Der Mann, der das Volk vor Impfungen retten will

Der parteilose Naturheilpraktiker Daniel Trappitsch dirigiert gleich zwei Referendumskämpfe: Er versucht, das Tierseuchen- und das Epidemiengesetz zu Fall zu bringen.

Kämpft für den «Erhalt der Freiheit des Menschen»: Daniel Trappitsch vor seinem Haus in Buchs SG.

Kämpft für den «Erhalt der Freiheit des Menschen»: Daniel Trappitsch vor seinem Haus in Buchs SG. Bild: Martin Mischkulnig

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Die Volksabstimmung vom 25. November ist ein Kuriosum. Nur über eine einzige Vorlage wird entschieden: ein Geschäft, das im Parlament keinerlei Widerspruch ausgelöst hatte. Trotzdem ist es einem Referendumskomitee gelungen, 51'000 gültige Unterschriften gegen das neue Tierseuchengesetz zu sammeln – eine Leistung, die nach dem gescheiterten Angriff auf die Steuerabkommen umso bemerkenswerter erscheint.

Wer nach Menschen und Gründen hinter dem Widerstand sucht, stösst auf ein Milieu, das dergestalt kaum je ins Rampenlicht getreten ist. Es handelt sich um ein Konglomerat aus Impfgegnern, alternativen Bauern und Einzelkämpfern vom rechten und linken politischen Rand, geeint am ehesten durch einen Hang zur Esoterik – und durch ein generelles Misstrauen gegenüber Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Medien. Die Fäden laufen bei einer schillernden Persönlichkeit aus Buchs SG zusammen, die den Abstimmungskampf der Gegner koordiniert: dem 47-jährigen Daniel Trappitsch, Naturheilpraktiker, in Trennung lebend, Fachmann für «Holistopathie». Dieser Begriff, von Trappitsch selber kreiert, steht ihm zufolge für eine gesprächsbasierte Heilmethode, die den Körper als «Ausdrucksmittel der feinstofflichen Welt» versteht, die Krankheit als «Botschaft», «auf die man hören kann».

Furcht vor Impfzwang

Trappitsch führt überdies das Netzwerk Impfentscheid, das sich der «Verhütung von Impfschäden durch gezielte Aufklärung» verschrieben hat. Der Verein begründet seine Tätigkeit damit, dass die Medien kompromittierende Informationen über das «Milliardengeschäft Impfen» gezielt unterdrücken würden. Das Netzwerk ist laut Trappitsch die treibende Kraft hinter dem Referendum, zusammen mit den Vereinen Blaudistel und Bauernverstand. Beide Organisationen wurden von Landwirten als Reaktion auf die Impfkampagne gegründet, mit der die Behörden seit einigen Jahren gegen die Blauzungenkrankheit bei Nutztieren vorgehen – in der Vergangenheit teils mit Zwangsmassnahmen.

Trappitsch war es, der im März seine Gesinnungsgenossen überzeugte, gegen die Revision des Tierseuchengesetzes anzutreten. Auch gegen das neue Epidemiengesetz hat er mittlerweile den Kampf aufgenommen. Vor allem Letzteres sieht er als Vehikel zur Einführung eines umfassenden Impfzwangs für Mensch und Tier.

Der Support aus bäuerlichen Kreisen trug wesentlich zur erfolgreichen Unterschriftensammlung gegen das Tierseuchengesetz bei. Die Einwände, mit denen die überwiegend technische Vorlage bekämpft wird, bewegen sich freilich auf eher stratosphärischer Ebene. Der «Impfzwang», aus dem Gesetz ohnehin schwerlich herauszulesen, taucht im Argumentarium nur am Rande auf. Trappitsch gibt zu, dass er die Revision vor allem deshalb kippen will, weil sie die Mängel des heutigen, «einseitig pharmafreundlichen» Gesetzes nicht behebe.

Verzwickte Freundschaften

Abneigung und Misstrauen gegenüber der Pharma könnten auf eine linke Gesinnung schliessen lassen – doch der Fall Trappitsch ist komplizierter. Der eloquente Debattierer war kurzzeitig Mitglied der SVP, ehe er sich mit ihr überwarf. Auch bei der Auns war er, trat aber wieder aus. Die institutionelle Anbindung fällt in die Zeit, als Trappitsch in Domat/Ems GR politisch Fuss zu fassen versuchte. 2007 wollte er Gemeindepräsident werden, ein Jahr später Mitglied des Gemeindevorstands. Ebenfalls 2007 kandidierte er auf einer eigenen Liste für den Nationalrat.

Als Wahlversprechen kündigte er damals an, mit dem «Filz» in Politik und Wirtschaft aufzuräumen. In Leserbriefen warnte er vor Pässen mit biometrischen Daten zur Erschaffung «gläserner Bürger». Er geisselte das weltweite «Zinseszinssystem», das als Wirtschaftsform «in sich krank» sei und «irgendwann sterben» werde.

Glaubt er an eine geheime Weltregierung?

Mit dem politischen Durchbruch wurde es nichts. Inzwischen hat Trappitsch Graubünden und Domat/Ems den Rücken gekehrt – vom katholisch-konservativen Emser Establishment fühlte er sich nie akzeptiert. Dokumente im Internet lassen dafür auf andere, etwas verzwicktere Freundschaften schliessen. Unlängst stellte sich Trappitsch etwa für ein längeres Interview mit We Are Change zur Verfügung, einem globalen Netzwerk von Verschwörungstheoretikern. Dessen Anhänger spekulieren über eine «geheime Weltregierung» und vermuten ein amerikanisch-jüdisches Komplott hinter den Terroranschlägen auf das World Trade Center.

Teilt Trappitsch dieses Gedankengut? Er findet dies «irrelevant», wie er betont: «Ich kenne die Bücher, in denen die Existenz einer geheimen Weltregierung vermutet wird. Der Inhalt dieser Bücher hat aber auf meine heutige Tätigkeit keinen Einfluss.» Ihm gehe es um den «Erhalt der Freiheit des Menschen» sowie die «einzigartige direkte Demokratie in der Schweiz». Das Volk brauche Aufklärung, es müsse sich seiner «Kraft» bewusst werden. «Stellen Sie sich vor, was geschehen würde, wenn 20 Prozent der Leute aus Unzufriedenheit mit den Machenschaften von Behörden und Politik keine Steuern mehr bezahlen würden!» Solche Pläne gebe es, er selbst habe damit aber nichts zu tun.

Zu tun hat Trappitsch anderes. Sein zweiter Referendumskampf stockt gerade ein wenig. Die Unterschriftensammlung gegen das Epidemiengesetz soll zwar plangemäss starten. Doch eine für gestern geplante Medienkonferenz des Referendumskomitees kam nicht zustande. Einige impfkritische Nationalräte haben ihre Teilnahme kurzfristig abgesagt. Manche ihrer Mitstreiter begannen ihnen unangenehm zu werden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.10.2012, 06:07 Uhr)

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