Schweiz

Der Mythos des wehrhaften Schweizers

Von Claudia Blumer. Aktualisiert am 07.01.2011 116 Kommentare

Die Waffe im Kleiderschrank dient der unverzüglichen Mobilmachung im Kriegsfall. Wie realistisch dieses Szenario noch ist, sagen Militärexperten auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Als die Armee noch 400'000 Mann zählte: Defilé von 1989.

Als die Armee noch 400'000 Mann zählte: Defilé von 1989.
Bild: Keystone

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«Schnelle Mobilmachungen sind heute unwahrscheinlich», sagt Militärsoziologe Karl W. Haltiner. (Bild: Keystone )

Sicherheitsexperte Albert Stahel: «Das Aufgebot eines grossen Teils der Armee ist heute noch ein Szenario, mit dem man rechnen muss.» (Bild: Keystone )

Seit Ende des Kalten Krieges werde in der Schweiz nicht mehr mit einer Generalmobilmachung gerechnet, sagt Militärhistoriker Rudolf Jaun.

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Die Armeewaffe soll nur noch in bewilligten Ausnahmefällen zu Hause aufbewahrt werden, so verlangt es die Initiative Schutz vor Waffengewalt, über die in einem Monat abgestimmt wird.

Dass die Waffe zu Hause aufbewahrt wird, hat eine lange Tradition und einen praktischen Grund: Im Kriegsfall sollten die Wehrmänner die Waffe sofort zur Verfügung haben. Müssten sie zuerst ins Zeughaus rennen, bräche ein Chaos aus.

Aus militärischer Sicht heute unnütz

Doch die Generalmobilmachung sei ein Szenario, mit dem der Bund seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr rechne, sagt Rudolf Jaun, Militärhistoriker an der ETH. Heute würde je nach Aufgabe und Einsatzart mobilisiert. «Da muss auch sonst viel Material bereit gestellt werden und eine Heimaufbewahrung der persönlichen Waffe ist nicht mehr zwingend, ausser bei Katastrophenfällen, um allfällige Plünderungen zu vermeiden», sagt Jaun.

Eine Generalmobilmachung gab es in der Schweiz bisher zweimal: 1914 und 1939. «Seit 70 Jahren gibt es keine Mobilmachung mehr und vorher gab es sie jahrhundertelang nicht», sagt Jaun. Dennoch findet er: Weil die Schweiz eine Milizarmee habe, eine «Staatsbürger-Armee», sollte man dem «verantwortungsvollen Staatsbürger-Soldaten» die Waffe lassen.

«Wehrhafter Bürger ist Realität»

Der wehrhafte Bürger – das sei keineswegs ein Mythos, sagt Jaun. «Dieses Bild spielt nicht nur in den Köpfen eine wichtige Rolle, sondern auch in der Realität.» So glaubt Jaun, dass der Waffenentzug auf die Motivation der Militärdienstleistenden eine dämpfende Wirkung hätte. «Wir dürfen nicht vergessen, dass immer noch 60 Prozent aller Wehrpflichtigen den Dienst fertig machen und Tausende von Diensttagen leisten.»

Dass die rasche Verfügbarkeit der Waffe ihre organisatorische Bedeutung eingebüsst habe, sagt auch der emeritierte ETH-Militärsoziologe Kurt W. Haltiner. «Mit dem fast auf null gesunkenen Risiko eines zwischenstaatlichen Krieges in Westeuropa sind schnelle Mobilmachungen heute unwahrscheinlich geworden.»

Tief in der Bevölkerung verwurzelt

Den Mythos des wehrhaften Schweizers hält Haltiner für sehr lebendig. Denn die Tatsache, dass die Schweiz als eines der wenigen mitteleuropäischen Länder seit Mitte des 18. Jahrhunderts keinen Krieg mehr auf eigenem Boden erleben musste, werde in weiten Teilen der Schweizer Bevölkerung als Erfolg einer stetigen militärischen Abwehrbereitschaft gesehen. «Dieser Erfolg wird mit dem Milizsystem und seinen Attributen, zu denen eben auch die Heimbewaffnung gehört, in Verbindung gebracht», sagt Haltiner.

«Der Zusammenhang zwischen Unversehrtheit und der Abwehrbereitschaft wurzelt als Tradition tief in der Bevölkerung, auch wenn er nur noch symbolischen Gehalt hat», sagt Haltiner.

Ein Szenario, mit dem man rechnen muss

Anderer Ansicht bezüglich Mobilmachung ist Sicherheitsexperte Albert A. Stahel: «Das Aufgebot eines grossen Teils der Armee ist heute noch ein Szenario, mit dem man rechnen muss», sagt er. «Man weiss noch nicht, wie sich in den nächsten Jahren die Lage entwickeln wird.» Eine Kriegsgefahr und damit eine Mobilmachung erscheine zwar heute als wenig plausibel, «diese erschien aber auch 1932 als wenig plausibel. Ein paar Jahre später wurden Millionen von Menschen getötet», sagt Stahel.

Eine Gefahr gehe heute vor allem vom Terrorismus aus, sagt Stahel. «Damit verbunden ist der Schutz einzelner Objekte nötig, dafür müssten einzelne Einheiten der Armee sofort aufgeboten werden.»

Übrigens, fügt Stahel hinzu, dürfen nur psychisch stabile Menschen über Waffen verfügen. «Psychisch Kranke und Kriminelle sind vom Wehrdienst auszuschliessen. Abschreckend Beispiele dazu sind auf amerikanischer und britischer Seite im Irak– wie auch im Afghanistankrieg bekannt.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.01.2011, 10:50 Uhr

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116 Kommentare

Hannes Walther

07.01.2011, 12:52 Uhr
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Ausser für Suizide und Amokläufe waren in den letzen 65 Jahren unsere Armeewaffen nutzlos! Wer kann da noch positive Argumente vorbringen? Das Argument der Taschenmunition sticht nicht, da bei jeder Schiessübung Munition entwendet werden kann und oft entwendet wird. Wer mit der Geschichte argumentiert, in den letzten 5 Mio. Jahren sind mehr Eindringlinge mit dem Knüppel abgewert worden als mit Gew Antworten


Res Bühlmann

07.01.2011, 11:45 Uhr
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Lieber 120000 gut Ausgerüstete, als 400000 schlecht Ausgerüstete. Erinnere mich noch an die Gamaschen, die man entweder verloren hat oder die Nässe, nach einem halben Tag draussen sein, direkt in die Schuhe leiteten. Auch der Stoff vom sogenannten "Kämpfer" war eine Lachsalve wert. Einmal liegen und man war durchnässt. Die lieben Füsiliere können da ein Liedchen von singen... Antworten



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