Der Notstand in der Schule ist jetzt offiziell
Es fehlt an Fachkräften: Eine Schulklasse braucht intensive Betreuung. (Bild: Keystone )
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Bisher wollten die Behörden von Lehrermangel nichts wissen und führten die Engpässe in der Regel auf die Wirtschaftslage zurück. Anders der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Er warnt seit Jahren. 2006 schrieb der LCH: «Wegen steigender Anzahl von Pensionierungen droht trotz Schülerrückgang mittelfristig Lehrermangel». 2008 warnte der LCH mit den Partnerorganisationen in Österreich und Deutschland erneut. 2009 publizierten die Verbände in der «Erklärung von Wien» wieder eine eindringliche Warnung, und Anfang Juni folgte die «Erklärung von Zürich», in der es heisst: «Die Arbeitgeber verschleiern den Notstand und ergreifen zugleich in hektischer Weise Notmassnahmen».
Massiv mehr Schüler
Gestern läuteten die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP), der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) und der Solothurner Erziehungsdirektor Klaus Fischer (CVP) die Wende ein. Unter dem Titel «Gemeinsam gegen den Lehrermangel» traten sie vor die Medien. «Wir haben es nicht mehr mit einem konjunkturellen, sondern mit einem strukturellen Problem zu tun», sagte Aeppli. Die Prognosen des Bundesamts für Statistik über die Schülerzahlen hätten sich dramatisch verändert. Seit einigen Wochen werde für die meisten Kantone kein Rückgang mehr, sondern eine teilweise starke Zunahme vorausgesagt. 2006 waren in kleinen Kantonen noch bis zu 30 Prozent weniger Schüler erwartet worden, vor einem halben Jahr waren es immer noch bis zu 20 Prozent weniger – etwa in Uri oder Appenzell Ausserrhoden.
Mehr Anerkennung gefordert
Die Trendwende bei den Schülerzahlen wird durch die Zuwanderung und die Binnenwanderung erklärt. Zudem bekommen die Frauen in der Schweiz wieder mehr Kinder. Bernhard Pulver wehrte sich gegen Vorwürfe, man habe das Problem kleingeredet. Noch vor vier Jahren habe man sich im Kanton Bern wegen der vielen arbeitslosen Lehrpersonen Sorgen gemacht. Aeppli, Pulver und Fischer vertreten die Trägerkantone der drei grössten Pädagogischen Hochschulen (PH) der Schweiz, Fischer zudem die Kantone Aargau, Basel-Landschaft und Basel-Stadt.
Diese sechs Kantone sind sich einig, dass die Attraktivität des Berufs gesteigert werden muss. Man müsse den Lehrpersonen mehr Anerkennung entgegenbringen. «Wir wollen mit unserem Auftritt ein Zeichen setzen», sagte Bernhard Pulver. Das sei zwar ein «Softfaktor» aber ein wichtiger. Dieses Signal solle helfen, das Klima in den Schulen und die Motivation der Lehrpersonen zu fördern. Darüber hinaus müsse die Lehrerarbeit «entschleunigt» werden, und es brauche bessere Arbeitsbedingungen. Postwendend wies er aber auf die Budgets hin, die einer Verbesserung in allen Kantonen enge Grenzen setzten.
Männer gesucht
Dazu kündigten die drei Regierungsräte Massnahmen an, auf die sich die sechs Kantone geeinigt haben. Sie betreffen alle die Ausbildung. Es werden neue Programm für Quereinsteigende entworfen (siehe Text unten) und für Primarlehrer, die in die Sekundarschule wechslen wollen. Die Berufserfahrung soll berücksichtigt werden, was die Ausbildungen verkürzt. Weiter wollen die Kantone die Zulassungen zur Lehrerausbildung überprüfen. Im Zentrum steht der Zugang mit der Berufsmaturität. Damit, so die Regierungsräte, könnten wieder mehr Männer in den Beruf gebracht werden. Fischer sprach von einem Missverhältnis der Geschlechter. Er habe kürzlich an 50 junge Lehrpersonen Diplome überreicht, 49 davon waren Frauen.
Die Kantone wollen auch unabhängig voneinander Massnahmen ergreifen. In Zürich sind höhere Einstiegslöhne und bessere finanzielle Aufstiegschancen traktandiert, in Bern wird dies geprüft. Alle drei Regierungsräte betonten, in ihren Kantonen seien noch etliche Stellen fürs neue Schuljahr offen. Um die Lücken zu schliessen, kündigte Aeppli an, sie werde im Notfall auch Studierende zum Unterrichten abordnen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.07.2010, 13:45 Uhr






