Schweiz
«Der Blick muss zurück zu den Wurzeln, aber auf intelligente Art»
Von Erwin Haas und Maurice Thiriet. Aktualisiert am 14.10.2009 7 Kommentare
Karl Lüönd, der Blick mischte vor 50 Jahren das mediale Schweizer Selbstverständnis auf und stiess dabei auf Widerstand wie Gottlieb Duttweiler mit der Migros im Detailhandel. Heute ist der Blick nicht mehr wegzudenken. Warum?
Der Blick kam aus einer ganz anderen Richtung als alle anderen Zeitungen, die sich an ihrer Mission orientierten. Es gab ja damals noch sehr viele parteigebundene Blätter. Der Blick richtete sich sehr direkt nach dem vermuteten Bedürfnis der Leser und wurde sofort angenommen. Dass der Ansatz sehr kommerziell war, interessierte das Publikum wenig. Der Kulturbruch war die totale Alternative zur herrschenden Pressewelt – die Zeitung nicht als Verkündigungs- und Nachrichtenblatt, sondern als Unterhaltungsmedium. Vergessen wir nicht: Der erste Blick, der nur sechs Seiten hatte, erschien mit zwei Fortsetzungsromanen, einen für Frauen und einen für Männer.
Ringier machte mit dem Blick also nur das, womit das Haus stark geworden war: ein tägliches Unterhaltungsheft?
Ja, das Haus Ringier hat mit dem Blick seine Kernkompetenz neu formatiert. Das war noch die Handschrift des alten Patrons Paul August Ringier.
Das Konzept des Blicks war von Anfang an, wider den Stachel der Wahrnehmung zu löcken. Als publizistische Idee dienten Erzählstoffe an sich.
Ja, aber keineswegs unpolitisch. Das merkt man erst, wenn man die ersten Jahrgänge wieder durchblättert: Es war eine eminent politische Zeitung. In einer Art sozialdemokratischem Mainstream, was natürlich durch die Besetzung der Redaktion abhing, etwa von Turi Honegger, dem bekanntesten noch lebenden Redaktor von damals, oder Ludwig A. Minelli, oder Claus Burkhard, der von der «Tat» her kam. Freigeister! Und Leute, die sich am angelsächsischen Journalismus orientierten, wie die drei Speich-Brüder und Peter Uebersax. Die machten Sachen, die man sich nicht gewohnt war. Sie sprachen mit Bundesratsgattinnen, riefen Bundesräte am Sonntag zu Hause an oder schrieben direkt in den Kreml einen Telex, wenn sie etwas wissen wollten. Und sie erhielten auch Antworten, wenn auch meist nichtssagende.
Aber der Blick hatte kein publizistisches Konzept. «Blick war dabei», wie die Werbung versprach, lebte von Blut, Schweiss, Tränen und richtete sich nach dem Volkszorn.
Das ist mir zu flach. Er richtete jeden Tag ein neues Menü an. Wichtig war die Mischung zwischen politisch und unpolitisch, hart-weich. Man kann nicht drei gute Morde im selben Blatt haben, also hob man den knackigsten heraus und vergass die beiden anderen. Man inszenierte die Weltgeschichte jeden Tag neu. Die anderen damaligen Zeitungen kamen mir immer wie Klöster vor, mit Zellen links und rechts: eine fürs Ausland, eine fürs Inland usw. Die Ressortleiter haben kaum miteinander geredet und einfach ihre Seiten abgefüllt.
Sie sassen 1974 bis 1980 selber in der Redaktionsleitung und sind Autor der Firmengeschichte zum 175. Jubiläum des Verlags 2008, «Ringier bei den Leuten». War das Lavieren zwischen purer Unterhaltung, hartem Boulevard und dem Anspruch, trotzdem politisch zu sein, damals schon ein Thema?
