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Der algerische Schweizermacher

Der gebürtige Algerier Hadi Barkat hat ein kniffliges Quiz über die Schweiz erfunden. «Helvetiq» hilft Einbürgerungswilligen und macht Eidgenossen Spass.

Gebündeltes Schweizer Kulturwissen: Das Brettspiel «Helvetiq» entwickelt sich zum Bestseller.

Gebündeltes Schweizer Kulturwissen: Das Brettspiel «Helvetiq» entwickelt sich zum Bestseller.

Der 32-Jährige Entwickler des Gesellschaftsspiels: Hadi Barkat, gebürtiger Algerier.

Der 32-Jährige Entwickler des Gesellschaftsspiels: Hadi Barkat, gebürtiger Algerier.

Die Idee mit dem Quiz kam Hadi Barkat, als er im Januar 2007 zur Befragung von Einbürgerungswilligen ins Rathaus von Lausanne aufgeboten war. Stadtrat Olivier Français stellte dem Algerier Fragen über die Geschichte der Schweiz, über Lausanne und seine Erfahrungen als Pendler an den damaligen Arbeitsort Genf. Der Freisinnige Français, ein gebürtiger Franzose, hatte vor Jahren dasselbe Verfahren durchlaufen.

Angespannte Atmosphäre

«Die Atmosphäre war in den ersten fünf Minuten sehr ernst, danach verlief das Gespräch entspannter», erinnert sich Barkat an die Viertelstunde, die ihm den Weg zum Schweizer Pass öffnete. Es war die zweite Befragung im Einbürgerungsverfahren; in der ersten hatte ihn ein Beamter sehr direkt über sein Privatleben ausgefragt. Zum Beispiel über sein Verhältnis zu seiner heutigen Frau, einer Schweizerin dänischer Abstammung.

Barkat kennt die Filmkomödie «Die Schweizermacher» von Rolf Lyssy. Er selbst macht sich aber nicht lustig über das Verfahren, das er durchlief. «Die Spielregeln waren mir zum Voraus bekannt», sagt der 32-Jährige. Hingegen empfand er die Unterlagen, mit denen er sich auf den Test vorbereiten konnte, als «etwas trocken». Der Informatikingenieur mit ETH-Diplom ist überzeugt, dass man «auf spielerische Art viel lernen kann». So erfand Barkat das Spiel Helvetiq. Es besteht aus einem Quiz mit Fragen zu Geschichte, Politik, Gesellschaft, Kultur, Sport und Wirtschaft der Schweiz und einem Politikspiel.

15'000 Spiele verkauft

Als die französische Originalfassung im Herbst 2008 auf den Markt kam, entwickelte sich das Spiel im Nu zu einem Renner. Helvetiq-Versionen auf Deutsch, Italienisch und Englisch folgten nach wenigen Monaten. Bis heute setzte die von Barkat gegründete Firma Red Cut mehr als 15'000 Exemplare des Grundspiels ab. Ende Oktober erschien eine Ergänzungsschachtel mit anspruchsvolleren Fragen über Geschichte, Wirtschaft, Recht und Politik. Red Cut spannte dabei mit dem welschen Verlag Editions LEP zusammen. Seit einem Monat verbreitet Barkat zudem eine Gratisversion als Spiel mit 70 Fragen für iPhone. Am Ende jedes Spiels berechnet das Programm aus der Trefferquote einen «schweizerischen Intelligenzquotienten». Das fördert den Spieltrieb.

Helvetiq war zunächst Barkats Hobby. Inzwischen beschäftigt er sich hauptberuflich mit neuen Anwendungen des Fragespiels, Anpassungen an die Bedürfnisse einzelner Städte und einem gleich konzipierten Quiz über Belgien. Gegenwärtig lebt Barkat mit einem Bein in Boston und dem andern in Lausanne, weil seine Frau in den USA auf dem Gebiet der Neurowissenschaften forscht. Am Tag nach der Volksabstimmung über das Bauverbot für Minarette sass er im Flugzeug von Boston zurück nach Zürich. Bei der Ankunft spürte er «eine gewisse Schwere im Land».

Gelassene Reaktion

Das Ergebnis des Referendums habe ihn wegen seiner Herkunft aus einem muslimischen Land besonders betroffen, sagt er. «Aber ich reagierte gelassener darauf als manche Kollegen.» Im Elternhaus hatte ihn die unauffällige, aber aufgeschlossene Art geprägt, wie sein Grossvater den muslimischen Glauben lebte. Das war weit entfernt von der Haltung der Islamischen Heilsfront (FIS), die im Algerien der 90er-Jahre «die Religion als Mittel einsetzte, um Macht zu erlangen».

Als Barkat mit 17 Jahren zu einem Onkel nach Lausanne reiste, um an der ETH zu studieren, erfuhr er den «schweizerischen Traum». Er meint damit die Chance, «die einem die Schweiz gibt, unabhängig von der Herkunft ein gutes Studium zu absolvieren». Seit der Minarett-Abstimmung verfolgt er aufmerksam die Debatte, wie weit sich Muslime in der Schweiz integrieren oder gar assimilieren sollen. Seine Antworten zum heiklen Thema wägt er vorsichtig ab: «Wer auswandert, muss die Kultur des Gastlandes respektieren.» «Nach 15 Jahren in diesem Land fühle ich mich als Algerier und als Schweizer.» Und: «Es ist positiv, wenn man das Land gut kennt, das man liebt».

Von Kuh zu Kuh

Als der Ingenieur das Quiz über die Schweiz erfand, hatte er Einbürgerungswillige vor Augen. Inzwischen sind auch viele Alteingesessene verrückt darauf, die Fragen zu beantworten, zu würfeln und mit ihrer Figur im Alpaufzug auf dem Spielbrett möglichst schnell von Kuh zu Kuh ins Ziel zu hüpfen. «Das Spiel bringt in Schweizern eine verborgene Saite zum Schwingen», erklärt Barkat schmunzelnd den Erfolg von Helvetiq.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2010, 09:59 Uhr

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