Der Kampf um die alte Schweiz

Nach dem Rücktritt des Chefredaktors wittern Rechtskonservative die Chance, endlich die Macht über die «NZZ» zu erobern. Die Ex-FDP-Bastion ist eine Projektionsfläche für eine Schweiz, wie sie sich die SVP wünscht.

Die NZZ am Förderband der NZZ-Druckerei in Schlieren. Foto: A. della Valle (Keystone)

Die NZZ am Förderband der NZZ-Druckerei in Schlieren. Foto: A. della Valle (Keystone)

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Unerhörtes trug sich diesen Sommer an der Zürcher Falkenstrasse zu. Auf ­einer ganzen Seite widmete sich die «Neue Zürcher Zeitung» unter dem Titel «Diamant mit dunklen Flecken» den Schweizer «Diamantfeiern» von 1989 zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ausgiebig beschrieb der Journalist in seinem Artikel die damalige linke Kritik an der Jubelfeier und die Konsequenzen für die offizielle Geschichtsschreibung. Sein Fazit: «Was 1989 noch als wissenschaftlich fragwürdige Positionen von ‹Nestbeschmutzern› diffamiert wurde, ist innert einem Jahrzehnt zur neuen Meistererzählung geworden. Die dunklen Flecken des Diamanten sind seit ‹Bergier› beglaubigt – und zwar staatlich.»

In den Kreisen der rechten Intelligenz – vertreten im Bundeshaus, in Herrliberg und in Redaktionen in Zürich und Basel – löste die Seite Entsetzen aus. Wütende Telefonanrufe, gezischte Beleidigungen, schäumender Ärger. Der Tenor: «Das gehört nicht in die NZZ!» Der Ärger der rechtskonservativen Elite – darunter Figuren wie Christoph Blocher, Roger Köppel, Markus Somm oder Christoph Mörgeli – ist Symptom eines schon lange währenden Leidens: Jene NZZ, die man sich in diesen Kreisen wünscht, entgleitet ihnen Stück für Stück, Artikel um Artikel. «Die NZZ hat ihre politische Richtung verloren», sagte Christoph Blocher kürzlich in einem Interview und meinte damit: seine Richtung.

Ein Ereignis wie die «Diamantfeier» von 1989 ist ein Fixpunkt in der konservativen Erinnerungswelt. Für deren Deutung gibt es aus rechter Sicht nur zwei Möglichkeiten: Die richtige – und die linke. Und Blocher hat schon recht: Vor zwanzig Jahren wäre es einem Redaktor der NZZ nicht in den kühnsten Träumen eingefallen, die Erinnerung an die Aktivdienstgeneration mit Zweifeln irgendwelcher Art zu beschmutzen. Die NZZ hatte damals eine Mission, eine politische Aufgabe. Sie war die Verkörperung der bürgerlichen Schweiz. Dazu nur ein Beispiel von vielen: Als der spätere Bundesrat Moritz Leuenberger im November 1989 den PUK-Bericht zum Rücktritt von Elisabeth Kopp präsentierte, schrieb die NZZ zwei Seiten zur gefallenen FDP-Bundesrätin. Von der Existenz von 900 000 Fichen – dem eigentlichen Skandal im PUK-Bericht – erfuhren Leser der NZZ erst Tage später.

Die NZZ ist anders

Heute wäre das anders. Die NZZ ist anders. Normaler. Eine Zeitung, die Geld verdienen muss. Die ihren Chefredaktor entlässt. Eine Zeitung vor allem, die viel journalistischer (und je nach Optik: viel besser) gemacht ist als noch zu jener Zeit, als sie eine politische Mission hatte.

Diese Veränderung gefällt nicht allen. Der Publizist Robert Nef, ein Säulenheiliger der Schweizer Konservativen («Liberale Lichtgestalt», hat die «Weltwoche» einmal ein Porträt über ihn betitelt), beurteilt die Veränderung der publizistischen Ausrichtung der NZZ kritisch. «Wenn die NZZ im Inlandteil beginnt, ähnlich zu argumentieren wie der ‹Tages-Anzeiger›, dann kann man die beiden Zeitungen zusammenlegen. Ich sehe noch Unterschiede. Aber die nehmen eher ab.»

