Der Mythos von der geheimen Weltregierung

Die Mächtigen der Welt versammeln sich regelmässig zu Geheimtreffen. Demnächst in St. Moritz. Stricken sie an einer internationalen Verschwörung, wie Kritiker argwöhnen?

Mit ihm haben die klandestinen Treffen ihren Lauf genommen: Prinz Bernhard er Niederlande hat die Bilderberg-Konferenz 1954 initiiert.

Mit ihm haben die klandestinen Treffen ihren Lauf genommen: Prinz Bernhard er Niederlande hat die Bilderberg-Konferenz 1954 initiiert. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie werden in Privatjets in Samedan landen und im Fonds verdunkelter Limousinen ins Luxushotel Suvretta House nach St. Moritz fahren. Schätzungsweise 130 internationale Grössen aus Politik, Militär, Industrie, Hochfinanz und Adel werden sich vom 9. bis 12. Juni in der Schweiz treffen – und wollen dabei inkognito bleiben. Die Staats- und Konzernchefs suchen für einmal nicht die grosse Bühne, sondern scheuen das Licht. Sie kommen als Privatpersonen und nennen sich Bilderberger.

Bilderberger? Unter diesem Namen kennt sie kaum jemand. Das ist Absicht. Niemand soll wissen, dass sie am Geheimtreffen der handverlesenen Elite teilnehmen. Entsprechend unklar ist, wer am Treffen im Engadin teilnimmt. Über 50 Jahre lang hat das gut funktioniert. Nun zerren Verschwörungstheoretiker, die international vernetzt sind, über die Internetplattform «We Are Change», die Mächtigen der Welt ans Licht. In St. Moritz soll ihnen ein lauter Empfang bereitet werden. Denn die Verschwörungstheoretiker halten die Bilderberger für eine Weltbedrohung. Mehr noch als das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Sie sehen hinter der Konferenz einen Geheimbund, einen Orden der Eingeweihten. Manche sprechen gar von einer geheimen Weltregierung, welche die globale Macht an sich reissen will. Sind das Phantasmen überspannter Skeptiker, die überall Verschwörungen wittern, wo Mächtige die Köpfe zusammenstrecken? Oder bestimmen die Bilderberger tatsächlich den Fahrplan der globalen Wirtschaft und Politik?

Staatstragende Themen

Die Spurensuche beginnt bei den Teilnehmern. Die erste Konferenz fand 1954 im Hotel Bilderberg in Oosterbeek, Holland, statt. Die Treffen werden seither zwar jährlich an einem andern Ort in den USA oder Europa durchgeführt, der Name aber ist geblieben. Initiiert hat das erste Treffen Prinz Bernhard der Niederlande. Er wollte nach dem Zweiten Weltkrieg die Beziehungen zwischen Westeuropa und den USA mit transatlantischen Diskussionen fördern. Die Teilnehmer müssen sich zur Geheimhaltung verpflichten. Sie sollen in einem informellen Rahmen staatstragende Themen diskutieren können. Es gibt keine Beschlüsse oder Resolutionen. Aber soll man einem Gremium trauen, das sich in abgeriegelten, streng bewachten Hotels trifft?

Die Kritiker behaupten, die Bilderberger beeinflussten Wahlen: Lionel Jospin nahm 1996 am Treffen teil und wurde 1997 französischer Premier. Jack Santer gehörte 1991 zum Kreis und übernahm 1995 das Amt des Präsidenten der Europäischen Kommission. 1999 trat der italienische Bilderberger Romano Prodi in seine Fussstapfen. Tony Blair besuchte das Treffen 1993 und wurde ein Jahr später Chef der Labour Party und dann britischer Premier. Bill Clinton wurde 1991 ?Bilderberger und kurz darauf Präsidentschaftskandidat in den USA. Bekanntlich gewann er auch die Wahlen.Wer glaubt, die Konferenz hieve ihre Mitglieder in hohe Ämter, unterliegt jedoch einem Denkfehler: Die meisten Bilderberger gehören zum rechten Lager. Würden sie tatsächlich einen Geheimbund bilden, hätten sie nicht die Linken Blair und Clinton unterstützt, sondern ihre konservativen Gegenspieler. Wie sie die Wähler überhaupt beeinflusst haben sollen, ist eine andere Frage. Im Übrigen ist auch der Grüne Joschka Fischer ein Bilderberger – und der deutsche Ex-Aussenminister steht über dem Verdacht, mit Topbankern und Konzernchefs unter einer Decke zu stecken.

