Schweiz
«Denke ich an Sturmgewehre in Studentenbuden, so graut es mir»
Von Patrick Feuz, Bern. Aktualisiert am 06.12.2010 71 Kommentare
Hans-Ulrich Ernst
Während seiner 17-jährigen Amtszeit von 1979 bis 1996 im damaligen EMD wirkte Generalsekretär Hans-Ulrich Ernst für vier Bundesräte: Chevallaz, Delamuraz, Koller und Villiger. Sein Einfluss war so gross, dass man ihn «graue Eminenz» nannte. Ernst war Kommandant einer Kampfbrigade und später Gründungspräsident des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik.(paf)
Das Volk entscheidet im Februar 2011
Im Herbst 2007 erschoss ein Soldat in Zürich-Höngg mit der Armeewaffe eine junge Frau. Der tragische Fall gab der Initiative «für den Schutz vor Waffengewalt» Aufwind, für welche die Unterschriftensammlung Wochen zuvor angelaufen war. Die Initiative, die am 13. Februar 2011 vors Volk kommt, verlangt die Aufbewahrung der Armeewaffe im Zeughaus, einen Bedarfs- und Fähigkeitsnachweis für den Waffenbesitz sowie ein nationales Waffenregister. Der Schütze von Höngg löste auch im Verteidigungsdepartement Reaktionen aus. Ärzte und Familienangehörige können neu die vorsorgliche Hinterlegung der Dienstwaffe erwirken. Bereits im Oktober 2007 begann die Armee mit der Rückforderung der Taschenmunition. Seither wird keine Armeemunition mehr zu Hause aufbewahrt. Weiter wird der Erwerb der Waffe nach der Dienstpflicht erschwert. Seit 2010 ist es auch möglich, die Armeewaffe freiwillig und kostenlos im Zeughaus zu hinterlegen. Ebenfalls seit 2010 werden angehende Rekruten einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen.(paf)
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Die Waffenschutz-Initiative sei ein «Angriff auf die Armee», sagen die Gegner. Was sagen Sie als langjähriger Generalsekretär des Eidgenössischen Militärdepartements dazu?
Nötige Reformen sind kein Angriff auf die Armee. Die Initiative würde eine Situation bereinigen, die schon lange nicht mehr mit der Realität übereinstimmt.
Der praktische Grund für das Sturmgewehr zu Hause ist das obligatorische Schiessprogramm. Wenn Soldaten nicht jedes Jahr das Schiessen üben, braucht es dann die Armee überhaupt noch?
Mit der ausserdienstlichen Schiesspflicht wird eine Fähigkeit trainiert, die für die Armee einen vernachlässigbaren Wert hat. Es geht um den gezielten Einzelschuss auf Distanz. In der heutigen Armee gibt es noch 400 Scharfschützen. Doch mit dem Obligatorischen spielen jedes Jahr gegen 150'000 Armeeangehörige den Scharfschützen. Für die meisten hat das Programm keinen erkennbaren Zusammenhang zu ihrer Aufgabe in der Armee. Die steigende Verweigerungsrate zeigt, dass das Obligatorische bei vielen nur noch Frust auslöst.
Also emotionslos abschaffen?
Man sollte nicht etwas fortsetzen, nur weil wir es jahrzehntelang gemacht haben. Das ausserdienstliche Schiesswesen hat seinen militärischen Sinn verloren. Wir müssen die Armee entmythologisieren. Sie soll ein Dienstleistungsbetrieb sein wie die SBB oder die Post und effizient, nachhaltig und verhältnismässig ihre Aufgabe erfüllen. Übrigens hatten Angehörige von Alarmformationen wie dem Flughafenregiment zwei Sturmgewehre, eines zu Hause für das Obligatorische und das andere am Einrückungsort, wo sie sich ohnehin ausrüsten mussten. Abgesehen von den 5000 Franken, die diese doppelte Ausrüstung kostet, entlarvt auch dieses Faktum den fehlenden Realitätsbezug.
Mit der Heimabgabe des Sturmgewehrs wollen Bundesrat und Parlamentsmehrheit den Bürgern ihr «Vertrauen» ausdrücken. Misstrauen Sie dem Volk?
«Nur wer wehrhaft ist, ist ehrhaft», stand im Soldatenbüchlein, das bis 1974 verteilt wurde. Aber eigentlich hat die Vorstellung, das Vertrauen in den Staatsbürger mit Waffenbesitz zu verbinden, wenig mit Schweizer Tradition zu tun. Es war die amerikanische Verfassung, die 1791 im zweiten Amendment postulierte: «Da eine wohl organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.» Der gelebte Alltag war, dass Sheriffs im Wilden Westen zusammen mit Bürgerwehren ungehindert Pferdediebe und Indianer abknallten.
