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Schiebung im Fussball
Wenn Spiele neben dem Platz entschieden werden
(az)
Betrug im Fussball hat Tradition. Doch jüngst, in Zeiten internationaler Sportwetten, kommt es vermehrt zu Schiebung in Europas populärster Sportart. Eine Auswahl von Manipulationen, die Aufsehen erregten:
2006 weitete sich eine Affäre um Juventus Turin zu Calciopoly aus, dem bislang grössten Skandal des italienischen Fussballs. 29 von 38 Meisterschaftsspielen der Saison 2004/5 soll Juve-Manager Luciano Moggi gemäss der Staatsanwaltschaft Neapel manipuliert haben. Mithilfe korrupter Schiedsrichter, Spieler und Funktionäre. Neun Erstund Zweitligisten gerieten ins Visier der Ermittler in Neapel, Turin, Rom und Parma. Juve stieg zwangsweise ab, Moggi und Komplizen wurden mit Berufsverboten und Geldstrafen belegt.
2005 geriet Ante Sapina erstmals mit Manipulationen in die Schlagzeilen. Schiedsrichter Robert Hoyzer war einer seiner Handlanger.
2005 kam in Brasilien ein Wett- und Schiedsrichterskandal ans Licht. Unter anderem bestellten Unternehmer bei Schiedsrichtern Ergebnisse, um bei Internet-Fussballwetten zu gewinnen. Die Schiedsrichter erhielten der Staatsanwaltschaft zufolge pro Spiel ein Entgelt von umgerechnet mehreren Tausend Franken. Elf Begegnungen der Landesmeisterschaft wurden annulliert und neu angesetzt.
In Belgien war Fussballlegende Eric Gerets in einen Skandal verwickelt. 1982 wurde der Kapitän von Standard Lüttich, der später zur AC Milan wechselte, zusammen mit Trainer Raymond Goethals verdächtigt, den Gewinn des Meistertitels mit Zahlungen an den Klub Waterschei beeinflusst zu haben. Auch 2005 war der belgische Profifussball in einen Betrugsskandal verwickelt, als die chinesische Wettmafia Einfluss auf den Ausgang verschiedener Partien nahm.
Eine riesige Bestechungsaffäre in der Bundesliga entsetzte 1971 Deutschland . 18 Spiele waren betroffen. Mit Hertha, Bielefeld, Frankfurt, Offenbach, Oberhausen, Duisburg, Stuttgart, Schalke, Braunschweig und Köln waren zehn Bundesliga-Vereine in den Skandal verstrickt. 50 Spieler wurden mit teilweise harten Strafen belegt, 6 Funktionäre und 2 Trainer gesperrt. Arminia Bielefeld und den Offenbacher Kickers wurde zeitweise die Lizenz entzogen.
1964 brachte Jimmy Gauld in England einen Wettskandal ans Licht, als er seine Geschichte einer Zeitung verkaufte. Er hatte mehrere seiner Mitspieler von Mansfield Town und Sheffield Wednesday zu Manipulationen angestiftet. Gauld rechnete offenbar nicht damit, dass die Justiz ihn und sieben andere Spieler zu Gefängnisstrafen verurteilen würde.
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Vielleicht ist die Erzählung, die deutsche Medien verbreiten, ja nur eine Legende. Wenn sie unwahr ist, so ist sie zumindest gut erfunden: In Berlin buchen Touristen Stadtrundfahrten, die vor dem Café King einen Zwischenhalt machen. Weil man dort anschaulich erklären kann, wie käuflich Fussballspiele sind.
Das Lokal beim Kurfürstendamm gehört Ante Sapina und seinen beiden Brüdern. Der 35-jährige Kroate, in Deutschland aufgewachsen, wurde 2005 zu einer Strafe von 2 Jahren und 11 Monaten verurteilt. Er war der Kopf einer Bande, die zusammen mit dem Schiedsrichter Robert Hoyzer vom Café King aus Spiele manipulierte und mit Wetten Millionen machte.
Das berühmte Café King
Seinen Humor verlor Sapina im Gefängnis nicht. Und auch die kriminelle Energie floss weiterhin durch seine Adern. Auf der Homepage des Restaurants kokettiert er noch heute mit dessen Ruf: «Sie stehen davor und denken: Ach, sieh mal einer an, das ist also das berühmte Café King! Treten sie doch bitte ein.»
Als Sapina das Gefängnis verliess, gelobte er zwar in einem medienwirksamen Auftritt Besserung. Einer seiner Brüder sagte, Ante würde in Zukunft in einer Pizzeria arbeiten. Doch kurz nach der Freilassung platzierte er über ein Londoner Maklerbüro Geld auf dem asiatischen Wettmarkt.
Gut organisierte Manipulation
Sapina telefonierte aus dem Café King einem österreichischen Geschäftsmann, der in seinem Namen Geld setzte. Er sei ein «pathologischer Spieler», heisst es in einem psychiatrischen Gutachten über Sapina. Er könne nicht anders, als zu spielen. Im November 2009 verhaftet ihn die Polizei erneut. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.