Blocher war wiederholt dabei

Christoph Blocher hat eher das Profil eines typischen Bilderbergers. Der ehemalige SVP-Bundesrat hat schon zweimal an den geheimen Klassentreffen teilgenommen. Selbst der Superdemokrat Blocher, der vorgibt, sich nur dem Volk verpflichtet zu fühlen, akzeptierte die Geheimhaltung.

Das stösst gewissen SVP-Mitstreitern sauer auf. Nationalrat Dominique Baettig hat dazu eine Interpellation eingereicht. Der Jurassier will vom Bundesrat wissen, ob Mitglieder der Regierung an dem undurchsichtigen Anlass teilnehmen und wie er «diesen elitären und undemokratischen Club» beurteilt. «Die Konferenz stellt eine Bedrohung für die Schweiz dar», präzisiert Baettig im Gespräch. «Sie will die Weltpolitik koordinieren. Ich habe Angst, dass Blocher nicht mehr unabhängig ist. Was passiert, wenn St. Moritz ins Visier von al-Qaida gerät?» Auch die Blocher-Spezis Ulrich Schlüer und Oskar Freysinger haben die Interpellation unterzeichnet. Am Wochenende hat Baettig vom Bündner Regierungsrat verlangt, dass er gewisse Bilderberger bei der Einreise in die Schweiz verhaften lässt. Er denkt an «die Herren Bush, Kissinger, Cheney, Perle usw.». Diese hätten Kriege angezettelt, seien verantwortlich für Morde und Terror.

Milliardär Blocher reagiert gelassen auf den Angriff seiner Parteikollegen: «Ich habe nichts zu dieser Interpellation zu sagen. Dass die Bilderberg-Mitglieder unter sich tagen, ist bekannt, dass eine Elite dabei ist, ebenfalls, und ein Club muss ja nicht demokratisch sein.» Er habe zwei interessante Tagungen mit kontroversen Referaten erlebt, «die für die Welt von Bedeutung sind». Dass die Bilderberger als «‹geheime Weltregierung› globale, politische und wirtschaftliche Entscheide fällten, wie das Verschwörungstheoretiker behaupten, ist Unsinn». Tatsache ist, dass selbst ein Blocher, der bei jeder Gelegenheit gegen die Classe politique wettert, dem Charme des globalen Eliteclubs erlegen ist.

Von Krauer bis Ringier

Ein Blick auf die helvetische Bilderberger-Seilschaft bestätigt die These, dass vorwiegend konservative Führungspersönlichkeiten eingeladen werden. Novartis-Präsident Daniel Vasella und Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, sind die aktuellen Topshots; Ackermann gehört sogar zum Lenkungsausschuss, der die Treffen organisiert. Zum erlauchten Schweizer Kreis zählen oder zählten auch Alex Krauer, ehemaliger Chef von Novartis und UBS, David de Pury, Gründer von «Le Temps», Shell-Chef Peter Voser, Michael Ringier vom gleichnamigen Medienkonzern, Hugo Bütler, der ehemalige Chefredaktor der NZZ, und Markus Spillmann, der heutige NZZ-Chefredaktor.

Zu den internationalen Schwergewichten, die in den letzten Jahren zu den Treffen anreisten, gehörten die deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel, der spanische Premier José Luis Zapatero, Javier Solana, einstiger Generalsekretär des EU-Rats, Romano Prodi, italienischer Ex-Premier und Ex-Präsident der Europäischen Kommission, Ex-US-Aussenminister Henry Kissinger und Microsoft-Gründer Bill Gates, Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, und sein amerikanischer Gegenspieler Ben Bernanke, Mitglieder der Königshäuser Grossbritanniens, Spaniens und Belgiens und viele andere mehr – auch Dominique Strauss-Kahn, der gestrauchelte Chef des Internationalen Währungsfonds.

Die Bilderberger haben es sich zu einem guten Teil selbst zuzuschreiben, dass sich die Verschwörungstheoretiker auf sie eingeschossen haben. Die Konferenzteilnehmer sonnten sich mit der Geheimhaltung fünf Jahrzehnte lang im Nimbus, zur Superelite zu gehören, wie Werner A. Perger, «Zeit»-Reporter und selbst ein Bilderberger, bestätigt: Die Teilnehmer trügen gern zum Erhalt des Mythos bei, «weil sie es geniessen, für einflussreich gehalten zu werden». Nur: Es gibt auch viele andere geheime Treffen der Reichen und Mächtigen. Die Liste reicht heute vom WEF über die Trilaterale Kommission von David Rockefeller, das Boao Forum For Asia und die Münchner Sicherheitskonferenz bis hin zum Council on Foreign Relations von Henry Kissinger, dem European Council von Joschka Fischer und den Carnegie-Treffen für Frieden. Das übersehen die Verschwörungstheoretiker geflissentlich.