Aber auch bei uns heisst es bis heute, die Waffe im Haus gehöre zur Freiheit des Schweizers. Haben Sie keinen Sinn für Symbolik?
Ich habe etwas gegen falsche Symbolik. Wir reden hier nicht vom Cowboy, der das Recht in die eigene Hand nimmt. Sondern vom Staatsbürger, der seine Dienstpflicht erfüllt. Die Schweiz hat eine ganz andere Waffentradition.
Welche Waffentradition meinen Sie?
Im Ancien Régime musste man wohlhabend sein, um sich das Gewehr und die Uniform leisten zu können. Bei der Trauung mussten die Pfarrherren kontrollieren, ob beides vorhanden war. Das waren Untertanen, noch keine freien Schweizer. Nach 1798 entfiel der Geldzensus, aber auch die 1848 gegründete Schweizer Armee blieb bis ins 20. Jahrhundert hinein trotz allgemeiner Wehrpflicht eine Armee, in die nur ein kleiner Teil der Männer einrückte. Erst 1940 bekam jeder Wehrpflichtige die Munition zu seinem Gewehr in die Hand gedrückt. Damals entstand die Idee vom Wehrmann, der sich den Weg zum Mobilmachungsplatz freikämpft. Eine Vorstellung, die längst gespenstisch anmutet.
Die Vorstellung wurde aber bis vor einigen Jahren offiziell gepflegt.
1992 haben wir im kleinen Kreis mit Verteidigungsminister Kaspar Villiger ernsthaft erwogen, den alten Zopf des Obligatorischen abzuschneiden. Aber im Frühling 1993 organisierten die Schützenvereine auf dem Bundesplatz eine Grossdemonstration für die F/A-18-Kampfjets. So blieb alles beim Alten, ausser dass das Militärdepartement den Armeeangehörigen die Kosten der Mitgliedschaft in einem Schützenverein bezahlte. Heute überweist das Departement jedes Jahr 30 bis 40 Millionen an die Schützenvereine. Viele kleine Vereine überleben nur dank den Pflichtschützen.
Wollen Sie die schöne Schützentradition opfern?
Auch ich war im Jungschützenkurs und habe Medaillen und Kränze von Feldschiessen zu Hause. Aber andere Sportarten erheben auch keinen Anspruch, vom Staat finanziert zu werden, weil sie angeblich einen höheren Zweck erfüllen. Im Übrigen würden die Ausführungsgesetze zur Initiative alle Anliegen der Schützen mit echtem Interesse am Schiesssport erfüllen. Denn man darf annehmen, dass sie weiterhin ihr Gewehr zu Hause behalten dürfen.
Trotzdem ist der Widerstand heftig.
Man muss genau hinschauen. In der Waffenlobby mischen Befürworter einer traditionalistischen Armee mit. Und die Munitionsfabrik der Ruag verliert Aufträge, wenn das Obligatorische fällt.
Werden nach einem Ja zur Initiative weniger Menschen getötet?
Das kann ich nicht sagen. Aber das Sturmgewehr zu Hause passt aus verschiedenen Gründen nicht mehr in unsere Zeit. So hat heute jeder vierte Rekrut einen Migrationshintergrund – ich meine das nicht rassistisch, sondern will damit sagen, dass diese jungen Männer keinen Vater oder Grossvater haben, der die Schiesspflicht vorgelebt hat. Dadurch ist das Verhältnis zur Waffe anders, die Gefahr wächst, dass schwerwiegende Sachen passieren. Junge Männer leben heute auch nicht mehr auf dem Bauernhof, wo es viel Platz gab, um die militärische Ausrüstung aufzubewahren. Wenn ich daran denke, wie heute Sturmgewehre in Studentenbuden oder Wohngemeinschaften lagern, so graut es mir. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.12.2010, 20:10 Uhr
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71 Kommentare
Den Ausführungen von Herrn Ernst gibt es nichts hinzuzufügen. Seine Analyse ist ein glasklare, unmissverständliche Entlarvung der ewig-gestrigen Mythenpfleger. Die Militärwaffen gehöhren ins Zeughaus und der private Waffenbesitz muss viel strenger und restriktiver geregelt werden! Alles andere ist gefährlicher Unsinn! Antworten
Mir graut auch, wenn ich sehe, wer da alles ein Gewehr zu Hause unter welchen Umständen lagert. Das obligatorische freut nur einen sehr kleinen Zirkel von Bierbäuchigen Männern in ihren Schiessständen. 90% der Schiesspflichtigen ärgern sich darüber, 100% der Anwohner auch. Kostet nur, bringt nichts, weg damit. Antworten
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