Der Schrebergarten im Kopf
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 20.10.2011 29 Kommentare
«Die alte Nationalgeschichte genügt nicht mehr»: Der Schweizer Germanist Peter von Matt war Professor an der Universität Zürich. Er gehört zu den wichtigsten Schweizer Intellektuellen. (Bild: Keystone )
«Für jeden Käse muss Heidi herhalten»
Wie erklären Sie sich die wachsende Sehnsucht nach dem Kleinen?
Die Globalisierung hat zu einer grossen Verunsicherung geführt. Der Bürger weiss nicht mehr, wohin der Weltprozess führen wird. Das verstärkt das Bedürfnis, Grenzen neu zu ziehen, um die Spannung zwischen Welt und Dorf auszuhalten. Dahinter steht der Wunsch nach einer übersichtlichen, vertrauten Welt, die sich von ihrer Umgebung abhebt. Ich sehe darin eine anthropologische Notwendigkeit.
Wie äussert sich diese in der Schweiz?
Die alte Nationalgeschichte genügt nicht mehr, man weiss, dass zu vieles davon nicht stimmt oder mythisch verbrämt wurde. Also wendet man sich vermehrt der lokalen Geschichte zu. Junge Gruppen verbinden moderne Musik mit traditionellen Elementen, greifen alte Melodien und Instrumente auf. Zugleich erscheinen immer mehr Bücher über Familien und ihre Ahnen, über eine Region mit ihren Traditionen und Bräuchen. Daran beteiligen sich manchmal ganze Dörfer und Kantone. Oft schlagen sie gleichzeitig Brücken zu anderen Völkern und Ländern. Das ist gut.
Warum?
Weil es einem wahren Bedürfnis entspricht. Das unterscheidet diesen jungen Trend von der öden Verschweizerung, die von Politik und Werbung so aufdringlich betrieben wird. Ich meine diesen ganzen Swissness-Ramsch, der seit einiger Zeit um sich greift; den finde ich zynisch und verlogen. Ein Bundesrat, der in Hemdsärmeln an einem Schwingfest sitzt, ein Schweizer Kreuz auf dem Wahlplakat: Das sagt gar nichts über unsere Identität aus. Genauso wenig wie ein alpines Werbeposter mit Appenzeller Bauern drauf. Mir kommt es langsam vor, als müsse das Heidi für jeden Käse herhalten. Was die Werbung mit dem harmlosen Kinderbuch veranstaltet, ist mir unerträglich. Politik und Werbung missbrauchen das tiefe Bedürfnis der Menschen, sich ihrer Herkunft zu vergewissern.
Was wird da für ein Bild der Schweiz transportiert?
Das Bild eines selbstgenügsamen Landes auf einem hohen Berg. Dabei ist die Schweiz weltweit verknüpft, sie agiert modern und offen.
Die Deutschschweiz definiert sich auch über ihre Dialekte. Stimmt es, dass die Unterschiede erodieren?
Man spricht ja von einem Oltener Bahnhofbuffet-Dialekt, der das Mittelland überzieht. Ich halte das für stark übertrieben, aber es stimmt: Der regionale Wortschatz schwindet. Dies hat, so paradox es klingt, mit der Dialektwelle entscheidend zu tun. Sie hat dazu geführt, dass Radio- und Fernsehstationen, aber auch die Werbung hochdeutsche Wörter verdialektisieren und angestammte Wörter meiden oder nicht mehr kennen. Auch hier wird ein legitimes Bedürfnis auf eine falsche Art funktionalisiert.
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Mehr Schweiz kann fast nicht sein. Die Parteien überbieten sich im Wahlkampf mit rot-weissen Bekenntnissen. Die FDP verkündet ihre Heimatliebe auf bleichen Plakatwänden, Sozialdemokraten tragen das Schweizer Kreuz auf T-Shirts, die Zürcher SVP zieht Schwingerhosen an. Wo ganz viel Schweiz ist, müssen andere draussen bleiben. Die Asyl- und Ausländerpolitik wird verschärft. Das internationale Zürich und das multinationale Basel fordern per Abstimmung Mundart für den Kindergarten. Genf bewirbt sich um das eidgenössische Schwingfest.