Wir versuchten, diese Zeitung respektabel zu machen, und erreichten 1980 eine beglaubigte Auflage von 267 000 Exemplaren. Wir hatten den Ehrgeiz, den Leuten die Politik und kulturelle Themen mit Boulevardmitteln zu erklären. Als 1976 der deutsche Surrealist Max Ernst starb, schrieb ich eine ganze Seite über ihn, und bei einem runden Geburtstag von Hans Erni baten wir ihn, für uns das Seite-3-Girl zu zeichnen, was er mit grossem Vergnügen tat. Atomabfälle waren ein Serienthema, als Gösgen in aller Munde war. Und nach der zweiten Überfremdungsabstimmung dankte mir Bundesrat Ernst Brugger dafür, dass wir den Kampf gegen Valentin Oehen gewonnen hätten. Das stimmte zwar nur bedingt, aber wir waren natürlich geschmeichelt.
Unter dem Scharfmacher Peter Uebersax hatte der Blick 380 000 Auflage, heute sind es noch 215 000. Der Niedergang hat seit 15 Jahren zu dauernden Strategiewechseln und neuen Chefredaktoren geführt. Mal mehr Ernsthaftigkeit mit Politik und Kultur, jetzt wieder mehr Boulevard unter dem Deutschen Ralph Grosse-Bley.
Uebersax war nicht wegen der politischen Linie erfolgreich, sondern weil er die Gesetze des Boulevard gnadenlos anwendete und die Redaktion streng führte: dranbleiben, Geschichten inszenieren, emotionalisieren, personalisieren, lokalisieren. Das war damals richtig. Er hat die Sexberaterin «Liebe Martha» erfunden, als man sich noch nicht recht traute, über den öffentlichen Verkehr zu reden. Uebersax forderte stets das Überraschende. In der Zwischenzeit hat sich das Umfeld verändert. Alle anderen Medien sind «blickiger» geworden. Der Blick hat seine exklusive Stellung als Keller- und Schmuddelkind verloren. Ich vergleiche es immer mit dem Dinosaurier: Wenn das Umfeld ändert und sich andere Pflanzen ansiedeln, muss der Dinosaurier seine Ernährungsgewohnheiten ändern, oder er verhungert. Das ist dem Blick passiert. Zudem kämpft der Blick mit dem kleinen Schweizer Markt. Er hat es verpasst, sich wie «Bild» in Deutschland als Dachmarke zu positionieren und Junge in die Welt zu setzen: Auto-Blick, Frauen-Blick, Computer-Blick etc. Mit der Regionalisierung ist er in Zürich und Basel gescheitert. Jetzt scheint es mit Blick am Abend, dem Online-Blick – und dem Sonntagsblick ohnehin – besser zu gelingen.
Durchsichtig war die Leitung des Blicks nie. Wer hat eigentlich das Sagen? Das publizistische Schwergewicht Frank A. Meyer?
Das kann ich zu wenig beurteilen. Aber Ringier hat sich immerhin seit Anfang der 90er Jahre als einer der wenigen Verlage im Land exportfähig gemacht, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es dabei heftige interne Auseinandersetzungen um die Zuteilung der Investitionsmittel gegeben hat. Das unterschätzt man immer: wieviel internen Wettbewerb um Investitionen es gibt. Das ist bei Tamedia genauso.
Meyer hat die Richtungswechsel der letzten Jahre laut Insidern alle selber zu verantworten. Er holte und feuerte Jürg Lehmann, Werner de Schepper, Bernhard Weissberg, Ralph Grosse-Bley. Und der ist als Thomas-Borer-Fall-Sünder nicht einmal Chefredaktor, sondern nur Interimschef. Eine Strategie ist nicht zu spüren.
Ich weiss nicht, ob Meyer nur von frustrierten Betroffenen in die Rolle der bösen Seeschlange gedrängt wird und wie weit er wirklich das Sagen hat.
Welche Rolle spielt denn der Verleger Michael Ringier? Liegt das Strategiespiel darin begründet, dass er der Boulevardisierung halt doch immer wieder Grenzen setzt?
Ich glaube, er ist der Schiedsrichter, der auch mal pfeift und gelbe und rote Karten verteilt. Er war als Journalist überdurchschnittlich begabt und ist als Verleger ein Buchstaben- und kein Zahlenmensch – was die Journalisten eigentlich freuen müsste.
Aber es ist doch so: Entweder ist das Lavieren Ausdruck einer absoluten Ratlosigkeit, welche die anderen Zeitungen auch an den Tag legen, oder die Frucht des Vetos von Michael Ringier, dem es manchmal aus Gewissensgründen zuviel wird.