Das letzte Symbol einer untergehenden Schweiz

Und das möchten die rechtskonservativen Kreise um Christoph Blocher um jeden Preis verhindern. Seit Jahren hält sich das Gerücht, Blocher sei an der NZZ interessiert, und bei jeder Regung an der Falkenstrasse – wie jetzt bei der Entlassung von Chefredaktor Markus Spillmann – erhält das Gerücht neue Nahrung. Der letzte konkrete Angriff datiert aus diesem Sommer, als rechte Vertreter im Aktionariat versuchten, die aktienrechtliche Bindung der NZZ an die FDP zu lösen – und scheiterten. Blocher selber dementiert das Interesse an der «Zürizitig», wie er sie konsequent nennt. Aber das hat er schon bei der «Basler Zeitung» getan.

Dass es die Rechtskonservativen zur NZZ drängt, ist bestens nachzuvollziehen. Die NZZ ist in ihren Augen das letzte Symbol einer untergehenden Schweiz. Eine Projektionsfläche für die Schweiz von Unternehmern wie Alfred Escher. Ein Land vor der Globalisierung, das seine Aussenbeziehungen – zumindest in der Vorstellung der SVP – ausschliesslich wirtschaftlich und nie politisch definierte. Ein Sonderfall, der eisern an seinen Prinzipien festhält: Unabhängigkeit, Neutralität, Föderalismus. Eine Schweiz, wie sie sich Chris­toph Blocher wünscht. Und wie sie der Freisinn gemacht hat.

Freisinn gedemütigt und gebrochen

Die Escher-Schweiz, die Schweiz der Unternehmer – das war die Schweiz der FDP. Der dreissigjährige Niedergang der Partei – von der dominierenden bürgerlichen Kraft zum 15-Prozent-Juniorpartner der SVP – ging einher mit dem Verlust der Deutungshoheit über die Schweizer Identität. Die Säulen des Sonderfalls waren früher freisinnige Prinzipien; heute scheinen sie fest in der Hand der SVP. Es ist Blocher, der sich mit dem freisinnigen Unternehmer Alfred Escher vergleicht und diesen als Bestandteil der rechtskonservativen Deutung der Schweizer Geschichte für sich reklamiert. Es ist die SVP, die sich heute als Wirtschaftspartei, als Partei der Unternehmer sieht (während sich die FDP von zu grosser Wirtschaftsnähe zuerst einmal fürchtet). Gegenwehr gibt es kaum mehr: Auf dem Marsch an die Spitze der bürgerlichen Schweiz haben die Rechtskonservativen den Freisinn nach einem langen Kampf gedemütigt und gebrochen. Da ist nichts mehr.

Nur noch die NZZ. Sie ist das letzte Stückchen, das dem «Freisinn blocherscher Prägung» (so nennt es Roger Köppel) noch fehlt. Vieles deutet darauf hin, dass es Blocher und der SVP im aktuellen Fall nicht gelingen wird, die Macht an der Falkenstrasse zu übernehmen. Aber das Projekt dürfte nur aufgeschoben sein. Wie ausdauernd die Angriffe von rechts sein können, das hat der Freisinn in den vergangenen dreissig Jahren schmerzlich erfahren müssen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.12.2014, 23:29 Uhr)

Spillmann und der deutsche Digitalcrack

Zum Abgang des NZZ-Chefs kam es, weil er teilweise entmachtet werden sollte.

Es war ein vielsagender Satz, mit dem sich Markus Spillmann am Dienstag von der «Neuen Zürcher Zeitung» verabschiedete: «Tragt der NZZ Sorge, da schaue ich Etienne vor allem an, und tragt dieser so speziellen Publizistik Sorge.» Eben dieser Etienne Jornod, Verwal­tungsratspräsident der Mediengruppe, hatte kurz zuvor der verdutzten Belegschaft den Bruch mit Spillmann verkündet. Als erster Chefredaktor in der 234-jährigen Geschichte des Blatts räumte er den Posten vorzeitig.