Alle Versuche der Städte, auf die Politik Einfluss zu nehmen, lösen im Bundeshaus ländliche Abwehrreflexe aus. Das Parlament debattiert über Nationalhymne, Schweizer Fahne und Volksmusik. Die Open Airs lassen jodeln, fiedeln und handorgeln. Das Alphorn wird verjazzt, Rapper und Rocker skandieren in allen Dialekten. Mani Matter wird zum Kulturerbe erklärt. McDonald’s wirbt mit Gruyère.
Heimische Kultur gerät in Fälschungsverdacht
Die Schweiz durchläuft eine Phase der Glokalisierung: die Rückbesinnung auf das Regionale in Zeiten wachsender Unübersichtlichkeit. Je dichter die weltweiten Informations- und Finanzströme ineinanderlaufen, je globaler der Personen- und Warenverkehr verschoben wird, desto geringer werden die politischen Eingreifsmöglichkeiten. Der Finanzplatz ist an den Gang der Weltbörsen gekoppelt, das EU-Recht muss übernommen werden, das Schengener Abkommen hat die Grenzen perforiert. Städte ballen sich zu Wirtschaftszentren, die weltweit um Standortvorteile rivalisieren; ihre Einkaufsmeilen gleichen sich derweil immer mehr an. Klimaveränderung, Luftverschmutzung und atomare Risiken lassen sich nicht mit städtischen Abstimmungen regeln. Internet und Facebook relativieren den territorialen Standort. Das Englische bestimmt den Umgang und dominiert den Alltag.
Und die heimische Kultur gerät in Fälschungsverdacht. Was als Schweizer Eigenart angeboten wird, erweist sich oft als Ethnokitsch, eine bimmelnde Attraktion für Touristen. Alpine Erlebniswelten werden hergerichtet, Schwingfeste nach den Regeln des Eventmarketings aufgezogen, Folklore nach amerikanischem Vorbild aufgepoppt. Das Akkordeon, die Tracht, die Sennenkappe werden zum Accessoire. Sogar die Militärdecken sind chic geworden.
Föderalismus als Folklore
Dagegen kann man nichts machen, aber man kann darauf reagieren. «Je stärker wir uns intellektuell an der Globalisierung orientieren müssen», sagt der Zürcher Soziologe Hans Geser, «desto intensiver sehnen wir uns nach lokalen oder wenigstens nationalen Referenzen.» Das gilt nicht nur für die Schweiz in der Welt, sondern für die Welt in der Schweiz. Das Land wird zunehmend zentralisiert, nivelliert und vereinheitlicht, meistens still, oft tiefgreifend. Das weckt im Landesinneren die Sehnsucht nach dem Kleinräumigen. Je grösser die Vereinheitlichung, desto heftiger die Betonung der Differenz. «Identität braucht Grenzen», sagt Yves Nidegger, der Genfer SVP-Nationalrat.
Zwar zeigt die Schweiz gerne Föderalismus und Sprachenvielfalt vor und feiert sich als Alpenrepublik, die Herrschern misstraut, den Staat klein und die Macht geteilt haben will. «Nur verkommen diese Prinzipien zur politischen Folklore», sagt der Politologe Claude Longchamp. «In Wahrheit haben wir es mit einer massiven Zentralisierung der Schweiz zu tun.» Als Symptome nennt er die wachsende Regulationsmacht der Metropolitanregionen Zürich, Basel, Bern und Genf, den sinkenden Einfluss der Gemeinden und die zunehmende Bündelung von Verwaltungsentscheiden.
Randgebiete entvölkern sich
Innert zehn Jahren wurden über 300 Schweizer Gemeinden fusioniert, das sind über zehn Prozent des Bestandes. Das hat auch Vorteile, weil grössere Gemeinden stärker und unabhängiger auftreten können. Dennoch reagiert die Bevölkerung oft abwehrend, zumal Fusionen nicht selten aus der Not vollzogen werden. Die Bereitschaft zum Gemeinnützigen sinkt, die vielen Zuzüger sind nicht verankert oder gehen wieder, die Jungen ziehen in die Zentren. Also fehlt es den Gemeinden an Geld und Personal. Eine Gemeinde mit 250 Bewohnerinnen und Bewohnern muss 25 Stellen besetzen, bei 2000 Einwohnern sind es 55, auch das macht die Konzentration plausibel. Vor knapp 200 Jahren lebten vier Fünftel der Bevölkerung auf dem Land, heute ist es weniger als ein Drittel, der Rest wohnt in den Städten und den auswuchernden Agglomerationen.
