Der Volksferne

Der 1. August ist für Bundesräte eine Gelegenheit, Volksnähe zu markieren. Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann macht aber lieber Ferien.

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Als Johann Schneider-Ammann vor zwei Jahren in den Bundesrat gewählt wurde, galt der allseits respektierte Berner Nationalrat und erfolgreiche Unternehmer als Hoffnungsträger. Dieser Nimbus war allerdings schnell dahin. Es häufen sich Zweifel an seinem politischen Gespür, seine öffentlichen Auftritte wirken oft ungelenk, seine Kommunikation missachtet einfachste Regeln.

Allzu oft war der Volkswirtschaftsminister in der öffentlichen Debatte kaum wahrnehmbar. So erstaunt es wenig, dass eine vom «SonntagsBlick» veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungs-Instituts Isopublic ergeben hat, dass nur etwa die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer überhaupt weiss, wer Schneider-Ammann ist.

Der 60-jährige Bundesrat aus Langenthal wird auch an diesem 1. August nicht sichtbar sein – im Gegensatz zu seinen sechs Bundesratskollegen, die mindestens eine Rede am Nationalfeiertag halten werden. Ueli Maurer hat gar sieben Auftritte in seinem Programm. Schneider-Ammann mache Ferien, «in der Schweiz», sagt auf Anfrage Simone Hug, Mediensprecherin im Volkswirtschaftdepartement. Er habe während des ganzen Jahres viele öffentliche Auftritte. Aufgrund der zahlreichen Termine biete sich die Sommerzeit ohne Bundesratssitzungen am besten an, um Ferien zu machen.

«Die Leute erwarten das»

Ein Bundesrat sei zwar keinesfalls verpflichtet, am 1. August Reden zu halten, sagt Kommunikationsberater Marcus Knill, der als Experte immer wieder die öffentlichen Auftritten von Politikern analysiert. «Die Leute erwarten das allerdings von einem Bundesrat. Und sie freuen sich, wenn ein Bundesrat zu ihnen kommt.» Viele Politiker nutzten deshalb die Chance, als 1.-August-Redner auftreten zu können, um ihr Image aufzupolieren. In der Regel seien Politiker, nicht zuletzt auch Bundesräte, erstaunlich «mediengeil». «Sie machen alles, um sich in der Öffentlichkeit positiv in Szene setzen zu können.»

Nach Ansicht von Knill hat Schneider-Ammann inzwischen das Pech, dass er praktisch immer kritisiert werde, egal was er tue und lasse. «Er steckt in einem blöden Rank.» Wäre Schneider-Ammann an einer 1.-August-Feier aufgetreten, wäre er laut Knill vielleicht wieder in ein Fettnäpfchen getreten. Mit seinem Entscheid, nicht als Redner aufzutreten, «hat er leider eine Chance verpasst, obschon jeder Politiker das Recht hat, Nein zu sagen». Zurückhaltung und Bescheidenheit kämen zwar auch gut an. «Ich hätte ihm dennoch empfohlen, eine 1.-August-Rede zu halten. Ein guter Grundgedanke über die Schweiz – mit Bezug zur Lage der Wirtschaft – hätte genügt», meint Knill. Immer wenn Schneider-Ammann vom Blatt ablesen könne, habe er rhetorisch kaum Probleme. «Bezüglich Image hätte sich eine solche Rede für Schneider-Ammann positiv ausgewirkt.»

«Deshalb sollte man auch Verständnis aufbringen»

Verständnis für Schneider-Ammann äussert der Berner Politikberater Mark Balsiger. Unter Berücksichtigung der vielen Termine eines Bundesrats während des Jahres sei die Sommerzeit eben die beste Phase, um Ferien zu machen. «Deshalb sollte man auch Verständnis aufbringen.» Ausserdem erinnert Balsiger daran, dass der Volkswirtschaftsminister am Nationalfeiertag im letzten Jahr zwei Reden gehalten habe.

Laut Balsiger hat sich Schneider-Ammann punkto Auftrittskompetenz verbessert. Er stufe inzwischen die zentrale Bedeutung der Kommunikation in der Politik richtig ein und habe mit Ruedi Christen einen Vertrauensmann an die Spitze der Kommunikationsabteilung seines Departements geholt. Allerdings, so Balsiger, habe sich nichts daran geändert, «dass Schneider-Ammann öffentliche Auftritte als Bundesrat nicht sonderlich mag». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.07.2012, 13:58 Uhr)

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