Wie kam es zum Abgang? Spillmann stand offenbar zuletzt als Verlierer eines Prozesses da, den er selbst angestossen hatte. Der 47-Jährige, der in dieser Funktion direkt dem Verwaltungsrat rapportiert, regte an, die Rolle des Leiters ­Publizistik neu zu definieren, um damit auf die schwierigen Herausforderungen des Medienhauses zu reagieren: digitaler Wandel, wegbrechende Printerlöse, Expansion nach Österreich und Deutschland. Es wurde fleissig verhandelt – auch über die redaktionelle Ausrichtung. Zur Einigung kam es nicht. Jornod sagte vor der Belegschaft: «Wir hatten einen Konflikt bezüglich der neuen Organisation.»

Über die genauen Streitpunkte gehen die Versionen auseinander. Die wahrscheinlichste ist, dass Spillmann entmachtet werden und den Sitz in der Unternehmensleitung verlieren sollte. Weil der Chefredaktor die Erwartungen in diesen Bereichen nicht erfüllt hat, ist der NZZ-Verwaltungsrat schon seit einiger Zeit auf der Suche nach einem neuen, starken Mann für die Chefetage, der das Geschäft der Zukunft beherrscht und die Auslandabenteuer vorantreibt. Es sollte deshalb ein «Digitalcrack aus Deutschland» her, berichten NZZ-Kreise. Als Wunschkandidat wird Mathias Müller von Blumencron genannt, der zurzeit den digitalen Auftritt der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» verantwortet. CEO Veit Dengler und Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod sollen bereits Gespräche geführt haben. Hans Hofmann, namhafter Medienheadhunter, könnte sich – «spontan und rein hypothetisch» – Müller von Blumencron durchaus bei der NZZ vorstellen. «Er gilt als publizistischer Leuchtturm und hat vom ‹Spiegel› bis zur FAZ bei Publika­tionen von internationalem Format ­gearbeitet. Zudem war er auch schon in Zürich tätig und geniesst fachlich wie menschlich einen guten Ruf.»

Eine Allianz mit Blocher?

Seit Spillmanns Abgang kursieren wilde Gerüchte in der Branche. Unter dem ­Titel «Christoph Blochers Griff nach der ‹alten Tante›» spekulierten «Aargauer Zeitung» und «Südostschweiz» sogar, der reiche SVP-Chefstratege und «Basler Zeitung»-Miteigentümer könnte der NZZ das «St. Galler Tagblatt» und die «Neue Luzerner Zeitung» abkaufen oder anderweitig beim FDP-dominierten Medienhaus einsteigen – was der Politiker auf «Teleblocher» umgehend als «dummes Zeug» abtat. Gleichzeitig wird von PR-Beratern kolportiert, der Blocher-nahe Markus Somm (Verleger und Chef der «Basler Zeitung») sei als neuer NZZ-Chefredaktor im Gespräch.

Tatsache ist: Der Name Blocher könnte bei der NZZ doch noch ins Spiel kommen, wenn deren Regionalmedien aus Luzern und St. Gallen inskünftig mit der BaZ kooperieren. Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass derzeit über eine solche Allianz verhandelt wird. Die BaZ erhoffe sich davon einen Ausweg aus ihrer Isolation, die NZZ-Gruppe neue Synergien und damit Kosteneinsparungen. Sogar von einem ­möglichen VR-Sitz für Markus Somm bei den NZZ-Regionalmedien ist die Rede. Über die Achse Basel-Luzern-Ostschweiz wurde auch schon an einem Kaderanlass des «St. Galler Tagblatts» diskutiert. ­Offiziell dementierte die NZZ-Sprecherin gestern, dass eine Kooperation mit der BaZ in Vorbereitung sei. Zu hypothetischen Gedankenspielen wolle sie sich nicht äussern, teilte sie mit.

Von Christian Lüscher (Tages-Anzeiger)

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