Der Unvollendete

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen (35) muss sich eine ziemlich lästige Frage stellen: Was tun, wenn man immer verliert?

Er bringt es kaum mehr weg, das Stigma des Verlierers: FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen.

Er bringt es kaum mehr weg, das Stigma des Verlierers: FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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«Schreiben sie was sie wollen»

Ohne Punkt, ohne Rücksicht auf Gross-/Kleinschreibung, ein hingerotzter Halbsatz, ein Mittelfinger an all die Journalisten, die ihn seit Jahren zur ewigen Nummer 2 niederschreiben. Zum Verlierer, zum Unvollendeten. Zum YB der Schweizer Politik: grosse Ambitionen, bescheidene Resultate.

Christian Wasserfallen, FDP-Nationalrat im Kanton Bern, ist verletzt. Er schreibt sonst nicht solche SMS, er ist höflich mit den Medienschaffenden, zuvorkommend, schreibt Grüezi, Adieu, Danke in seinen Kurznachrichten. Ein netter junger Mann mit besten Manieren.

Die Nachricht passt nicht zu ihm und weil sie so untypisch ist, gibt sie einen Eindruck davon, wie es Wasserfallen am Tag danach gehen muss. Er war beinahe Nationalratspräsident, er war beinahe Fraktionspräsident, er war beinahe Parteipräsident, er war tatsächlich Präsident des ACS (aber nicht sehr lange) und seit gestern Abend ist er auch noch beinahe Regierungsratskandidat für den Kanton Bern.

Ein harter Gegner

Am Schluss war die Niederlage gegen Philippe Müller, einen Berner Namensvetter des Ständerats und ehemaligen Parteipräsidenten, überraschend deutlich. Müller hat eine klassische Ochsentour hinter sich, Grossrat, Präsident der Stadtberner FDP, gescheiterter Aspirant auf die Regierung (vor zwölf Jahren gegen den nun zurücktretenden Hans-Jürg Käser). Müller führte einen geschickten und harten Wahlkampf und spielte so subtil auf seinen härtesten Gegner – Wasserfallen –, dass es gerade noch als anständig durchging. Müller betonte die Gegensätze, das richtige Alter (nicht so jung wie Wasserfallen), die Erfahrung in der Privatwirtschaft (die Wasserfallen nicht hat) und wehrte sich auch nicht dagegen, als während des Wahlkampfs seinem Konkurrenten Wasserfallen «Profilierungssucht» vorgeworfen wurde – anonym versteht sich.

Ein Totschlagargument, gegen das man sich als Politiker kaum verteidigen kann – und das auf die meisten Politiker zutrifft. Wasserfallen machte es in dieser Hinsicht seinem Gegner allerdings auch etwas einfach. Seit seiner gescheiterten Kandidatur für das Fraktionspräsidium im November 2015, wo er gegen Ignazio Cassis unterlag, kann man Wasserfallens Karriereambitionen öffentlich mitverfolgen. Er war Favorit für die Nachfolge von Philipp Müller als Präsident der FDP und zog sich in dem Moment zurück, als sich Petra Gössi zur Verfügung stellte. Er hätte die Wahl ziemlich sicher verloren – Gössi wurde von Kräften rund um die Zürcher Bahnhofstrasse portiert. Das wollte er sich nicht noch einmal antun, das Verlieren. Dann lieber Regierungsrat, und das ganz bestimmt!

Ins Rutschen

Spätestens als er sich im Sommer vor einem Jahr – sehr überraschend – als Präsident des zerstrittenen Automobil-Clubs der Schweiz zur Verfügung stellte, gerieten seine Pläne ins Rutschen. Eine Mail tauchte auf, in der Wasserfallens Ambitionen auf das Regierungsamt offensichtlich wurden – und die Rolle, die dabei sein vorübergehendes ACS-Mandat spielen sollte.

Es kam nicht so heraus, wie sich das der Berner vorgestellt hatte. Falscher Ort, falscher Verein, falsche Freunde. Was eine elegante Vorbereitung auf sein Regierungsamt hätte sein sollen, wurde eine mittlere Katastrophe. Es war jene selbst verschuldete Niederlage, die Wasserfallen in der medialen Betrachtung endgültig zum Verlierer machte. Ein Stigma, das man kaum mehr wegbringt, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Viele Niederlagen, unterschiedliche Gründe

Dabei sind seine verschiedenen Niederlagen nur schwer vergleichbar. Wasserfallen verlor nicht, weil er Wasserfallen ist. Als er 2013 Nationalratspräsident werden wollte, zog man ihm Markwalder vor. Das hatte viele Gründe – doch eine allfällige Unverträglichkeit von Wasserfallen mit dem Amt gehörte nicht dazu. Bei der Wahl zum Fraktionspräsidium wollte der Freisinn aus regionalpolitischen Überlegungen einen Tessiner. Beim Parteipräsidium hatte er Zürich gegen sich und jetzt, beim Regierungsrat, fehlte Wasserfallen trotz seiner Zeit im Stadtparlament die parteiinterne Verankerung.

An Wasserfallens Leistung liegen die Niederlagen kaum (wenn man die Fehleinschätzung beim ACS mal ausnimmt). Er gilt als fleissig, gut vorbereitet, klar. Mit extremen Positionen zwar, etwa in der Energiefrage, aber dossierfest und argumentativ stark. In den zehn Jahren im Nationalrat hat er sich ein klares Profil erarbeitet und ist aus dem Schatten seines Vaters getreten. Der 2006 verstorbene Kurt Wasserfallen hatte sich als Stadtberner Polizeidirektor und Nationalrat einen nationalen Ruf als Raubein erarbeitet.

Man mag den Sohn. Auch im linken Lager. Zwei Jahre hat er die Kommission für Wirtschaft, Bildung und Kultur als Präsident geleitet, und das habe er richtig gut gemacht, sagen Mitglieder der WBK. Dass er am Mittwochabend die Nomination verpasst hat, das tut vielen leid. Er habe das nicht verdient, sagt beispielsweise die Grüne Nationalrätin Maya Graf. Bei anderen tönt es ähnlich: Es reiche nun langsam mit dem ewigen Verlieren beim «Chrigu».

Und jetzt?

Nur von Christian Wasserfallen selbst ist an diesem Tag nichts zu hören. Er habe den anwesenden Journalisten bei der Nominationsversammlung gesagt, was gesagt werden müsse. Dass er wieder aufstehe, dass er die Freude am Leben nicht verliere, sich nicht unterkriegen lasse, dass es weitergehe. Seinem Gegner hat per Twitter gratuliert. «Der Beste hat gewonnen! Vollgas zusammen!» Das war alles. Ob er jetzt einen Sitz im Berner Gemeinderat möchte, wie einst sein Vater? Wie man mit einem Stigma umgeht? Wie mit Niederlagen? Und was jetzt die Perspektiven sind? Darauf gibt es keine Antworten. Schreiben Sie, was Sie wollen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2017, 17:09 Uhr

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