalmarktrendite: «In vielen Pensionskassen werden die Rentenberechnungen auf der Basis eines Vermögensertrages von 5 Prozent oder mehr pro Jahr durchgeführt», sagt Jansen und ergänzt: «Ein solch hoher erwarteter Ertrag kann bei den heutigen Zinsen nur mit dem Eingehen eines sehr grossen Risikos erreicht werden». Konkret bedeutet das, die Kassen müssten weit mehr als 50% des gesamten Kapitals in Aktien anlegen. Für den Professor führt das zu einer unhaltbaren Lage: «Die Rentenleistungen werden auf der Basis von 5% Rendite pro Jahr berechnet, ohne dass die aktuellen Rentner irgendein Anlagerisiko tragen müssen. Wenn sich wie in der aktuellen Krise das wahre Risiko zeige, müssten die Erwerbstätigen die Kapitaleinbussen alleine tragen, oft sogar dadurch, dass sie mit ihren Sanierungsbeiträgen das Kapital der Rentner wieder äufnen.

Teure Selbstüberschätzung der Kassenverwalter

Der Druck der Kassenverwalter, die selbst gesetzten Renditeziele auch wirklich zu erreichen, verleitet sie offenbar zur Überschätzung der eigenen Anlagefähigkeiten: «Es gibt noch immer Pensionskassen, die glauben, sie könnten beurteilen, welche Aktien oder Branchen an der Börse in der Zukunft besonders gute Renditen erzielen werden», sagt Janssen. Die praktische Erfahrung und die Forschung zeigen laut dem Finanzprofessor hingegen klar: Niemand ist in der Lage, systematisch, das heisst während längerer Zeit, besser als der Gesamtmarkt abzuschneiden. Die Analyse einzelner Titel oder Branchen oder Währungen bringt im Durchschnitt nichts und ist erst noch sehr teuer, betont er. Janssen schätzt den Preisaufschlag dieses nutzlosen «aktiven» Anlegens gegenüber dem «passiven» - bei dem über Indexfonds ein ganzer Aktienmarkt abgebildet wird – auf etwa 1 Prozent pro Jahr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.09.2009, 18:27 Uhr

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