«Der Iran möchte die Schweizer Grossbanken holen»

Die iranische Wirtschaft sei hungrig auf Schweizer Technik, sagt der ehemalige Botschafter Philippe Welti. Eine Schwachstelle ortet er jedoch im Zahlungsverkehr.

War von 2004 bis 2008 Schweizer Botschafter in Teheran: Philippe Welti.

War von 2004 bis 2008 Schweizer Botschafter in Teheran: Philippe Welti. Bild: Esther Michel

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Herr Welti, auf welche Schweizer Güter wartet der Iran?
Auf Hightech. Ein grosser Engpass besteht bei den Raffinerien. Das erdölreiche Land muss etwa die Hälfte seines Benzins in Indien raffinieren lassen und anschliessend zurückkaufen, weil die eigenen Anlagen nicht mehr auf dem neusten Stand sind. Daneben sind weitere technologisch anspruchsvolle Güter und dazugehörige Serviceleistungen gefragt, unter anderem für die Verkehrsinfrastruktur.

Kommt es nun zu einem regelrechten Run auf den iranischen Markt?
Ich stelle fest, dass Regierungen und Handelskammern europäischer Länder seit einem Jahr wieder mit Wirtschaftsvertretern in den Iran reisen. Zu den ersten gehörten Österreich, Frankreich und Deutschland. Viele Länder agieren aber doch noch mit angezogener Handbremse. Solange das Abkommen mit dem Iran nicht in Kraft ist, müssen die Unternehmen immer noch abwägen, wie gross das Reputationsrisiko ist, das sie mit Geschäften mit dem Iran eingehen.

Wie gut sind die Schweizer Unternehmen darauf vorbereitet, um Marktanteile im Iran zu buhlen?
Das ist sehr unterschiedlich. Zurzeit sind vielleicht fünfzehn Schweizer Unternehmen im Iran tätig, darunter Nestlé, Novartis und Roche. Dank ihrer Niederlassungen oder Vertretungen vor Ort sind diese gut organisiert und mit der gegenwärtigen Situation im Iran bestens vertraut. Andere Unternehmen pflegten früher mal Geschäftsbeziehungen im Iran und wissen, wie man in dem Land Geschäfte tätigt. Eine dritte Gruppe sieht im Iran einen interessanten Markt, muss aber erst noch Kontakte zu bestimmten Personen und Firmen herstellen.

Und dabei helfen Sie.
Genau. Ich schreibe jeweils fünftägige Reisen aus, an denen maximal zehn Firmenvertreter teilnehmen. Vor Ort werden wir einerseits von Behördenvertretern empfangen, darunter von den Vizeministern im Aussen- und im Wirtschaftsdepartement sowie bei der Zentralbank. Daneben organisieren wir individuelle Termine bei iranischen Unternehmen.

Welche Unternehmen nehmen Sie mit auf diese Reisen in den Iran?
Ein Beispiel sind Zulieferer der Autoindustrie. Nach der Öl- und Gasförderung ist die Autoindustrie der zweitgrösste Wirtschaftszweig im Iran. Weil sie jahrelang von der globalen Entwicklung ausgesperrt waren, haben die iranischen Hersteller einen grossen Nachholbedarf.

Können auch kleinere Firmen im Iran erfolgreich sein?
Wer kein internationales Geschäft betreibt, dem rate ich davon ab. Wer aber international tätig ist und moderne Technologien entwickelt, kann im Iran einen interessanten Markt finden. Wir sprechen von einem zahlungskräftigen Land mit 80 Millionen Einwohnern, das lieber europäisch als chinesisch einkauft.

Wieso kaufen Iraner lieber europäisch ein?
Der Iran ist ein Land, das sich immer mit Europa auseinandersetzte und mit diesem phasenweise sehr eng verbunden war. Man kann sagen, dass sich der Iran trotz gewisser kultureller Schranken, trotz der Isolation mental globalisiert hat.

Wie kommt es, dass Sie als ehemaliger Botschafter nun die Wirtschaftsbeziehungen zum Iran pflegen?
Mein Engagement ist privater Natur. Ich habe die Wirtschaftskammer Schweiz - Iran gegründet, weil ich interessiert war, meine Kontakte im Iran weiter zu nutzen. Manche frühere Botschafter, die ich aus meiner Zeit als Diplomat kenne, sind heute Vizeminister in Teheran. Diese bieten mir jeweils an, mit Wirtschaftsvertretern vorbeizukommen. Die Kontakte zu Unternehmen vor Ort werden von unserer Schwesterorganisation vor Ort, der Iranisch-Schweizerischen Handelskammer, organisiert, die von Freunden von mir gegründet wurde. Selbstverständlich informiere ich das Seco über meine Kontakte.

Die offizielle Schweiz hat erst dieses Jahr eine Delegation mit Wirtschaftsvertretern in den Iran entsandt. Zu spät?
Andere Länder gingen forscher vor, die Schweiz zurückhaltender. Kritisieren will ich dies sicher nicht. Wenn die Schweizer Industrie stark gedrückt hätte, wäre sicher früher eine Delegation entsandt worden.

Bergen Geschäfte mit dem Iran nicht auch grosse Gefahren? Wenn die Umsetzung des Abkommens scheitert, könnten rasch neue Sanktionen verhängt werden.
Das muss jedes Unternehmen im Einzelfall abwägen. Die Achillesferse ist zurzeit der Zahlungsverkehr, der immer noch stark behindert ist. Auf diesen ist die Exportindustrie angewiesen. Die Schweizer Banken stehen zurzeit aber abseits, was aber ein Jammer ist, wenn ich von meinen Kontakten höre, dass sie die beiden grossen Schweizer Banken gerne wieder im Land hätten. Diese zeigen bisher aber kein Interesse daran, weil sie sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben und in den USA einen Reputationsschaden hinnehmen und Bussen bezahlen mussten.

Was müsste geschehen, damit die UBS und die CS wieder mit dem Iran Geschäfte tätigen?
Die bräuchten eine absolute Garantie, dass ihnen die USA dies nicht zum Vorwurf machen.

Was würde es Ihnen persönlich bedeuten, wenn der Iran wieder in die Weltwirtschaft eingebunden wäre?
Ich finde es nicht normal, dass ein Land mit einer solchen Bedeutung und Grösse wirtschaftlich isoliert ist. Es gibt zurzeit zwei grosse Mächte, die den Nahen Osten pazifizieren könnten. Dies sind die Türkei, die sich aus innenpolitischen Gründen nicht stärker organisiert, und der Iran, der den Islamischen Staat im Irak viel wirksamer bekämpfen könnte, auf Drängen Saudiarabiens aber von der internationalen Koalition ausgeschlossen bleibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.07.2015, 20:39 Uhr)

Infobox

Der Zürcher Philippe Welti stand mehr als 30 Jahre im diplomatischen Dienst des Bundes. 2004 bis 2008 war er Botschafter im Iran. Er präsidiert die von ihm gegründete Wirtschaftskammer Schweiz - Iran. Im November letzten und im Mai dieses Jahres organisierte er Reisen mit Wirtschaftsvertretern in den Iran.

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