Schweiz

Der abgesagte «Aufstand des Gewissens»

Aktualisiert am 25.07.2011 106 Kommentare

«Bank-Halunken» und «Spekulations-Banditen»: Jean Ziegler hätte an der Eröffnung der Salzburger Festspiele klare Worte an die Grosssponsoren Brabeck, Grübel und deren Gäste gerichtet.

Hätte in Salzburg wie erwartet den Zeigefinger ausgepackt: Globalisierungskritiker Jean Ziegler.

Hätte in Salzburg wie erwartet den Zeigefinger ausgepackt: Globalisierungskritiker Jean Ziegler.
Bild: AFP

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Unter dem Titel «Der Aufstand des Gewissens» hätte der Genfer Soziologe Jean Ziegler die Festrede bei den am Mittwoch beginnenden Salzburger Festspielen halten sollen. Eingeladen worden war der streitbare Globalisierungsgegner von der Salzburger Regierungschefin Gabi Burgstaller. Am 24. März lud ihn selbige Frau Burgstaller wieder aus – angeblich wegen Zieglers vermeintlicher Nähe zu Libyens Staatschef Ghadhafi.

Ziegler selbst vermutete hinter dem Rückzieher den Druck des Grosskapitals. Für den streitbaren Soziologen war klar: Die Schweizer Grosssponsoren der Salzburger Festspiele haben ihr Veto eingelegt. «Als die Hauptsponsoren Nestlé, UBS und Credit Suisse hörten, dass ihre Grosskunden mir 30 Minuten lang zuhören müssten, ohne aus dem Saal rennen zu können, war das für die eine Horrorvorstellung», sagt er im Interview mit der «Süddeutschen Zeitung».

Kapitalismuskritik auf 16 Seiten

Nun hat Ziegler entschieden, die nicht gehaltene Festspielrede als Büchlein zu veröffentlichen. Thematisch geht es in den 16 Seiten um den Welthunger und die Rolle der Kunst im Kampf gegen den Hunger. Erscheinen wird das Buch am kommenden Montag im Salzburger Ecowin-Verlag.

Die «Süddeutsche Zeitung» dokumentiert bereits im Voraus die Rede im Wortlaut. Ein Blick darauf zeigt, was Peter Brabeck, Oswald Grübel und Co. hätte stören können.

«Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren»: So hätte Ziegler vor dem gutbetuchten Publikum der Hochkultur begonnen. Dann folgt eine Schilderung des Hungertods: «Der Körper braucht erst die Zucker-, dann die Fettreserven auf. Die Kinder werden lethargisch, dann immer dünner. Das Immunsystem bricht zusammen. Durchfälle beschleunigen die Auszehrung. Mundparasiten und Infektionen der Atemwege verursachen schreckliche Schmerzen. Dann beginnt der Raubbau an den Muskeln. Die Kinder können sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihre Arme baumeln kraftlos am Körper. Ihre Gesichter gleichen Greisen. Dann folgt der Tod.»

«Die Herren dieser kannibalischen Weltordnung»

Für Ziegler steht fest, dass «die Weltlandwirtschaft (...) problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte», Unterernährung und Hungertod also vermeidbar wären. Was fehle, sei das Geld, das «die reichen Geberländer» statt in humanitäre Hilfe «ihren einheimischen Bank-Halunken bezahlen mussten» – zur «Rettung der Spekulations-Banditen».

Und in gewohnter – und erwartbarer – Ziegler-Manier wäre der globalisierungskritische Haudegen seinem erlauchten Publikum dann ganz direkt an den Karren gefahren: «Viele der Schönen und der Reichen, der Grossbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen. Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung.» Mag sein, dass ein derartiger Affront nicht in den gediegenen Rahmen gepasst hätte. Der Anblick der Gesichter jener Kulturfreunde, die am Mittwoch auf Einladung von Nestlé, UBS und CS im Saal sitzen werden, hätte jedoch bestimmt auch sein Publikum gefunden. (ami/TA)

Erstellt: 25.07.2011, 10:52 Uhr

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106 Kommentare

Hans-Ulrich Müller

25.07.2011, 11:02 Uhr
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Verbietet endlich diesem Typen, jede oeffentliche Plattform . . . . Gratulation an Frau Gabi Burgstaller. Antworten


Pius Meister

25.07.2011, 11:30 Uhr
Melden 69 Empfehlung

Es ist schon merkwürdig: Da werden gewisse Banken- und andere Wirtschaftskapitäne auch in diesem Forum immer wieder als Abzocker und üblerem bezeichnet, aber sobald JZ oder ausländische Politiker diesen die Wahrheit ins Gesicht sagt, erfolgt im gleichen Forum ein kollektives Aufheulen und ein reflexartiges Solidarisieren mit diesen Herrschaften. JZ hat doch recht! Antworten



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