Der Bund lässt aufforsten, die Kantone holzen ab
Von Fabian Renz. Aktualisiert am 31.03.2010 23 Kommentare
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Hartnäckig hält sich das Gerücht, die majestätischen Pappelalleen im Wallis seien einst von Napoleon angelegt worden. Der Franzosenkaiser wäre, falls dem wirklich so ist, wahrscheinlich schockiert, würde er heute das Rhonetal bereisen.
Die Baumriesen an der Strasse von Raron nach Gampel fielen im Februar massenweise der Motorsäge zum Opfer. An anderen Walliser Strassenabschnitten wurde bereits früher kräftig abgeholzt – immer aus Sicherheitsgründen, wie es bei der zuständigen kantonalen Stelle heisst.
Angst vor Unfällen
Das Rhonetal ist kein Einzelfall. Auch andernorts in der Schweiz scheinen Alleen als Gefahrenherde für Automobilisten (herabfallende Äste, Kollisionsrisiko) vermehrt ins Visier der Strassenbau-Beamten geraten zu sein.
Im St. Galler Rheintal wurden jüngst gleich an zwei Standorten einst imposante Baumreihen auf klägliche Restbestände dezimiert. Im Februar etwa liess das zuständige Strassenkreisinspektorat von Buchs rund 40 Pappeln an der Strasse von Mastrils nach Sargans fällen. «Damit dürfte die berühmte Pappelallee bald endgültig Geschichte sein», resümierte die Lokalzeitung «Sarganserländer». Auch von den Alleen in der Gegend von Buchs und Sennwald ist nach den Fällaktionen der letzten Zeit (trotz Protesten in den lokalen Leserbriefspalten) nicht mehr viel übrig geblieben.
4,6 Millionen für Neupflanzung
Das Paradoxe daran: Der mit Bundesgeld alimentierte Fonds Landschaft Schweiz hat in den letzten Jahren eine gross angelegte Kampagne zur Rettung und Neupflanzung von Alleen durchgeführt. Von 2006 bis 2009 sprach der Fonds für solche Projekte insgesamt 4,6 Millionen Franken. Mit anderen Worten: Die Steuerzahler finanzieren die Alleen-Aufforstung (via nationale Steuern) und gleichzeitig deren Abholzung (über Kantons- und Gemeindesteuern).
Eine Gesamtübersicht, wo für wie viel Geld gerodet wird, hat zwar niemand, da der Unterhalt der meisten Strassen den Kantonen und Gemeinden obliegt. Doch Raimund Rodewald, Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, fürchtet aufgrund der bei ihm eingegangenen Hinweise, dass Kommunen und Kantone die Bemühungen des Bundes-Fonds auf breiter Front hintertreiben. «Wenn es um Alleen geht, dann ticken die meisten Strassenbauämter nach dem Prinzip: Wo Autos fahren, dort hat keine Natur zu sein», sagt Rodewald.
«Sollen wir warten, bis Unfälle passieren?», kontert Ignaz Burgener, der für den Unterhalt der Kantonsstrassen im Oberwallis zuständig ist. Er habe in seinem Zuständigkeitsbereich im Übrigen nur kranke Pappeln fällen lassen, die ohnehin das Ende ihrer Lebensdauer erreicht hatten. Man werde allerdings weiterhin versuchen, an passender Stelle neue Bäume zu pflanzen. Der neue Standort, der noch nicht gefunden ist, soll laut Burgener aber abseits von Strassen liegen.
«Krasser Widerspruch»
Wäre es dann umgekehrt nicht konsequent, auf die Alleen-Förderung durch die öffentliche Hand zu verzichten? Marc F. Suter, Präsident des Fonds Landschaft Schweiz, empfindet die beiderseitige Verwendung von Steuergeldern zwar auch als «krassen Widerspruch». Er stellt sich aber trotzdem voll hinter die Alleen-Förderung durch seine Institution. Es dürfe sich nicht immer alles nur nach dem Auto richten, sagt er. «Für unsere Kampagne haben wir vielerorts einen riesigen Zuspruch erhalten.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.03.2010, 09:49 Uhr
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23 Kommentare
Sicher, die Pappeln sind alt und verlieren Aeste. Sicher auch, dass die Automobilisten auf gerader Strecke gerne ausprobieren, was die alte Grepse hält- gehts den Bäumen deshalb so mies? Ganz sicher: der Kanton VS bezieht 65% seines Etats vom Bund, und da will ein Freisänger noch was von Sparen reden. Kopfschüttel... Antworten
Leider ist das so: auf öffentlichem Grund werden massenhaft Bäume gefällt, nicht nur im Kanton Wallis.Diese Bäume sind niemandem im Weg aber Ausreden für's Bäumefällen findet man immer. Der Grund ist offenbar, dass man solches Holz als Heizungsschnitzel verkaufen kann - Stichwort Minergiestandard. Wieder einmal bleibt die Natur gegenüber kurzsichtigem Profitdenken auf der Strecke. Antworten
