Der Landschäftler
Von Philipp Loser. Aktualisiert am 15.02.2011 116 Kommentare
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Land und Stadt driften immer mehr auseinander: Weltoffen gegen wertkonservativ, urbane Mischkultur gegen bodenständige Heimatliebe – der Konflikt zwischen den zwei Schweizer Lebensrealitäten wird schärfer. Den Trend beobachten Politologen seit Jahren. Und er hat am vergangenen Sonntag mit der deutlichen Abfuhr der Waffenschutz-Initiative einen Höhepunkt erlebt: Politisch ticken urbane und ländliche Gebiete in der Schweiz nicht mehr gleich.
Während die Bevölkerung in den grossen Schweizer Städten mehrheitlich progressiv abstimmt, ist auf dem Land seit Längerem eine Rückbesinnung auf konservativere Werte festzustellen. Aber wie tickt er denn, der typische Landschäftler? Lesen Sie dazu unten das Porträt. (Hier geht es zum Porträt «Der Städter», welches vor kurzem an gleicher Stelle veröffentlicht wurde)
Der Landschäftler
Wenn man ihn zeichnen müsste, dann würde ein Bild von SVP-Nationalrat Christian Miesch herausgekommen. Mit einem Stumpen im Mund und natürlich mit dem seit diesem Abstimmungssonntag legendären Trainerjäckchen der Schützengesellschaft Titterten. Miesch ist ein typischer Landschäftler: konservativ, bodenständig, heimatverbunden, abwehrend Richtung Stadt. «Wenn jemand seit Generationen immer am gleichen Ort lebt, dann gibt er Sorge zu diesem Ort. Er bewahrt ihn und sagt nicht zu jeder Veränderung Ja.» Miesch sagt noch viele solche Dinge. Über den Stammtisch im Dorf, die Zugezogenen, das Vereinsleben. Er gibt ihn gerne, den echten Landschäftler, und manchmal ist es schwierig abzuschätzen, wann Miesch seine Selbstdarstellung als Mann vom Land etwas gar stark forciert.
Gleich und gleich gesellt sich gern
Dabei wird seine Eigenwahrnehmung auch von der Wissenschaft gestützt. Im Schweiz-Teil des Sorgenbarometers ist seit einigen Jahren ein Trend zur Rückbesinnung auf die Nation festzustellen, sagt Lukas Golder von gfs.bern. «Und die geschieht auf dem Land.» Anhand von Abstimmungen der vergangenen Jahre kann Golder nachweisen, dass diese Rückbesinnung auf konservative Werte und damit der Unterschied zwischen Stadt und Land immer grösser geworden ist.
Diese Beobachtung wird durch eine Studie des Politologen Philipp Leimgruber gestützt, der die gesellschaftspolitischen Unterschiede zwischen Stadt und Land untersucht hat. Sein Fazit: Der Graben zwischen urbanen und ländlichen Gebieten wird immer grösser, weil sich die Menschen ihre Lebenswelt bewusst aussuchen. «Weil Pendeln in den vergangenen zwanzig Jahren so günstig und praktisch geworden ist, müssen die Menschen nicht mehr an ihrem Arbeitsort wohnen. Sie können sich ihren Wohnort nach weltanschaulichen Kriterien aussuchen.» Und das sei der Grund, sagt Leimgruber, warum es den konservativen Bürger eher aufs Land ziehe, zu seinesgleichen. «Er trifft dort auf Leute mit der gleichen Haltung und wird so in seiner eigenen Meinung bestärkt.» Das decke sich auch mit der aktuellen Forschung in den USA, wo nachgewiesen wurde, dass demokratisch dominierte Gebiete immer demokratischer und republikanisch dominierte Gebiete immer republikanischer würden: «Diese Entwicklung lässt sich auch in der Schweiz nicht aufhalten.»
Starker Zusammenhalt in ländlichen Gebieten
Womit die Frage nach der eher wertkonservativen Einstellung des Landschäftlers aber noch nicht beantwortet ist. Fragt man vor Ort nach, erhält man unterschiedliche Antworten. Gabi Huber, FDP-Fraktionschefin und einzige Nationalrätin aus Uri, sieht äussere Einflüsse als Grund für die ländliche Skepsis gegen jegliche Bevormundung durch den Staat – und die damit verbundene konservative Haltung: «Wir im Kanton Uri sind gewohnt, mit Naturkatastrophen zu leben. Wenn so etwas passiert, fragt man nicht irgendwo nach, was zu tun sei. Man macht.» Peter Föhn, SVP-Nationalrat aus Schwyz, verweist auf den starken Zusammenhalt in den ländlichen Gebieten. Da kenne man den Nachbarn noch. «Wir haben keine anonyme Gesellschaft wie in der Stadt.» Exemplarisch sei das am Vereinswesen zu sehen. Auf dem Land akzeptiere man die Schützen, auch wenn es dafür am Wochenende im Schiessstand knalle. «Das Vereinswesen ist ein wichtiger Punkt in unserem sozialen Gefüge. Es beugt der Einsamkeit vor.»
Dass man sich als Einwohner in einem solchen Gefüge engagiere, habe mit der Einstellung der Landschäftler zu tun, sagt Föhn: «Wir haben eine andere Bodenhaftung als in der Stadt, eine andere Heimatverbundenheit.» Es ist ein typischer Satz eines typischen Landschäftlers. Jenes typischen Landschäftlers, der am Sonntag Nein gesagt hat. (Basler Zeitung)
Erstellt: 15.02.2011, 16:00 Uhr
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116 Kommentare
richard müller@ Solch generalisierte Vorurteile wis Sie hier schreiben, dass alle Staatsangestellte in subventionierte Wohnungen wohnen, ist schlicht eine Frechheit. In den "Staatsbetrieb" in dem ich arbeite sind gerade knapp 1o personewn von 70, welche noch in der Stadt wohnen. Daher lassen Sie solche bemerkungen besser sein. Antworten

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