Der Kondom-Tester
Von Erika Burri. Aktualisiert am 12.10.2009
Johannes Gauglhofer ist keiner, der die freie Liebe predigt. Keiner, der sich mit sexuellen Abenteuern brüstet. Das Wort Sex fällt kein einziges Mal während des Gesprächs. Doch mit Präservativen kennt sich der 63-Jährige aus wie kaum ein zweiter. Zwischen zwei und drei Millionen Kondome hat er in seinem Leben getestet. Nicht am eigenen Leib, nein, sondern auf einer Penis förmigen Metalldrüse. Er musste sie sich selber ausdenken, weil es so etwas noch gar nicht gab. Die Drüse bläst Luft in einen Gummi – bis dieser platzt.
Johannes Gauglhofer, Doktor in physikalischer Chemie, aufgewachsen im Wiener Wald, Sohn einer Primarlehrerin und eines Theologen, der später – weil er eine Frau kennen lernte – nicht als Priester, sondern als Chemiker arbeitete. Nach der Matura studierte er erst in Wien Chemie, ging dann in die USA, wo er auch doktorierte. In den USA lernte er auch seine erste Frau kennen, eine Schweizerin. Heute ist Gauglhofer aktiver Frühpensionär.
Bis zu 20 Prozent platzten
Als sich vor 25 Jahren die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) an die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) wendete, war Gauglhofer Leiter der Abteilung Leder und Schuhe. Bilder von todkranken Menschen mit Aids schärften damals das Bewusstsein. Ein Gummi, der platzt, kann tödliche Folgen haben. Das Kondom sollte Sicherheit bieten, was die SKS überprüfen lassen wollte. «Schuhe haben auch Gummi dran», hiess es. Also bekam Gauglhofers Abteilung die Präservative zum Testen.
Die ersten Tests führten «zu Theater», sagt Gauglhofer, «die Präservative waren so schlecht». Bis zu 20 Prozent platzten, schon nachdem wenig Luft in die Gummis geblasen worden war. Es gab noch keine Normen, an denen sich Gauglhofer hätte orientieren können. Klar war: Ein Kondom, das so schnell platzt, verdient kein Gütesiegel. Ein Spiessrutenlauf um Normen begann. Die Schweizerische Normenvereinigung gründete 1987 die Gruppe 154 «Präservative aus Gummi». Gauglhofer wurde Vorsitzender. Die Politiker hätten aufgrund der Vorschläge eine Verordnung ausarbeiten sollen, was scheiterte.
Also einigte man sich privatwirtschaftlich – und gründete vor 20 Jahren den Verein Gütesiegel für Präservative. Seither gibt es das «OK»-Gütesiegel in Form eines lila Präservativs, das der Verein vergibt. Ein Präservativ mit 52 Millimeter Durchmesser erhält das «Ok» nur, wenn es mindestens 28 Liter Luft aushält. «Die meisten platzen aber erst nach 40 Liter», sagt Gauglhofer. Das ergibt einen grossen Ballon. Die Schweizer Normen gehören weltweit zu den strengsten. Ohne das lila «OK» auf der Verpackung sind die Präservative hierzulande kaum abzusetzen.
Lange Fingernägel riskant
2002 entschied die Empa, die Präservativ-Tests nicht mehr durchzuführen. Johannes Gauglhofer arbeitete privat weiter für den Verein. Heute noch wertet er von zu Hause aus die neusten Testzahlen statistisch aus, «eine Knochenarbeit». Die Resultate aber stellen ihn zufrieden: «Die Präservative sind viel besser geworden.» Gauglhofer kennt niemanden, der HIV-positiv oder an Aids gestorben ist. Dennoch ist ihm die Sicherheit von Präservativen ein Anliegen. Er habe doch auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Er moralisiert nicht und verurteilt nicht.
Nüchtern spricht er davon, wie bei einer Präservativ-Studie in Australien einige Paare öfters mit geplatzten Kondomen zu kämpfen hatten als andere. Gauglhofer hat auch diese Resultate ausgewertet und musste die Pechvögel aus der Studie kippen. Es gebe zwei Gründe, wieso ein Kondom platze, erklärt der Chemiker. Erstens, wenn es fehlerhaft sei; das sei in weniger als einem Prozent der Fall. Zweitens, wenn spitze Gegenstände wie lange Fingernägel das Präservativ schädigen. «Wir mussten davon ausgehen, dass diese Paare das Handling mit den Präservativen nicht ganz im Griff hatten.» Gauglhofer schmunzelt etwas.
Im Haus im St. Galler Quartier Rotmonten hört man gleich mehrere Uhren ticken – Sammelstücke von seiner zweiten Frau. Gauglhofer ist dreifacher Grossvater. Ober er früher seine Söhne mit Gratiskondomen versorgt habe? «Nein», sagt Gauglhofer. Sie hätten aber auch nie danach gefragt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.10.2009, 06:11 Uhr




