Schweiz

Der Mann, der dem Gottesdienst Flügel verleiht

Von Michael Meier. Aktualisiert am 24.12.2010 26 Kommentare

Kirchencoach Michael Giger lockt mit zahlreichen Innovationen neue Kreise in die Kirche.

Michael Giger leitet ein schweizweit einzigartiges Projekt.

Michael Giger leitet ein schweizweit einzigartiges Projekt.
Bild: Daniel Ammann

Freitagabend im evangelischen Kirchgemeindehaus Altstätten: Ein Videotrailer zoomt über das Rheintal durch die Gassen der Altstadt zur Kirche und zur Kirchenuhr, die auf 8 Uhr zeigt. Eine Männerstimme heisst die Gläubigen «im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes» willkommen. Gegen 100 Gläubige feiern den innovativen Gottesdienst «Punkt 8». Pfarrer Hansurs Walder predigt zum Thema «Warum passiert das gerade mir?» und fordert die Leute auf, schriftlich Fragen zu stellen. Nach der popmusikalischen Einlage einer Band sammeln Moderatoren die Fragen und stellen sie dem Pfarrer in einem Kreuzverhör. Manchmal treten externe Referenten auf. Manchmal spielen Schauspieler Theater.

Das Konzept des innovativen Gottesdienstes stammt von Michael Giger, Leiter des schweizweit einmaligen Projektes «Gemeindeaufbau durch lebendige Gottesdienste». Der gelernte Heizungszeichner ist populärer Kirchenmusiker: Er singt, spielt Klavier und Gitarre. Giger hat Religionspädagogik studiert und sich berufsbegleitend beim freikirchlichen Institut für Gemeindebau und Weltmission zum Pastor ausbilden lassen.

Beleben und verjüngen

Damit ist der Nichtpfarrer bestens gerüstet, mit neuen Gottesdienstformen Kirchenferne in die Kirche zu holen. «Der reformierten Kirche fehlt die Generation zwischen 20 und 50, nämlich die Familien», sagt Giger, der St. Gallens reformierte Kirche beleben und verjüngen soll. Nur junge Leute anzusprechen, wäre ihm zu eng, spezielle Jugendgottesdienste gebe es genug. «Zudem ist es ein Klischee, dass Popmusik nur Jüngeren gefällt. Es sind meine Eltern, die Rolling Stones hören», sagt der 40-jährige Familienvater.

«Punkt 8» zieht alle Altersgruppen an, von den Konfirmanden bis zu den 65-Jährigen. Vom gottesdienstlichen Zweitangebot in Altstätten machen jeweils 90 bis 100 Leute Gebrauch, ohne dass der Sonntagsgottesdienst deswegen schlechter besucht wäre.

Weg von der Liturgie

Giger versucht in die Landeskirche einzubringen, was ihr bisher fehlte: Power, Experiment, Bild, Ton, kurz: die Gefühlsebene. So durchbricht er die traditionellen Formen: Weg von der 25-minütigen Frontalpredigt; weg von der wortlastigen Liturgie. Das ist ein Paradigmenwechsel: weg vom pfarrherrlichen Modell des Pfarrers, der alles in Alleinregie bestimmt, hin zur Mitarbeitergemeinde, in der Musiker, Schauspieler und Freiwillige aktiv werden.

Gigers Stelle wird von der St. Galler Kantonalkirche finanziert. Zu je 25 Prozent ist er in den Kirchgemeinden Rorschach, Altstätten und Buchs tätig. Seine Stelle ist nur einer von mehreren innovativen Schritten zur Verjüngung der Kirche. Seit dem 1. Januar 2010 verpflichtet ein kirchlicher Erlass die Kirchgemeinden, neben der Klassik andere Stilrichtungen anzubieten. Die Kantonalkirche hat auch diverse Fachstellen zur Erneuerung geschaffen, etwa die Fachstelle für populäre Kirchenmusik, besetzt von einem Jazzmusiker.

Vom EInzelkämpfer zum Teamplayer

Die St. Galler Kirchenmusikschule bildet neben Organisten und Chorleitern in einem speziellen Studiengang auch populäre Kirchenmusiker aus. «Dabei verändert sich das Berufsbild des Organisten: Er spielt auch Klavier als Teil der Band und wird vom Einzelkämpfer zum Teamplayer», sagt Giger. Das hat bei den Organisten einen Aufschrei provoziert.

Die Arbeitsstelle lanciert jedes Jahr am kantonalen Singtag zwischen 10 und 12 neue Lieder – auch für die traditionellen Sonntagsgottesdienste, etwa in Altstätten. Der Organist steigt von der Empore runter und spielt am Klavier moderne Lieder in einer Band mit Flügel, Querflöte, Rhythmik, Gitarre und Kontrabass. So bleibt die Musik ganz nahe bei der Klassik. «Es geht in den meisten Gemeinden um eine sanfte Veränderung», sagt Giger, «die reformierte Liturgie bleibt immer klar erkennbar.»

«Touching moments»

Giger versteht sich als Übersetzer und Brückenbauer zwischen Musik und Theologie, zwischen Klassik und Moderne. Diese Mischung von Tradition und Populärmusik bedeutet für ihn Volksnähe. «Der theologische Inhalt ist der gleiche geblieben, er muss aber durch eine zeitgemässe Verpackung die Leute erreichen.»

Kirchencoach Giger ist sich freilich bewusst, dass jeder moderne Gottesdienst eine Gratwanderung ist zwischen Show und Feier. Viele Freikirchen setzten heute so stark auf die Verpackung, dass der Gottesdienst fast nur noch Entertainment sei. «Umgekehrt sind evangelikale Gruppen wie ICF aber auch Vorreiter in Sachen innovative Gottesdienste, und wir profitieren von ihnen.» Der Gegenpol zur evangelikalen Erbauung ist für Giger die Ehrfurcht, wie er sie in der katholischen Messe verspürt. So versucht er über Musik und Bild in seinen Gottesdiensten «Touching moments» zu schaffen, besinnliche Momente: «Wenn ich berührt bin von Gott, braucht es keine Show mehr.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2010, 22:20 Uhr

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26 Kommentare

Kim Dällenbach

24.12.2010, 11:25 Uhr
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Wer entertainment will, der gehe in Freikirchen, wer Besinnlichkeit will, der gehe zur römischen Kirche, wer das Wort Gottes ersehnt, der gehe in die reformierte Kirchen und wer Unterhaltung will, ist in der Kirche falsch. Antworten


Dr. Klaus Miehling

24.12.2010, 11:53 Uhr
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Des 1998 verstorbene deutsche Komponist Peter Janssens, der maßgeblich an der Einführung von populärer Musik in die Kirchen beteiligt war, sagte über das erste Mal als er eine Jazzband in einer Kirche spielen hörte: "Das ging los wie Hölle!" (zit. n. Hahnen, Das „Neue Geistliche Lied“ und sein Programm, S. 267). Was er damit eingestanden hat, scheint ihm selbst nicht klar gewesen zu sein. Antworten



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