Der Traum von «Predikon»

Forscher haben berechnet, dass sich der Erfolg einer Abstimmungsvorlage ziemlich genau am Resultat einer Innerschweizer Gemeinde ablesen lässt. Doch lässt sich damit künftig eine präzise Prognose erstellen?

Malerische Lage: Ebikon am Rotsee.

Malerische Lage: Ebikon am Rotsee. Bild: Gemeinde Ebikon

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Die Luzerner Vorortsgemeinde Ebikon ist jene Gemeinde, aus deren Abstimmungsresultaten sich am besten berechnen lässt, ob eine Vorlage an der Urne scheitert oder nicht. Zu diesem Schluss kommen Vincent Etter und Julien Herzen von der ETH Lausanne. Den beiden jungen Computerwissenschaftlern gelang es nach eigenen Angaben in 96 Prozent aller Fälle, vom Ebikoner Abstimmungsresultat korrekt auf ein gesamtschweizerisches Ja oder Nein zu schliessen.

Die Website, auf der sie die Resultate ihrer Arbeit veröffentlichten, nannten die beiden Forscher «Predikon» – eine Wortschöpfung, die sich aus prédiction (Vorhersage) und Ebikon zusammensetzt. Dass sich gerade die 12'000-Einwohner-Gemeinde an Autobahn und Bahnlinie dazu eignet, lässt sich wohl damit erklären, dass die weder richtig urbane noch richtig dörfliche Gemeinde aufgrund ihrer soziodemografischen Struktur halt einfach gutschweizerischer Durchschnitt ist.

Der Traum vieler Sozialwissenschaftler

Eine solches «Predikon» zu finden, war lange der Traum vieler Sozialwissenschaftler. Die Idee dahinter: Statt für Umfragen oder Produkttests aufwendige Zufallsstichproben über die ganze Schweizer Bevölkerung zu ziehen, sollte eine Gemeinde als eine Art Schweiz im Kleinen hinhalten. In der Marktforschung standen etwa Langenthal BE und Hägendorf SO oft Modell. Der Versuch ist letztlich gescheitert; es gibt keine Ortschaften, die über die Zeit und verschiedene Themen hinweg ein stabiles Abbild der gesamten Bevölkerung sind.

Politologen sind sich denn auch sicher, dass Ebikon nicht die endlich gefundene Schweiz im Kleinen ist. Die ETH-Forscher Etter und Herzen regen zwar an, Ebikon könnte als «repräsentatives Sample» für Umfrageinstitute, Parteien oder Nachrichtenagenturen interessant sein. Thomas Widmer, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Zürich winkt ab. Um ein verlässliches Umfrageresultat zu erhalten, müssten in Ebikon nicht weniger Personen befragt werden, als bei einer schweizweiten Umfrage. Sparen könnten sich die Forscher höchstens die Erstellung verschiedener Sprachversionen.

Grössere Unsicherheiten

Eine Befragung in einer einzelnen Gemeinde führe zudem zu grösseren Unsicherheiten, sagt Widmer. «Ein belastbares Resultat zu erhalten, ist bei Befragungen extrem schwierig, weil in der Regel zwei Drittel bis drei Viertel aller ausgewählten Personen nicht befragt werden können. Bei der Befragung in nur einer Gemeinde käme die Unsicherheit der Übertragung auf die ganze Schweiz noch hinzu.»

Ebenso sieht es Politologe Claude Longchamp, der mit seinem Forschungsinstitut GFS Bern Abstimmungsumfragen und Hochrechnungen im Auftrag der SRG durchführt. «Ich halte es nicht für sinnvoll, bei Befragungen auf eine einzelne Gemeinde zu setzen», sagt Longchamp, der zudem einwendet, dass sich die Antworten der Befragten in einer einzelnen Gemeinde sofort verändern würden, sobald bekannt würde, dass eine Gemeinde als «Modellschweiz» hinhält.

Zur Anwendung könnte die Prognosetechnik der beiden ETH-Wissenschaftler aber dennoch kommen. An den Abstimmungssonntagen veröffentlicht die Gemeinde Ebikon ihre Resultate in der Regel lange bevor Bern und Zürich ausgezählt haben. Die ETH-Forscher wollen das Ebikoner Resultat deshalb nutzen, um am nächstens Sonntag eine Hochrechnung zu erstellen. Sie müssten aber noch entscheiden, ob sie diese veröffentlichen wollen, sagt Vincent Etter.

Konkurrenz für Longchamp?

Claude Longchamp hält das Modell der Lausanner durchaus für interessant. Auch sein Institut würde sich bei den Hochrechnungen auf eine Reihe von Gemeinden stützen. Er weist jedoch darauf hin, dass nicht jede Gemeinde bei jedem Thema gleich gut abschneide und sich die politische Positionierung der Gemeinden über die Zeit hinweg verändere. «Die optimalste Gemeinde kann in zwei Jahren unbrauchbar sein. Ich würde mich nie nur auf eine Gemeinde verlassen.»

Interessant wäre es aber allemal, wenn Etter und Herzen eine eigene Hochrechnung veröffentlichen würden – solange Longchamp als Einziger Hochrechnungen erstellt, kann man auch nie wissen, ob eine bessere möglich wäre. Bei den Abstimmungsumfragen vor den Urnengängen ist er jedenfalls bereits herausgefordert. Die via «20 Minuten» durchgeführten und von den Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen gewichteten Onlineumfragen lieferten bisher erstaunlich gute Resultate, müssen sich aber noch bewähren. Für Ecopop ermittelten sie zuletzt eine Zustimmung von 36 Prozent (Tendenz sinkend), Longchamp hingegen 39 Prozent (Tendenz steigend). (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.11.2014, 21:49 Uhr)

Für Ihre Studie untersuchten die ETH-Forscher Vincent Etter und Julien Herzen die Abstimmungsergebnisse von 245 nationalen Abstimmungen von 1981 bis 2011. Zur «Prognose» des nationalen Ergebnisses aufgrund der Gemeindergebnisse fütterten sie ihre Computer zunächst mit den Werten von 196 Abstimmungen. Das so «trainierte» Programm liessen sie dann für die restlichen 49 Abstimmungen das nationale Ergebnis voraussagen. In 47 Fällen lag das Programm richtig.

Ebenfalls dargestellt haben die Forscher Ähnlichkeiten zwischen den Gemeinden im Abstimmungsverhalten. Gut erkennbar sind dabei der Röstigraben und die Stadt-Land-Unterschiede, wie die Visualisierungen auf der vom ETH-Studenten Victor Kristof erstellten Website predikon.ch zeigen. (mw)

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