Sapina wird wieder verurteilt werden. Das steht fest, bevor der neue Prozess gegen ihn überhaupt begonnen hat. Der Kroate hat gestanden, an jenen Spielmanipulationen beteiligt gewesen zu sein, die als «grösster Wettskandal im europäischen Fussball» aufgeflogen sind. Laut der am letzten Wochenende veröffentlichten Anklage der Bochumer Staatsanwaltschaft bildete er zusammen mit einem Landsmann aus Nürnberg das Führungsduo einer Gruppe, die organisierten Betrug beging: Ihr wird vorgeworfen, 47 Fussballspiele in Europa manipuliert zu haben.
Schweizer Klubs betroffen
An 16 Matches waren Schweizer Mannschaften beteiligt, hauptsächlich aus der Challenge League. Betroffen ist auch das Champions-League-Spiel des FC Basel gegen ZSKA Sofia, der Uefa-Cup-Match YB - Debrecen und ein Qualifikationsspiel der Schweizer U-21-Nationalmannschaft gegen Georgien. Die Angeschuldigten sollen insgesamt eine halbe Million Euro investiert haben, um Spieler, Schiedsrichter und Klubfunktionäre zu bestechen. Sie wetteten 3,5 Millionen auf die Spiele und machten 2,8 Millionen Reingewinn.
«Suchtkranke Spieler sind kreativ», steht in dem psychiatrischen Gutachten über Sapina. Der Liebhaber schneller Autos errichtete ein System, das die Ermittler erst nach einem Jahr durchschauten. Im Zentrum des Betrugs stand eine codierte Sprache: Bezeichnete Sapina via seinen österreichischen Geschäftspartner ein Spiel als «ein Stern», meldete das Londoner Maklerbüro nach Asien: leichte Manipulationsgefahr, die Quote ist geringfügig zu erhöhen. In solchen Fällen war nur ein Spieler bestochen.
Damjanovic bestreitet seine Schuld
In der Schweiz betraf dies mit Sicherheit den ehemaligen Thuner Fussballer Omar Fayé. In der Zwischenzeit wurde er vom Klub entlassen, vom Verband verurteilt und für mehrere Jahre gesperrt. Unter Verdacht steht auch der ehemalige Goalie des FC Gossau, Darko Damjanovic. Er bestreitet seine Schuld.
Hatten mehrere Spieler, im besten Fall auch der Torhüter oder sogar der Schiedsrichter, Geld erhalten, galt es als «Fünfsternespiel». Dann verdiente Sapina bis zu 300 000 Euro. Ein solches war das WM-Qualifikationsspiel Liechtenstein - Finnland: Ein Kurier Sapinas übergab dem bosnischen Schiedsrichter Novo Panic 40 000 Euro auf einem Hotelparkplatz in Sarajevo mit der Vorgabe, in der zweiten Halbzeit müssten zwei Tore fallen. Beim Stand von 0:0 eine Viertelstunde vor Schluss pfiff Panic einen haarsträubenden Elfmeter für Finnland. Das Spiel endete 1:1.
Damit Panic dieses Spiel überhaupt leiten konnte, musste er in der Uefa zunächst höher eingestuft werden. Sapina sagt, er habe einen Uefa-Funktionär mit 50 000 Euro bestochen, damit er ihm diesen Gefallen tat. Doch nicht immer konnte sich Sapina voll auf den bosnischen Schiedsrichter verlassen: Im EMQualifikationsspiel der Schweizer U-21Nationalmannschaft gegen Georgien sollten zwei Tore fallen. Die Schweiz gewann das Spiel 1:0 – und Sapina verlor 300'000 Euro.
Betrogener Betrüger
Vor dem Spiel Basel - Sofia reiste Ante Sapina nach Kiew, wo er dem ukrainischen Schiedsrichter Oleg Orijechow in einem Restaurant 30'000 Euro übergab. Auch er sollte Sapinas Lieblingswette ermöglichen: zwei Tore in der zweiten Halbzeit. Der Kroate gewann 150'000 Euro, fühlte sich hinterher jedoch über den Tisch gezogen, denn Orijechow pfiff entgegen der Abmachung fünf Minuten vor der Pause einen fragwürdigen Penalty.
Mit Sicherheit betrogen wurde Sapina in Norwegen. Er zahlte dem Assistenztrainer eines Erstligavereins 50'000 Euro und wettete in Asien eine grosse Summe. Als das Spiel begann, sah Sapina, dass jemand anders neben dem Trainer auf der Spielerbank sass. Der vermeintliche Assistenztrainer ward nicht mehr gesehen.
Wie ein Frosch im Wasser
«In diesem Spiel betrügt jeder jeden», sagte Sapina während eines Polizeiverhörs in Bochum. Doch keiner machte das so gut wie er. Und er machte es so lange, bis ihn ein Mitwisser in der Türkei verpfiff. Diesem waren die Behörden auf die Schliche gekommen. Gegenwärtig wird ihm der Prozess am Bochumer Landgericht gemacht.
Laut einem Sprecher des Gerichts soll die Verhandlung gegen Sapina und seinen Komplizen Ende Februar beginnen. Man wird ihn dann sicher fragen, wie einfach es war, Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre zu bestechen. Im Hoyzer-Prozess antwortete er darauf mit einem kroatischen Sprichwort: «Man muss einen Frosch nicht überreden, ins Wasser zu springen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.01.2011, 17:15 Uhr
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