Der Kandidat, der aus der Fremde kam

Zari Dzaferi gelangte als Siebenjähriger in die Schweiz, jetzt möchte er Zuger Regierungsrat werden. Das gefällt selbst SVP-Leuten.

Der Sekundarlehrer Zari Dzaferi in seinem Klassenzimmer. Foto: Sabina Bobst

Der Sekundarlehrer Zari Dzaferi in seinem Klassenzimmer. Foto: Sabina Bobst

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Und dann, plötzlich, sagt er nichts mehr. Am Morgen hat er Schule gegeben, jetzt sitzt er einem im Lehrerzimmer von Menzingen gegenüber. Dunkler Tschoo­pe, offenes Hemd, elegant un­rasiert. Ein enthusiastischer Typ, der häufig lacht und gerne recht gibt. Der 30-jährige Sekundarlehrer aus Baar politisiert im Nebenamt für die SP im Zuger Kantonsrat, zweite Legislatur. Und kandidiert für den frei werdenden Sitz von Peter Hegglin; der CVP-Mann wurde in den Ständerat gewählt. Zari Dzaferis Kandidatur ist ebenso energisch wie chancenlos. Aber sie gibt zu reden.

Er selber redet auch sehr gern. Aber jetzt grad sagt er gar nichts. Draussen tanzen die Schneeflocken. Hingewürfelt stehen Bauernhäuser und Wohnblöcke in der Landschaft. Dahinter wölben sich voralpine Hügel. Die Frage an ihn war simpel gewesen. Was für Chancen er sich am Sonntag ausrechne. «Dass es einen zweiten Wahlgang geben könnte», sagt er schliesslich.

Der Aufsteiger

Man realisiert erst mit Verspätung, warum ihm die Antwort so schwerfällt: Der Kandidat will weder devot wirken noch arrogant; Bescheidenheit zeigen, aber den Ehrgeiz nicht verbergen. Zari Dzaferi möchte es weit bringen, ohne zu brüskieren. Darum klingen manche Sätze von ihm so gestanzt, super-schweizerisch. «Politik geht immer auch um den Menschen», sagt er etwa, oder: «Ehrliche Arbeit muss sich lohnen.» ­Gelegentlich hängt er einer Aussage ein Und-so-weiter an und klingt abgenutzt dabei, als habe er alles schon oft erzählt. Als man ihn darauf anspricht, reagiert er erstaunt, dann gibt er zu: Auch er könne den Politiker in sich nicht mehr abschalten.

Im Unterschied zu seinen Rats­kollegen hatte Zari Dzaferi einen deutlich längeren Hinweg. Er kam von ganz unten und weit weg. Wuchs im albanischen Teil von Mazedonien auf. Sein Vater hatte in Baar als Saisonnier auf dem Bau gearbeitet, Anfang der Neunziger holte er die Familie nach. Die Mutter fand Arbeit als Putzfrau, Zari und seine Geschwister lernten von den Schweizern Deutsch und von den Eltern ar­beiten. Der Bruder studiert Jus, die Schwester wurde Buchhalterin. Zari schaffte es von der Real- in die Sekundarschule, dann ins Gymnasium und schliesslich an die Pädagogische Hochschule Luzern. Sein Lebenslauf vermerkt Gastsemester in den USA und Norwegen. Während des Studiums schleppte er Gipsplatten, arbeitete Nachtschicht, sah am Abend seine ­müden Eltern. «Wenn dir der Schweiss den Rücken herunterläuft», sagte ihm die Mutter, «hast du deine Arbeit gut ­gemacht.»

Der Beliebte

Wie ernst der Kandidat die Politik nimmt, fällt auch anderen auf. «Zari tritt sehr umgänglich auf, aber auch sehr ­bestimmt», sagt Andreas Lustenberger, Dzaferis Kantonsratskollege von den ­Alternativen. Von anderen hört man Ähnliches: Sie warnen davor, den Kollegen zu unterschätzen. «Er hat eine mitreissende Persönlichkeit und vertritt sowohl die Jungen wie die Secondos. Von beiden braucht es mehr in der Politik», sagt Daniel Gruber, der ist zwar parteilos, aber als Oberst und langjähriger ehemaliger Präsident der Zuger Offiziersgesellschaft kein Freund der Sozialdemokratie. Sogar von der SVP bekommt der Kandidat Sympathien, ein Jungpolitiker der Partei gehört zu seinem Komitee.

Der Integrierte

Die Zustimmung lässt vermuten, der ­Gelobte wolle allen gefallen. Er widerspricht. Anträge der Bürgerlichen zum Beispiel, bei der Bildung Millionen zu sparen, bekämpfe er: «Sie wollen we­niger ausgeben, aber man soll es nicht merken.» Dass er zu Glencore nichts ­sagen möchte, dem hoch kontroversen Rohstoffgiganten mit Hauptsitz in Baar, seiner eigenen Stadt, begründet er mit mangelndem Fachwissen. Das zeichnet ihn als Politiker aus, der nicht zu allem etwas meint, bestätigt aber den Kurs der Zuger SP. In solchen Fragen, sagen Beobachter, politisierten die Grün-Alternativen energischer.

Zari Dzaferi wirkt perfekt integriert. Er glaubt an die Werte des Landes, den Lohn der Arbeit und die Bedeutung der Politik. Woran glaubt er sonst noch, hat er eine Religion? «Ich zeige sie Ihnen», sagt er. Mit seinem roten VW, in dem es ein wenig nach Benzin riecht – «Ein Schlauch tut nicht so gut» –, fahren wir von Menzingen nach Baar hinunter. Auf den Feldern lacht er einem von den ­Plakaten entgegen, er hat sie selber ­aufgestellt, nach Rückfrage bei den Bauern, selbstverständlich. «Dieses Land da ­gehört dem SVP-Präsidenten von Menzingen.» 70 Plakate hat er im Kanton verteilt, rund 15 000 Franken werde seine Kandidatur kosten. Je länger die Fahrt, desto mehr Neubauten. Die Agglomeration frisst sich ins Land, bildet Metas­tasen aus Glas und Beton. «Als ich aufwuchs, stand all das noch nicht», sagt der Kandidat. Er wohnt mit seiner Freundin in einem Baarer Hochhaus.

Eine letzte Kurve, der Wagen steuert auf ein offenes Feld zu. Dzaferi hält an und sagt: «Hier ist meine Religion.» Es ist der Fussballplatz von Baar. Dort habe er viel von dem gelernt, was es zum Schweizer brauche. Früher spielte er in der zweiten Liga, jetzt bei den Senioren in der vierten. Auf welcher Position, fragt man ihn. «Mitte-links», sagt er. «Kein Witz.»

Er muss trotzdem lachen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.01.2016, 14:31 Uhr)

Drei Kandidaten, ein Favorit

Ersatzwahl im Kanton Zug

Die Zuger Kantonsregierung setzt sich aus je zwei Vertretern von CVP, SVP und FDP und einer Vertreterin der Grün-Alternativen zusammen. Für den abtretenden Peter Hegglin von der CVP treten drei Männer an.

Kaum zu schlagen sein dürfte Hegglins Parteikollege Martin Pfister, Präsident der Zuger CVP. Der 52-jährige Historiker schaffte die Wahl schon 2014 beinahe. Zari Dzaferi versucht ohne nennenswerte Aussichten, für seine SP einen Regierungssitz zu gewinnen. Noch chancenloser ist Stefan Thöni von der Piratenpartei. Die Ersatzwahl findet am Sonntag statt. (jmb.)

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