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Dem Land einen Dienst erweisen

Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 08.07.2010 40 Kommentare

Es ist höchste Zeit, dass die allgemeine Wehrpflicht fällt – aber nicht ersatzlos.

Eine komplette Abschaffung wäre verfrüht: Rahel Ruch von der GSoA nimmt Stellung zur neuen Initiative zu Abschaffung der Wehrpflicht.

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Jahrzehntelang war die Schweizer Armee ein politisches Heiligtum. Kein Wunder, musste sich das Trüppchen mit dem programmatischen Namen «Gruppe für eine Schweiz ohne Armee» (GSoA) böse Worte anhören, als es sich 1985 daran machte, Unterschriften zu sammeln: für eine Initiative zur Abschaffung der Armee.

Ein Vierteljahrhundert später existiert die Armee zwar noch immer. Trotzdem kann die GSoA zufrieden sein: Der Personalbestand wurde reduziert (massiv), das Budget ebenfalls (ebenfalls massiv). Der einstige Ruf, eine Kaderschmiede zu sein, hat sich verflüchtigt. Entsprechend gering ist die Motivation junger Männer, sich dem eigentlich obligatorischen Wehrdienst zu stellen. Nur noch rund 60 Prozent gehen heute ins Militär.

GSoA strebt Freiwilligkeit an

Nun hat die GSoA mit einem neuen Vorstoss auf das Malaise reagiert: Am Montag lancierte sie eine Initiative zu Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht. Diesmal soll die Armee zwar nicht total liquidiert, aber zu einem Freiwilligentrupp umfunktioniert werden. Angesichts des Zustands des Schweizer Militärs könnte man sagen: Das Begehren ist ein Gebot der Stunde. Die Wehrpflicht existiert nur noch auf dem Papier. Erstens kann man sich ihr ohne viel Aufwand entziehen. Zweitens ist die Armee längst nicht mehr auf alle jungen Schweizer angewiesen. Also weg mit der Wehrpflicht.

Könnte man sagen. Doch was wären die Folgen? Wer die Wehrpflicht abschafft, entsorgt auch ihre positive Seite, nämlich das Prinzip, dass jeder junge Mann ein paar Monate Dienst an der Gemeinschaft leistet und dass dabei der Jungakademiker vom Zürichberg und der Jungbauer aus dem Entlebuch gemeinsam anpacken.

Sozial-, Friedens-, Militärdienst

Ist dieses Prinzip reif für den Müll? Nein. Aber es braucht eine neue Form. Und diese heisst allgemeine Dienstpflicht. Dienstpflichtige sollen frei wählen dürfen zwischen einem Einsatz in der Armee, einem Sozialdienst, einem Friedensdienst oder sonst einem Dienst an der Gesellschaft. Möglich ist vieles: Behinderte betreuen, Betagte pflegen, einem Bergbauern helfen, nach einer Naturkatastrophe aufräumen. Et cetera.

Dass es angesichts der steigenden Anzahl Zivildienstleistender derzeit an genügend Arbeitsplätzen für die «Zivis» fehlt, ist kein Argument gegen die Dienstpflicht. Denn die Verhältnisse werden sich ändern. So wird parallel zum wachsenden Anteil betagter Menschen auch die Nachfrage nach Betreuungspersonal zunehmen.

Das Hauptargument für den Gemeinschaftsdienst ist freilich sein staatspolitischer Wert. Denn in der Schweiz hat sich im letzten Vierteljahrhundert nicht nur die Armee verändert. Es veränderte sich auch die Einkommens- und Vermögensverteilung; die Schere zwischen Arm und Reich hat sich weiter geöffnet. So stiegen zwischen 2003 und 2006 die zehn Prozent höchsten Löhne um drei Prozent pro Jahr, die unteren sieben Zehntel nur um ein Prozent. Die Zahl der Einkommensmillionäre hat sich zwischen 1995 und 2005 verdoppelt. Und die drei Prozent reichsten Schweizer Haushalte erhöhten ihren Anteil am gesamten Reinvermögen von unter 50 auf 55 Prozent. Auch der Alltag hat sich verändert. Das Arbeitsleben ist rauer geworden, die Konkurrenz härter, der Individualismus ausgeprägter.

Kurz: Die Gesellschaft strebt auseinander. Das ist keine erfreuliche Perspektive, schon gar nicht für eine Willensnation wie die Schweiz, die ihren Kitt aus dem kollektiven Willen zum Zusammenleben bezieht. Wie lassen sich Gemeinsinn und Solidarität reaktivieren? Die allgemeine Dienstpflicht könnte dazu beitragen.

Bleibt die Frage: Soll die Dienstpflicht nur für Männer oder auch für Frauen gelten? Theoretisch für beide, weil es keinen Grund gibt, weshalb nur Männer zum gemeinschaftlichen Dienst verpflichtet werden sollen. Praktisch ist es allerdings nach wie vor so, dass es vor allem Frauen sind, die Haus- und Familienarbeit leisten, sich in der Nachbarschaftshilfe engagieren und betagte Familienmitglieder betreuen. Wer im Namen der Gerechtigkeit dafür plädiert, dass Frauen Gemeinschaftsdienst leisten, muss also gleichzeitig mehr männliches Engagement für Familie und Nachbarschaft einfordern. Es gibt nur beides. Oder keines. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2010, 20:44 Uhr

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40 Kommentare

Werner Meier

08.07.2010, 08:01 Uhr
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Zwei, drei Monate gemeinnützige Arbeit an der Gesellschaft - für alle. Fördert gegenseitige Toleranz und Zusammenhalt, entlastet Engpässe, ist kostenneutral (den einen oder anderen Leopard-Missgriff weniger). Antworten


Anastasius Nadelholz

08.07.2010, 08:52 Uhr
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@Richard: Die längst überfällige Initiative "Schutz vor Waffengewalt" stammt ursprünglich nicht von der GSoA. Diese unterstützte aber das Anliegen und halfen beim Unterschriften sammeln. Informieren Sie sich besser. Ein gutes Argument gegen die private Lagerung von gefährlichen Sturmgewehren ist mir noch nicht untergekommen. Eine Dienstpflicht verstösst gegen internationales Recht. Antworten



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