«Der Spiegel» hat ihn auch schon mit Bill Clinton verglichen

Christian Lohr ist ein Contergan-Opfer. Jetzt rückt der Thurgauer CVP-Politiker in den Nationalrat nach.

«Erleichtert und dankbar»: Am 13. November posiert die neu gewählte CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller neben dem nachrutschenden Nationalrat Christian Lohr im Wahlzentrum Frauenfeld.

«Erleichtert und dankbar»: Am 13. November posiert die neu gewählte CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller neben dem nachrutschenden Nationalrat Christian Lohr im Wahlzentrum Frauenfeld. Bild: Keystone

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Der rechte Fuss ist so etwas wie Christian Lohrs wichtigstes Werkzeug: Mit ihm schreibt er auf dem Computer und mit Kugelschreiber, mit ihm fasst er Gabel und Löffel, mit ihm gibt er dem Besucher die Hand und nimmt – so wie gestern – Gratulationen entgegen. Lange hatte der 49-Jährige Kreuzlinger auf diesen Moment gewartet. Vor acht Jahren trennten ihn 16 Stimmen vom Sprung nach Bern, 2007 und 2011 landete er jeweils hinter Brigitte Häberli auf dem ersten Ersatzplatz der Thurgauer CVP-Liste. Nun rückt er für die frisch gewählte Ständerätin in den Nationalrat nach.

«Ich fühle mich erleichtert und dankbar», sagt Lohr. Etwas anderes als Optimismus hätte man von ihm auch gar nicht erwartet. Schon 2009 erwähnte ihn «Der Spiegel» in einem Artikel neben Bill Clinton und Nelson Mandela: Lohr sei ein Beispiel dafür, dass Menschen trotz grosser Hindernisse am Start ihres Lebens – bei Clinton der trinkende Stiefvater, bei Lohr die starke Behinderung – vieles gelingen könne, weil sie sich dank ihrer Widerstandskraft zu leistungsfähigen und zuversichtlichen Erwachsenen entwickelten.

Vernetzt in der Sportszene

Lohr hatte schon früh gelernt, zu kämpfen – und zu akzeptieren, was sich nicht mehr ändern liess. Seine Mutter erhielt 1962 während der Schwangerschaft ein Medikament gegen Keuchhusten, das Lohrs Leben für immer beeinträchtigen sollte. Der Wirkstoff Thalidomid, der vor allem im Beruhigungsmittel Contergan vorkam, führte zu einer schweren Behinderung. Lohr kam ohne Arme und mit missgebildeten, verkürzten Beinen auf die Welt. Damit teilte er ein Schicksal, das rund 10'000 Kinder weltweit zu Contergan-Opfern machte. Nur wenige traf es so hart wie Lohr.

Natürlich habe er sich als Kind gefragt, warum ausgerechnet ihn dieses Schicksal ereilt habe. «Die Behinderung war aber nie mein zentrales Lebensthema», sagt Lohr. Er hatte das Glück, dass er stets von Menschen umgeben war, die an ihn glaubten. Die Lehrer und Schulvorstände, die vor 40 Jahren den Mut hatten, ihn in einer normalen Klasse zu integrieren; vor allem auch seine Eltern, die ihn förderten und forderten; sein älterer Bruder, der ihn zu Festen, Freunden und auf den Fussballplatz mitnahm. Schon mit 6 Jahren stand für Lohr fest, dass er Sportreporter werden wollte. Mit 14 schrieb er den ersten Handballbericht für die lokale Zeitung, dann ging er aufs Gymnasium, studierte Volkswirtschaft. Heute arbeitet er als Journalist und Dozent. Seit zwölf Jahren sitzt er für die CVP im Thurgauer Grossen Rat, den er 2008 präsidierte.

Bestens vernetzt

Trotz seiner grossen politischen Erfahrung gingen ihm die letzten Wochen nahe. Denn am Schluss hatte sich der Thurgauer Ständeratswahlkampf auch um ihn gedreht, obwohl er gar nicht Kandidat war. Die Qualität der Thurgauer Vertretung würde sinken, falls Lohr auf der CVP-Liste nachrutsche, meinten Leserbriefschreiber. FDP-Kreise machten die Behinderung zum Thema, indem sie seine Eignung als Parlamentarier infrage stellten und so zur Wahl ihres letztlich chancenlosen Kandidaten Max Vögeli aufriefen.

«Wenn man solche Haltungen spürt, dann zeigt es, dass die Wahl eines Behinderten nach Bern umso nötiger ist», sagt Lohr, der schon in jungen Jahren den Wunsch verspürte, politisch aktiv zu sein und die Lebensumstände zu gestalten. Vor zwölf Jahren trat der Protestant der CVP bei. Christliche Werte sind Leitbild in seinem Leben; trotz seines sozialpolitischen Engagements sieht er sich in der politischen Mitte. Er ist bestens vernetzt – nicht nur in Behindertenverbänden, sondern vor allem in der Thurgauer Sportszene. Sein ausgebautes Netzwerk setzte er auch zur Mobilisierung für Brigitte Häberli und letztlich für seine Wahl ein.

Im Alltag auf Hilfe angewiesen

Die Familie steht ihm noch heute im Alltag zur Seite. Dass er nicht immer gleich schnell sei wie andere, habe auch Vorteile, sagt er, der mit seiner Freundin, eine Wienerin, seit fünf Jahren eine Fernbeziehung führt. «Ich habe gelernt, zuzuhören und geduldig zu sein.» Nach Marc F. Suter, der für die FDP zwischen 1991 und 2003 sowie 2007 im Nationalrat sass, ist Lohr der erste Nationalrat im Rollstuhl. Obwohl das Bundeshaus rollstuhlgängig ist, werden die Parlamentsdienste gefordert sein. Denn in gewissen Alltagssituationen ist der Thurgauer auf Hilfe angewiesen, beispielsweise beim Transportieren von Akten.

Auch die CVP werde sich jetzt wohl bewusst, dass sie «einen Exponenten aus der Behindertenszene» hätte, sagt Lohr, der seinen Lebensunterhalt ohne IV-Rente selber verdient und sich nicht gern in ein Schema pressen lässt. Missverständnisse muss er immer wieder aus dem Weg räumen. So befürwortet Lohr IV-Revisionen, die den Missbrauch bekämpfen. «Unter dem Missbrauch leiden die Behinderten, die wirklich auf eine Rente angewiesen sind, am meisten.» Den Kampf um Selbstbestimmung müssten die Behinderten jedoch immer wieder von neuem führen, auch wenn in der Schweiz schon einiges erreicht worden sei: «In kaum einem anderen Land der Welt können sich Menschen mit einem Handicap im öffentlichen Verkehr so gut bewegen.»

Gestern Sonntagmorgen hat Lohr in einer Kirche in Kreuzlingen in einem Dialoggottesdienst eine Predigt gehalten. Der Termin war Zufall. Er hat ihm geholfen, seine Nervosität ein paar Stunden vor dem Auszählen der Stimmen zu zügeln. Sein Lebensmotto («Haben Sie heute schon gelebt?») machte er auch zum Inhalt seiner Predigt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.11.2011, 18:31 Uhr)

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