Das rigorose Kahlschlagen von grünen Flächen unter welchem Vorwand auch immer, bereitet mir aufgrund klimatechnischen Aspekten schon lange Kopfschmerzen. NIEMAND scheint zu kapieren, dass die Bäume die LUNGE UNSERER ERDE SIND! Die CO2-Problematik (resultiert sind CO2-Abgabe, Besteuerung = GELD) ist eine Lüge, Vulkane etc. stossen ein VIELFACHES aus, nur der Wald allein kann die Bilanz bereinigen! Antworten
Pappeln sind schon vor hundert Jahren bei einem Strum umgefallen. Damals ist nichts passiert, weil keiner so dämlich war, sein Haus an eine Pappelallee zu bauen. Damals wurde beim Bauen noch das Hirn eingeschaltet. Und wenn es heute ein Auto um einen Baum wickelt, ist bestimmt der Baum schuld, weil er da einfach so rumsteht. Ich erfreue mich an jeder Allee. Sie sind eine Augenweide für die Seele. Antworten
Wenn es nach der Autolobby und den Strassenbeamten ginge, könnten wir im Namen der Verkehrssicherheit auch gleich alle Häuser entlang den Strassen abbrechen. Und was ist mit am Strassenrand parkierten Autos, Strassenbeleuchtungen, Tunnelwänden? Statt Alleen fällen, lieber alle Fahrzeuglenker/innen aus dem Verkahr ziehen, die nicht fähig sind, ihre Fahrweise den Verhältnissen anzupassen. Antworten
Nur weil ein paar Idioten, Raser oder Betrunkene nicht im Stande sind, korrekt zu fahren müssen die Pappeln weg; als ob es deren Schuld wäre, dass Unfälle gebaut werden? Das Verursacherprinzip so ausgelegt würde also verlangen, dass man auch in Städten Häuser links und rechts der Strassen abreisst und Strassen ganz generell nicht mehr durch Wälder führt. Antworten
@Burgener...ja Ihr Walliser, von Tourismus und Geld habt Ihr immer viel verstanden, doch das Wort Natur blieb Euch irgendwie imnmer ein Fremdwort. Braucht es erneut einen Beweis? Den haben wir ja wieder einmal mehr! Vielleicht kommt auch Euch mal der Gedanke, dass man Geld nicht essen kann...auf alle Fälle habt Ihr schon echt verschandelte Orte (Haut Nendaz z.B. u. andere) leider.. Antworten
Wie wäre es mit Autofahren, so dass man nicht von der Strasse abkommt? (Geschwindigkeit einhalten und so) Das Wallis sieht jetzt schon wie eine Baustelle aus, muss man das immer noch schlimmer machen? Ich finde: Je mehr Grün desto besser. Warum muss die Natur unter der Inkompetenz der Autofahrer leiden? Antworten
Die Arroganz kennt keine Grenzen! Nur weil einige ihr Fahrzeug nicht im Griff haben soll neben dem zugeteerten Streifen auch noch links und rechts davon möglichst alles natürliche entfernt werden. Diese Logik hat aber auch Konsequenz und reiht sich nahtlos in das Argument seiner Frau doch einen schweren Offroader zu kaufen damit sie geschützt ist da sie ja eh schlecht autofahren kann. Antworten
@ Burgener: Ach tatsächlich? Indem man Wölfe abknallt, Luchse wildert, Seilbahnen ohne Bewilligung in die Landschaft stellt, die Alpen mit Zigtausenden Schafen überweidet, die die Gemsblindheit verbreiten, und Wälder abrodet? Bei euch unten herrscht eher "Wilder Westen", und die wilde Natur gibt es nur noch dank der hohen Berge, und nicht dank, sondern TROTZ der Walliser Bauern und Jäger... Antworten
Wir kennen die Problematik nur zu gut. Fielen doch in unserer Nähe zwischen Wädenswil und Horgen an einem naturreichen Bachbeet entlang 150 wunderschöne und uralte Hochstammbäume der Motorsäge zum Opfer. Der Baumbestand bot Vögeln, Eichhörnchen, Igeln usw.Schutz. Jetzt sieht der besagte Bachlauf wie eine Katastrophenzone aus.Baumstrünke, Gestrüpp; die wilden Brombeeren gedeihen. Herbizid muss her! Antworten
Diese Alleen sind ein alter Zopf der weggehört, nichts gegen Alleen entlang von Gewässern, aber entlang von Hauptverkehrsachsen haben sie nichts zu suchen, da endet jeder Unfall tödlich was kaum im Sinne von Via Secura ist... Wer jemals in der Nähe einer Pappel gewohnt hat und diese bei einem Sturm hat umfallen sehen der hat ein differenzierteres Bild dieser Ungetüme, lustig ist das nicht! Antworten
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Georg Stamm
Immer wenn aus irgeneinem Grund Bäume weg müssen erklärt man sie flugs als alt und krank. Aeusserst schade wenn die attraktiven Alleen verschwinden, die auch in Frankreich so typisch sind, nur weil ein paar Automobilisten es nicht schaffen, ihr Gefährt anständig zwischen den Bäumen fortzubewegen. Darauf sollte keine Rücksicht genommen werden ! Antworten