Der Sprachenstreit hat die Hochschulen erreicht

Der Schweizerische Nationalfonds erwartet von Politikwissenschaftlern, dass sie ihre Gesuche künftig in englischer Sprache einreichen. Die Romands wehren sich mit einer Petition – und schalten die Politik ein.

In der Uni Lausanne ist man über den Englisch-Zwang nicht glücklich. Foto: Keystone

In der Uni Lausanne ist man über den Englisch-Zwang nicht glücklich. Foto: Keystone

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Nicht nur die Volksschule, auch die Universitäten haben jetzt ihren Sprachenstreit. Was für die Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften schon lange gilt, soll auf die Politikwissenschaften ausgeweitet werden: Wer Fördergelder des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) will, muss sein Gesuch auf Englisch verfassen.

Der SNF wollte diese Änderung auf April hin in Kraft setzen. Doch nun hat er den Entscheid suspendiert: Er will die Ergebnisse einer Umfrage der Schweizerischen Vereinigung für politische Wissenschaft (SVPW) abwarten, bevor die Umstellung vorgenommen wird. SVPW-Präsident Patrick Emmenegger erwartet das Ergebnis am Montag. Er ist überzeugt, dass der Nationalfonds dieses Resultat bei seiner Entscheidung berücksichtigen wird. Als Präsident der Vereinigung wagt Emmenegger weder eine Prognose, noch nimmt er persönlich Stellung. «Ich hoffe einfach, dass das Ergebnis deutlich ausfällt», sagt er.

Sprache beeinflusst den Inhalt

Ein deutliches Zeichen haben Westschweizer Wissenschaftler bereits gesetzt: Angehörige des Instituts für politische, historische und internationale Studien der Universität Lausanne sammelten über 600 Unterschriften gegen das Englisch-Obligatorium. Knapp die Hälfte der Unterzeichnenden sind Wissenschaftler aus der Schweiz. «Wir haben nichts gegen Englisch als Forschersprache, aber wir wehren uns gegen den Zwang», sagt Bernard Voutat, Professor für Politikwissenschaften in Lausanne. Es gehe darum, die Sprachenvielfalt und den Platz der Landessprachen in der Wissenschaft zu verteidigen. Zudem beschäftige sich die Politikwissenschaft oft mit Schweizer Themen und stütze sich entsprechend auf französische oder deutsche Quellen.

Aus der Sicht der Kritiker widerspricht der Nationalfonds mit der neuen Regelung seiner eigenen Sprachenpolitik. In den Leitlinien zum Sprachengebrauch hält er nämlich fest, weshalb er bis jetzt für die Gesuche der Geistes- und Sozialwissenschaftler kein flächendeckendes Englisch-Obligatorium eingeführt hat: Die Gesuchssprache beeinflusse den Inhalt stark. «Wenn ich über die Schweizer Fichen-Affäre forsche, bringt mich die englische Sprache weg von meinem Forschungsgegenstand», sagt Voutat.

Bereits jetzt sind die viele Eingaben englisch

Der SNF argumentiert, dass es immer schwieriger werde, externe Gutachter für die Beurteilung der Gesuche zu finden. Englischsprachige Eingaben würde die Suche erleichtern. Ohnehin seien in den letzten zwei Jahren bereits 80 Prozent der Gesuche in den Politikwissenschaften auf Englisch eingereicht worden.

Für die Kritiker des geplanten Regimes ist diese Argumentation widersprüchlich. Wenn schon heute nur eine Handvoll Wissenschaftler ihre Anträge auf Französisch, Italienisch oder Deutsch einreiche, sei es auch kein Problem, dafür Experten mit entsprechenden Sprachkenntnissen zu finden.

Voutat befürchtet, dass der SNF den Englisch-Zwang bald auch auf die restlichen Geistes- und Sozialwissenschaften ausweiten könnte. «Als Konsequenz werden die wissenschaftlichen Texte, die in einer Landessprache erscheinen, entwertet.»

Bundesrat muss sich äussern

Voutat und seine Mitstreiter setzen aber nicht nur auf die Petition und die Umfrage des SVPW mit ihrem ungewissen Ausgang – sondern auch auf die Politik. Der Bundesrat wird sich zum Disput äussern müssen. Denn Ständerat Didier Berberat (SP, NE) und Nationalrat Mathias Reynard (SP, VS) werden am Montag zwei gleichlautende Interpellationen einreichen. Die beiden sozialdemokratischen Politiker setzen darauf, dass die Regierung den SNF zur Räson bringt: «Der Nationalfonds bekommt über 900 Millionen Franken jährlich vom Bund. Er muss die Landessprachen respektieren», sagt Berberat.

Die Direktive des Schweizerischen Nationalfonds ist für den SP-Politiker ein weiterer Beweis dafür, dass das Englisch höher angesehen wird als die Landes­sprachen. Und er ist dezidiert der Meinung, dass es bei diesem Sprachenstreit der Forscher nicht nur um die Stellung des Französischen geht, sondern genauso des Deutschen.

Allerdings ist auch Berberat nicht entgangen, dass man sich in der Deutschschweiz mit dem Englisch leichter tut als in der Romandie. Das Englisch-Obligatorium führte in der Westschweiz zu emotionalen Debatten über die Rolle der englischen Sprache in den Sozial- und Geisteswissenschaften – gewisse Forscher sprechen von Imperialismus. Wenig von solchem «intellektuellen Protektionismus» hält Fabrizio Gilardi, Direktor des Instituts für Politikwissenschaften an der Universität Zürich. Auf Twitter mokierte er sich: «Wenn du ein Sozialwissenschaftler bist und nicht auf Englisch publizierst, machst du etwas falsch.» Nur Idioten glaubten, sie würden dadurch den Imperialismus bekämpfen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.02.2015, 23:34 Uhr)

Nationalfonds

820 Millionen für die Forschung

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) fördert im Auftrag des Bundes und mit seinen Geldern die Grundlagenforschung und den wissenschaftlichen Nachwuchs. 2013 unterstützte der SNF rund 3400 Forschungsvorhaben mit rund 14'000 beteiligten Wissenschaftlern und setzte dafür 820 Millionen Franken ein.

40 Prozent der Gelder entfielen auf die Disziplinen Medizin und Biologie, 33 Prozent auf die Mathematik sowie die Natur- und Ingenieurwissenschaften, der Rest auf die Geistes- und Sozialwissenschaften.

Der SNF kennt mehrere Instrumente, das wichtigste ist die Projektförderung. Gesuche um finanzielle Mittel werden zunächst von einem externen Gutachter beurteilt. Danach entscheidet der nationale Forschungsrat, welche Projekte unterstützt werden. (dk)

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