Der Milchpreis fällt, unter den Bauern rumort es
Von Beat Bühlmann. Aktualisiert am 03.01.2009
Hansjörg Walter als skeptischer Zuhörer bei der Rede von Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard an einer DV des Bauernverbandes. (Bild: Keystone)
Als Bundesrat müssten Sie sich mit Piraten herumschlagen, als Bauernverbands-Präsident haben Sie es mit aufgebrachten Milchbauern zu tun. Was ist einfacher?
Hansjörg Walter*: Das Gespräch mit Milchbauern ist auch anspruchsvoll, aber es liegt mir näher.
Der Milchpreis sinkt um neun Rappen, viele Bauern sind aufgebracht. Zu Recht?
Es trifft die Produzenten empfindlich, wenn der Milchpreis so stark sinkt. Aber wir müssen uns damit abfinden, dass sich der Preis nach dem Marktangebot richtet.
Wie stark trifft’s die einzelne Bauernfamilie?
Bauern mit einem durchschnittlichen Milchkontingent von 110'000 Kilo müssen einen Einkommensverlust von 10'000 Franken hinnehmen. Das ist schmerzhaft. In kleineren Betrieben wird das Einkommen um bis zu einem Viertel geschmälert.
Vor einem halben Jahr haben die Bauern mit ihrem Milchboykott einen Zuschlag von sechs Rappen erkämpft. Ein Eigentor?
Der Aufschlag war damals berechtigt, denn die Milch war gefragt und der Preis im Ausland nicht viel tiefer. Nun müssen wir akzeptieren, wenn der Markt kehrt und es zu einem Preisabschlag kommt.
War das nicht selbst verschuldet? Jeder hat so viel produziert, wie er nur konnte, die Liefermenge wurde mehr als verdoppelt.
Viele Bauern hatten ungenutzte Stallkapazitäten und haben noch so gerne die Milchproduktion erhöht. Doch mit einer Überproduktion kann man keinen guten Preis aushandeln.
Fehlt es den Bauern an Solidarität?
Jeder Bauer schaut zuerst für seinen Betrieb - und sobald er an einer Versammlung ist, denkt er im Kollektiv. Vernünftig wäre, nur die Menge zu produzieren, die vertraglich vereinbart ist. Doch der Markt wurde mit zu viel Milch überschwemmt.
Jeden Tag kamen hundert Milchkühe dazu.
Das stimmt. Aber der Landwirt kann die Milchproduktion nicht von einem Tag auf den anderen drosseln. Wer ein Kalb aufzieht, will später die Milchkuh melken - und das dauert zweieinhalb Jahre.
Droht nun ein neuer Milchboykott?
Ich hoffe nicht, denn das macht keinen Sinn. Längerfristig ist ein guter Milchpreis nur im Einvernehmen mit den Verarbeitern wie Emmi und Crem0 zu realisieren.
Auf den 1. Mai 2009 wird die seit 1977 bestehende Milchkontingentierung aufgehoben. Führt das ins totale Chaos?
Das wollen wir um jeden Preis verhindern. Ein chaotischer Milchmarkt liegt auch nicht im Interesse der Grossverteiler, das würde dem Image der Milch schaden.
Kommt es zur Milchschwemme, fallen die Preise, und der Konsument profitiert.
Ob die Konsumenten wirklich profitieren, ist offen. Migros und Coop haben kein Interesse an grossen Preisschwankungen. Wenn der Milchpreis massiv in den Keller fällt, kann er auch rasant ansteigen. Darauf reagieren die Konsumenten eher negativ.
Im Parlament wollten Bauern wieder eine Art Kontingentierung einführen – erfolglos.
Das wäre kein Rückfall in die Milchkontingentierung gewesen. Wir wollten lediglich die Lieferrechte der Bauern fixieren und die Mengensteuerung verbindlich regeln. Zusätzliche Mengen sollten an einem Börsenmilchmarkt ausgehandelt werden.
Sie möchten den Preis für die überschüssige Milch an der Börse täglich aushandeln?
Genau. Im Gegenzug könnten die Bergbauern, die weniger flexibel sind, zu fixen Preisen eine bestimmte Menge liefern. So wäre eine minimale Einkommenssicherung gewährleistet.
Das könnte man auch privat organisieren.
Richtig. Das wird nun auch angestrebt. Es fragt sich nur, ob sich dann alle Milchbauern daran halten werden. Da eine private Börse nicht allgemeinverbindlich geregelt wird, gäbe es keine Sanktionen.
Wird der Milchpreis weiter fallen?
Das Jahr 2009 wird für die Milchbauern ganz schwierig. Der Milchpreis wird sich mittelfristig ans EU-Niveau anpassen.
Also weniger als 60 Rappen für den Liter?
Wenn er unter diese Limite fällt, wäre die Schmerzgrenze deutlich überschritten. Mit diesem Preis würde es sich kaum noch lohnen, Milch zu produzieren. In der Schweiz müsste sich der Milchpreis mittelfristig bei 70 bis 80 Rappen einpendeln.
Das geht nur, wenn die Zahl der Milchbauern weiter abnimmt.
Die Milchbauern müssen sich zusammenschliessen, wenn sie effizient produzieren wollen. Neue Stallbauten lohnen sich erst für Betriebe mit 40 Milchkühen und einer Produktion von 300 000 Kilo pro Jahr.
Das heisst, ein Grossteil der heute 27 000 Milchbauern wird verschwinden?
So ist es. In den letzten 15 Jahren wurden die Milchkontingente auf den einzelnen Höfen praktisch verdoppelt, auf durchschnittlich 110 000 Kilo, und die Zahl Milchbauern wurde praktisch halbiert.
Trifft das vor allem das Berggebiet?
Aus topografischen Gründen werden vor allem Bergbauern die Milchproduktion aufgeben und auf Mutterkuhhaltung wechseln müssen.
Mit dem EU-Agrarfreihandel könnte die Schweizer Landwirtschaft neue Absatzmärkte erschliessen.
Mit Qualitätsprodukten gibt es Absatzchancen, ein absoluter Freihandel würde die Landwirtschaft ruinieren. Der Bauernverband schlägt deshalb vor, innerhalb der bilateralen Verträge weiter zu verhandeln und den Markt schrittweise zu öffnen, also auf einzelne Produkte bezogen.
Dann braucht die Landwirtschaft ein Ja am 8. Februar zur Personenfreizügigkeit, damit die Bilateralen nicht bachab gehen?
Der Bauernverband hat sich einmütig für ein Ja zur Personenfreizügigkeit ausgesprochen, wir versuchen unsere EU-skeptischen Bauern davon zu überzeugen. Ein Nein würde uns nicht helfen. Wenn die EU die Bilateralen aufkündigt, käme auch die Landwirtschaft unter die Räder.
Wieso?
Die EU könnte umgehend wieder Schutzzölle einführen, und die Handelsbeziehungen würden massiv verschlechtert.
Wäre es hilfreich, wenn Bundesrat Ueli Maurer, der ehemalige Bauernsekretär, versuchen würde, die Bauern für ein Ja zu gewinnen?
Ich weiss nicht, ob er das macht. Die SVP ist ja dezidiert dagegen. Ich selber werde aktiv für ein Ja werben.
*Hansjörg Walter ist Thurgauer SVP-Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV). (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.01.2009, 07:54 Uhr