Ich glaube eher ersteres. Die strategische Verunsicherung ist ein Markenzeichen der schweizerischen Verlagsleute und bei allem Respekt ja auch im Haus Tamedia mit Händen zu greifen.
Blick kommt heute Mittwoch erstmals nach dem Tabloidversuch wieder als herkömmliche Zweibund-Zeitung daher – obwohl Kiosktestverkäufe vor fünf Jahren klar zeigten, dass die Leser das handliche Pendlerzeitungsformat wollen. Was halten Sie vom neuen Auftritt?
Der Wechsel zum Tabloidformat war ein grosser Fehler. Wenn man von den Pendlerzeitungen angegriffen wird, die mit dem handlichen S-Bahn-Format punkten, muss man sich doch nicht noch äusserlich angleichen.
Wie muss sich der Blick positionieren, um wieder Auflage zu bolzen?
Wahrscheinlich ist man zufrieden, wenn man die Auflage halten kann. Aber als Boulevardzeitung, das jeisst als Kontrastprogramm, ist der Blick mit Chefredaktor Ralph Grosse-Bley wieder interessanter. Das grosse Thema der letzten Tage war doch dieser Kinderunfall hier in Zürich. Der wird überall abgehandelt – aber der Blick geht ganz nah heran und bringt die Mutter des Kindes zum Reden. «Witwenschütteln» und «Sargdeckel öffnen» wird bei relevanten Themen wieder wichtig. Ob es die rein voyeuristischen Themen bringen wie bei dem Fall in Oberrieden, wo ein Mädchen seinen Vater erschoss, wird ihnen dann der Hausjurist sagen, wenn die Gerichtsfälle wegen Persönlichkeitsverletzung abgeschlossen sind.
Stimmt es denn, dass das Tragische, Persönliche, Emotionale auf der Frontseite mehr Erfolg bringt als der linksliberale Kuschelboulevard mit Politik, Wirtschaft und Kultur, den der Blick in den 1990er Jahren praktizierte?
Jedes Thema boulevardisieren. Aber ich stelle in Frage, ob eine Zeitung politisch wirken und für eine bestimmte Seite Position beziehen soll. Sie ist eine Plattform, eine Bühne. Aber bespielt wird sie von den Akteuren aus dem wirklichen Leben. Ich muss das Leben auf die Ebene des Volkes herunterholen, und das besteht ja nicht nur aus Monteuren und Serviertöchtern. Auch der Blick hat eine Leserschaft quer durch alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten.
Das heisst: Wenn der Kurs von Grosse-Bley weitergefahren wird, kommt es für den Blick gut.
Ja, wahrscheinlich. Aber wir sind nicht die pharmazeutische Industrie. Man kann ein publizistisches Konzept nicht unter Laborbedingungen testen. Erst der Echttest im Massstab 1:1 bringt die Wahrheit an den Tag. Für den Blick gilt: zurück zu den Wurzeln, aber in einer intelligenten, integren und anständigen Art und Weise.
Kann man denn als Boulevardblatt anständig bleiben?
Ja. Qualität und Integrität sind auf jedem Niveau möglich. Aber alle, die im Zeitungsbusiness arbeiten, haben schon Grenzen überschritten, nicht nur beim Blick. Die Entscheide fallen unter grossem Zeit- und Konkurrenzdruck und oft bei zu geringem Informationsstand. Wenn ich abends um 17 oder 18 Uhr die Zeitung von morgen machen muss, braucht es einen Entscheid, und zwar sofort. Dann ist es halt so wie beim Schiedsrichter, der ein Foul sieht oder nicht sieht und pfeift oder nicht. Ich hab vor einer Ärztegesellschaft schon mal gesagt: Wenn wir einen Fehler machen, steht er nachher in der Zeitung. Wenn Ihr einen Fehler macht, wird er nachher begraben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.10.2009, 09:31 Uhr
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7 Kommentare
Völlig einverstanden mit Karl Lüönd!Aber wo findet man diese Boulvard-Profis in der Schweiz? Und dann braucht es auch noch einen Verleger,der nicht ständig am Blick-Konzept herum pastelt! Christoph Ringier wäre der richtige Mann für die "Wiedergeburt" des alten und ehemals sehr erfolgreichen BLICKS! Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