Die Randgebiete der Schweiz entvölkern sich, Wohn- und Arbeitsort liegen immer weiter auseinander. Ungeduldig fordert Avenir Suisse, die Denkfabrik der Wirtschaft, eine Auflösung der Kantone zugunsten der wichtigen Wirtschaftsregionen. Die Zentralisierung erfasse immer mehr Bereiche, sagt Lorenz Bösch, ehemaliger Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen: die Hochschulpolitik, die Sicherheit, den Verkehr, das Soziale. «Früher delegierten die Kantone unangenehme Entscheide gerne an den Bund; inzwischen möchte der Bund ihnen immer mehr Entscheide abnehmen.»
Widerstand und Trotz
Parallel zu dieser wirtschaftlichen und politischen Konzentration verläuft die mediale: Eine Verzürcherung der Berichterstattung lässt sich beobachten, zugleich vergrössern sich die Informationslücken in den Regionen. «An die Stelle der regionalen Identitäten tritt eine zunehmende Vereinheitlichung», kommentiert Werner Seitz, Politologe beim Bundesamt für Statistik.
Der Hang zum Zentralen und Bürokratischen sei eine Tendenz der modernen, verwaltenden Welt, sagt der Föderalismus-Experte Dieter Freiburghaus. Allerdings glaubt er, «dass die Schweizer sich eine sehr gesunde Lust an der Vielfalt bewahrt haben». Die Frage ist, wie sich diese Lust manifestiert: als Widerstand, als Trotz, Symbol oder Folklore.
Zum Folkloristischen gehören wohl die Debatten in mehreren Kantonen über die Aufhebung von Schrebergärten, dabei wurden die Debatten intensiv geführt – das belegt, wie viel den Menschen diese kleine Heimat bedeutet. Etwas Folkloristisches haben auch Sendungen wie «Uri, Schwyz und Untergang» auf DRS 3, die einen Wettstreit von Kantonen und Prominenten abhalten. Oder der Fernsehwettbewerb «Musicstar», bei dem junge Sänger von ihren Kantonen und Gemeinden darin fiebrig unterstützt werden, am besten den Stars aus England und Amerika zu gleichen.
Nume nid gsprängt
Etwas Trotziges hat der Entscheid des Schaffhauser Stimmvolkes, reichen Ausländern die Steuervergünstigungen zu entziehen, ist doch davon nur ein halbes Dutzend betroffen. Im Kanton Zürich, der in der Sache vorausging, schenkt es mehr ein. Halb trotzig, halb widerständig wirken die oft verweigerten Spitalfusionen, zuletzt in Halbkantonen wie Ob- und Nidwalden oder den beiden Basel.
Widerstand lösen auch Gemeindefusionen aus. Vergeblich versucht zum Beispiel die Stadt Luzern, einige Vororte einzugemeinden, und obwohl das Industriegebiet von Lausanne längst zu einer Agglomeration zusammengewachsen ist, wollen die Gemeinden nichts von einer Zusammenlegung wissen. Hans Zürcher, ein Experte in dieser Frage, könnte sich seinen Kanton Bern sehr gut mit 30 Gemeinden vorstellen; zurzeit sind es 383. Als der Beamte in seiner Arbeit begann, waren es noch 400. Bis der Kanton das von ihm empfohlene Soll erreicht hat, wird es, bei diesem Tempo, noch etwas dauern: über 800 Jahre.
Der beste Widerstand gegen schnelle Zeiten bleibt die Langsamkeit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.10.2011, 16:18 Uhr
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Ich habe keine Sehnsucht nach noch mehr Vielfalt in der Schweiz. Wenn ich Vielfalt will, gehe ich ins Ausland in die Ferien. Ich habe genug davon, dass mir Multikulti als Bereicherung verkauft wird. Ein wenig Vielfalt ist gut, aber wenn die einem den Hals runter gestopft wird bis man daran erstickt, ist es zuviel. Antworten


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