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Der Experte ruft nach mehr Kontrolle der Jugendlichen

Von Verena Vonarburg. Aktualisiert am 03.08.2009

Präventionsprogramme seien gut und recht, sagt Martin Killias. Entscheidender für die Jugendkriminalität sei aber, wann man geboren und wie die Freizeit gestaltet werde.

Martin Killias hat schon immer gerne gegen den Strom gedacht und formuliert seine Erkenntnisse angriffig. «In unserer Gesellschaft ist die Überzeugung weit verbreitet, dass Wissenschaftler – also «Experten» – unsere Probleme besser verstehen als gewöhnliche Sterbliche», schreibt er in einer neuen Studie zur Jugendkriminalität.* Diese Haltung sei «eine arrogante Sichtweise» und gefährlich. Der Professor kritisiert den Befund «aus den Amtsstuben des Bundes», wonach die Jugendkriminalität über längere Zeit in etwa immer gleich bleibe.

Er dagegen hat schon vor Jahren auf die steigende Delinquenz Jugendlicher hingewiesen, und sich damit nicht nur unter Wissenschaftskollegen, sondern auch in seiner eigenen Partei, der SP, Feinde gemacht. Nun sieht der Streitbare in den Polizeistatistiken Hinweise für eine Trendwende dafür, dass die Jugendkriminalität wieder zurückgehe.

Den Kriminologen interessiert, wie solche Trends entstehen. Und er stösst auf interessante Indizien: Jugendkriminalität kommt anscheinend in gewissen Jahrgängen häufiger vor als in anderen. «Es hängt davon ab, in welchem Jahrgang man geboren wird», sagt der Kriminologe im Gespräch. «Das Beispiel der Aktivdienstler oder der 68er zeigt, wie extrem prägend der Jahrgang sein kann.»

«Generationeneffekte»

Trends ändern sich oft abrupt. Killias verweist auf Wissenschaftler in Pittsburgh, die in einer Langzeitstudie derzeit überraschend feststellen, dass zwei Gruppen Jugendlicher, die sich nur im Jahrgang unterscheiden, ein extrem anderes kriminelles Verhalten zeigen. Vier Jahre Jüngere hätten demnach mindestens 50 Prozent weniger Straftaten begangen. «Generationeneffekte» nennt das Killias. Möglicherweise erklärbar durch Drogenkonsum: In den vier Jahren seien Handel und Konsum des Aggression schürenden Cracks stark gesunken.

In Bezug auf die Schweiz weist Killias darauf hin, dass die Zahl der Jugendlichen aus dem Balkan im Kanton Zürich, die wegen eines Delikts gegen Leib und Leben angezeigt werden, seit 2006 deutlich zurückgehe. Diese Gewaltkriminalität scheine ab 2006 «tatsächlich rückläufig zu sein». Mit Einbürgerungen allein lasse sich das nicht erklären. Womöglich hätten die Jüngeren mehr von Integrationsmassnahmen profitiert, und die Schulen würden deutlicher Grenzen setzen.

Gut gemeinte Antigewaltprogramme

Eine Gesellschaft, so Killias, habe es mit relativ simplen Methoden in der Hand, Kriminalität zu bekämpfen. Es bedürfe keiner gut gemeinten, aber teuren psychologischen Antigewaltprogramme in den Schulen. «Solche Initiativen in Ehren, aber würde es nicht mehr bringen, der Freizeitgestaltung und den Veränderungen, denen diese im Laufe der letzten Generation unterworfen waren, etwas mehr Beachtung zu schenken?»

Der studierte Jurist und Soziologe arbeitet an «der Remobilisierung der Soziologie, denn lange haben nur noch Psychologen das Gebiet dominiert. Ich glaube nicht, dass man ein Massenphänomen wie die Jugendkriminalität über einen therapeutischen Ansatz lösen kann. Das ist nicht plausibel.»

Killias plädiert ausserdem dafür, das Freizeitverhalten der Jugend wieder stärker zu kontrollieren. Und untermauert seine Forderung mit den Ergebnissen einer weiteren seiner Studien, die eben erst publiziert wurde: Seit der Zürcher Verkehrsverbund nach 21 Uhr wieder auf allen Zügen Zugbegleiter patrouillieren lasse, werde dramatisch weniger schwarzgefahren. Erstaunlicherweise nicht nur abends, sondern auch tagsüber.

Martin Killias u. a.: Prävention ohne Trendanalyse? Mythen und Trends zur Jugendkriminalität in der Schweiz. Wird im Oktober dieses Jahres publiziert. * Martin Killias u. a.: The Effects of Increasing Certainty of Punishment, in: European Journal of Criminology, Volume 6, 2009. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2009, 21:02 Uhr

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