Crème de la Crème

In der Schweiz treffen sich Topmanager regelmässig mit ein paar auserwählten Politikern in der Nestlé-Zentrale in Vevey: An der nationalen Rive-Reine-Konferenz, die hoch geheim ist, nehmen neben zwei Bundesräten rund 30 Konzernchefs und Topbanker teil. Die exklusive Teilnehmerliste stellt Ex-Bundesrat, Ex-Nestlé-Verwaltungsrat und jetziger UBS-Präsident Kaspar Villiger zusammen. Für den geistlichen Beistand sorgt der Einsiedler Abt Martin Werlen.

Dass solche Treffen auch Taktgeber für die politische oder wirtschaftliche Agenda sein können, bestreiten nicht einmal die Teilnehmer. Ein konkretes Beispiel: Als das Klima zwischen Russland und den USA nach der Wahl von George W. Bush 2001 frostig wurde, sorgte das Carnegie-Büro in Moskau mit seinen guten Beziehungen dafür, dass die Kommunikationskanäle zwischen den beiden Grossmächten offen blieben. Allein die Tatsache, dass es so viele inoffizielle Thinktanks gibt, macht aber auch deutlich, dass die Bilderberger keine Unité de Doctrine im Sinn einer globalen Steuerung kennen. Die Teilnehmer lassen sich nicht auf ein einheitliches politisches oder wirtschaftliches Programm einschwören, weil sie ihre Partikularinteressen oder die Positionen ihres Landes oder Konzerns vertreten.

Geheimniskrämerei «offensichtliche Dummheit»

Hinweise auf eine Weltverschwörung vermag auch der Politologe Claude Longchamp nicht zu erkennen. «Die Bilderberger haben keine Macht und können auch keine Forderungen durchsetzen», sagt er. Die Geheimhaltung der Treffen findet er eine «offensichtliche Dummheit». In den Fünfzigerjahren hätten geheime Treffen von Politikern zum Normalfall gehört, heute liessen sie sich nicht mehr rechtfertigen. Er bezeichnet die informellen Clubs der Mächtigen als elitäre Netzwerke. Der Politologe glaubt, dass die Bilderberger durchaus einen gewissen Einfluss auf die internationale Politik ausübten. Dass Meinungsführer ihre Standpunkte unter Ausschluss der Öffentlichkeit offenlegten, könne sinnvoll sein. Als problematisch erachtet er jedoch, dass auch Chefredaktoren und Journalisten teilnehmen und sich zur Geheimhaltung verpflichten.

Der Hamburger Historiker Bernd Greiner, Experte für den Kalten Krieg, relativiert den Bilderberg-Einfluss ebenfalls: «Es gibt dieses eine Steuerungszentrum weder in der Ökonomie noch in der Politik.» Die Krise in Griechenland spiegle gerade die Ratlosigkeit der Politiker. Und der deutsche Soziologieprofessor Hans-Jürgen Krysmanski, der sich intensiv mit internationalen Netzwerken beschäftigt, betont, dass die ganze Vernetzung viel komplizierter sei, als es die Verschwörungstheoretiker sehen. Noch drastischer formuliert es Sony-Chef Howard Stringer: Mehr als bei solch geheimen Meetings könne er lernen, wenn er seinen Angestellten genau zuhöre.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.05.2011, 08:29 Uhr)

Daniel Vasella

Artikel zum Thema

Das sind die Mächtigsten der Welt

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört für das New Yorker «Time»-Magazin zu den 100 mächtigsten Menschen der Welt – und das zum vierten Mal. Die Auszeichnung muss sie sich allerdings teilen. Mehr...

Die mächtigsten Prominenten der Welt

Das amerikanische Forbes-Magazin hat auch dieses Jahr wieder eine Liste mit den einflussreichsten Berühmtheiten der Welt veröffentlicht. Die Top Ten sehen Sie hier. Mehr...

Die mächtigsten Milliardäre der Welt

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg ist laut Forbes der mächtigste Milliardär der Welt. Mit Silvio Berlusconi folgt auf Rang zwei des Rankings ein weiterer Medienmogul mit politischem Amt. Mehr...

Blog

Werbung

Werbung

Blogs

Welttheater Ein historisches Schulterzucken

Sweet Home Die besten «Sweet Home»-Ferienideen

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Doppelt gemoppelt: Ein Fan, der das Konterfei des indischen Filmstars Rajinikanth auf dem Rücken trägt und sich zusätzlich als solcher verkleidet hat, steht vor einem Kino in Bengaluru, wo der neue Streifen Kabali gezeitg wird. (22. Juli 2016)
(Bild: Abhishek N. Chinnappa) Mehr...