Der Grünliberale
Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 04.04.2011 82 Kommentare
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Grün und wirtschaftsfreundlich, das waren bis vor wenigen Jahren zwei politische Weltanschauungen, die nicht zusammenpassten. Respektive deren Vertreter dem Wahlvolk klar machten, dass beides zusammen nicht zu haben sei. Brav legten die ökologisch ausgerichteten Wähler Grün in die Urne, die Wirtschaftsliberalen entschieden sich für die FDP oder eine bürgerliche Partei anderer Couleur. Wohl mancher Stimmbürger mag beim Einwerfen des Wahlcouverts gezögert haben. Ist nicht doch Grün die Zukunft, fragte sich der FDPler. Will ich meine Stimme tatsächlich auch der sozialistisch-gewerkschaftlich orientierten Ökopartei geben, fragte sich der unsichere Grünwähler.
Seit 2004, dem Gründungsjahr der Grünliberalen, ist Schluss mit diesem Dilemma. «Wir machen Umweltschutz wirtschaftlich», heisst es bei den Grünliberalen. Wie die Entwicklung der Wähleranteile zeigt, war das offenbar eine Erlösung für viele Unzufriedene. Endlich ist der ökologische Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft ohne Arbeitsplatzverluste und ohne Verzichte zu haben. Zumindest, wenn man den Versprechungen glaubt.
Schawinskis Bekenntnis
Bedankt für die neue Wähleroption hatte sich als einer der ersten Wortführer in diesem Land Roger Schawinski. Der langjährige SP-Wähler war bei den eidgenössischen Wahlen 2007 umgeschwenkt zu den Grünliberalen. Und der Medienunternehmer tat dies öffentlich kund.
Grünliberal gewählt haben inzwischen viele. Gestern kam die Partei im Kanton Zürich auf 10,27 Prozent Wähleranteil. Vor vier Jahren war es noch rund die Hälfte. Dass die Wähler von Grünliberal nicht nur, wie Roger Schawinski, ehemalige SP-Wähler waren, zeigten Zahlen der Wählerstudie Selects von 2007 zum Kanton Zürich. «Das soziodemographische Profil der GLP-Anhängerschaft ähnelt jenem der Grünen, sie hat aber anders als jene ihren regionalen Schwerpunkt im suburbanen Raum und die soziokulturellen Berufe sind etwas weniger stark vertreten», heisst es in einer Analyse des Statistischen Amtes des Kantons Zürich. Will heissen: Der Grünliberale denkt ökologisch, wohnt zentrumsnah aber nicht mittendrin und ist nicht zwingend Sozialarbeiter.
Für Pensionierte weniger interessant
Wo das Beispiel Schawinski die Zahlen nicht widerspiegelt, ist beim Alter. Der Grünliberale ist bei der Gruppe der 30- bis 45-Jährigen über-, bei den über 65-Jährigen untervertreten. SP und Grüne zeigen eine ähnliche Verteilung. Unterdurchschnittliche Werte ergibt die Statistik, die wegen zu tiefer Fallzahlen für die Grünliberalen allerdings mit Vorsicht zu geniessen ist, auch beim Bildungsgrad. In der Gruppe der Hochschulabsolventen sind die politischen Aufsteiger weniger stark vertreten als etwa SP, Grüne aber auch FDP und CVP.
Dass langjährige SP-Wähler den Sozialdemokraten untreu zu werden drohen, zeigte eine Analyse der Panaschierstatistik der Zürcher Kantonsratswahlen von 2007. «Der Parteinähe-Index (…) zwischen SP und GLP zeigt, dass die Sozialdemokraten heute in direkter Konkurrenz zu einer Partei stehen, die sich in sozial- und finanzpolitischen Fragen dezidiert an der Mitte orientiert», schrieb Politexperte Michael Hermann damals in einem Artikel für die NZZ. Es sind also SP-Wähler, die den gewerkschaftsnahen Kurs der Sozialdemokraten nicht mehr um jeden Preis mitzutragen bereit sind. Potenzial für die Grünliberalen ortete die gleiche Analyse auch bei der FDP, allerdings in deutlich geringerem Masse. Analysen zu Wahlgang vom vergangenen Wochenende liegen noch nicht vor.
Der urbane Mensch träumt vom ökologischen Umbau
Dass Grünliberal von der Grossregion Zürich aus die Schweiz erobert, ist wohl auch kein Zufall. Es ist die Wirtschaftsmetropole, die den Fortschritt sucht, die Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart liefern muss. Der urbane Mensch sieht sich als Vorkämpfer für die Welt von morgen. Und was bietet sich hier besser an, als das Bild der wirtschaftlich prosperierenden, und gleichzeitig ökologisch umgebauten urbanen Region. Propagiert von den Grünliberalen.
Dass die Spezies Grünliberaler nur in der Schweiz zu finden ist – diesen Mix im Parteinamen gibt es sonst nirgendwo – ist zu bezweifeln. Im deutschen Bundesland Baden-Württemberg, wo letztes Wochenende die Grünen an die Macht stürmten, ist grün und wirtschaftsfreundlich ebenfalls angesagt. Der designierte grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird als «Konservativer Grüner» beschrieben. Seine Aufgabe ist klar, er muss die Autoindustrie und ökologische Anliegen zusammenbringen.
Der Modewähler
«Wir Grünliberalen sind einfach im Trend», erklärte GLP-Parteipräsident Martin Bäumle nach dem jüngsten Wahlsieg im Kanton Zürich. Damit ist auch gesagt, wer der grünliberale Wähler ist. Vorderhand ein Bürger, der auf eine Modeerscheinung aufgesprungen ist. Er glaubt an all die Versprechungen, dass das bisher für unmöglich Gehaltene möglich wird: Die ökologische Revolution unter Beibehaltung einer florierenden Wirtschaft. Ob dieser Trend länger anhält und in einem gefestigten Parteigefüge seinen Platz findet, muss sich erst noch zeigen. Andere Themenparteien sind wieder in der Versenkung verschwunden. So die Autopartei oder die Überfremdungspartei von James Schwarzenbach. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.04.2011, 15:56 Uhr
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82 Kommentare
Auf diese Partei habe ich lange gewartet. Ich bin nämlich Patriot und deshalb liebe ich auch die Natur. Die SVP hat anscheinend mit der Natur wenig am Hut, die SP kann ich schon lange nicht mehr ernst nehmen und die Grünen sind noch jenseitiger in der Ausländerfrage und bei der Wirtschaft. Ich fühle mich endlich mal von einer Partei verstanden. Nicht zu links und trotzdem für die Umwelt. Mässi! Antworten
Ich bin KEIN Modewähler, sondern - wie viele andere mit mir auch - dankbar für diese Alternative. Als langjährige (frühere!!) SP-Wählerin boten mir die Grüne nicht die gewünschte Alternative (zu SP-nah).
Da ich den linken Multi-Kulti Illusionen schon lange nicht mehr folgen mag (obwohl als typische 70er-Jahre-Frau urban lebend), bietet mir die Grün-Liberale Partei eine echte Wahlmöglichkeit
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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