Wie die «Grauen Adler» die Armeeführung attackierten

Eine bisher unbekannte Gruppe von hohen Offizieren warnt davor, dass die Rüstungsbeschaffungen der Schweizer Armee völlig aus dem Ruder laufen.

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Der erste Kontaktversuch endet konspirativ. Wir haben einen ehemaligen Militärpiloten angerufen, der – so wird kolportiert – zu den «Grauen Adlern» gehören soll. Doch kaum fällt dieser Name, klemmt der Mann das Gespräch ab: «Wir müssen auf einen sicheren Kanal wechseln, wir werden abgehört.» Jemand von den «Grauen Adlern» werde sich melden, verspricht der Mann noch.

Seitdem Bundesrat Guy Parmelin am 22. März das Raketenprojekt Bodengestützte Luftverteidigung (Bodluv) sistiert hat, wird in Militärkreisen über eine Gruppe von Offizieren spekuliert, die sich die «Grauen Adler» nenne und beim Sistierungsentscheid eine Rolle ­gespielt haben soll. Doch bisher ist die Gruppe nie an die Öffentlichkeit getreten – im Unterschied zur anderen kritischen Offiziersgruppe Giardino, die die Armeereform WEA bekämpft.

Die Kontaktaufnahme, die der Pilot versprochen hat, erfolgt: 48 Stunden später sprechen wir mit einem anderen Luftwaffenoffizier, der sich zu den «Grauen Adlern» zählt. Nüchtern und ohne den konspirativen Ton des ersten Kontaktmannes, beschreibt er ihre Anliegen. Anfang 2015 habe sich die Gruppe «spontan gebildet». Auslöser sei der Plan des Verteidigungsdepartements ­gewesen, die Tiger-Kampfjets einzumotten. Dies halten die «Grauen Adler» so lange für völlig falsch, als es kein neues Kampfflugzeug als Ersatz gibt.

«High-Risk-Beschaffung»

Wenig später begann die Gruppe, auch das Bodluv-Projekt kritisch zu hinterfragen. Das Raketensystem werde viel teurer als die veranschlagten 700 Millionen Franken; die getesteten Raketen hätten schwere Mängel – kurz: Es laufe auf «eine High-Risk-Beschaffung» hinaus, hiess es in einem Memorandum, das die «Grauen Adler» schon im September 2015 verfassten – ein halbes Jahr bevor Parmelin bei Bodluv die Notbremse zog.

Drohendes Rüstungsdebakel? Diese Flab-Kanonen sollen durch das Raketensystem Bodluv ersetzt werden. Foto: VBS

Die «Grauen Adler» sind sehr lose organisiert, es gibt weder Mitgliedschaften noch Strukturen. Man arbeite als Netzwerk. Darum sei es auch nicht möglich, Namen zu nennen, sagt der Luftwaffenoffizier. Das jüngste «Update», das die «Grauen Adler» verbreitet haben, datiert vom 9. April 2016. Markiert ist das vierseitige Papier mit einem Logo, das ein Schweizer Kreuz und einen Adler zeigt. In diesem «Update» heisst es, was derzeit bei der Luftwaffe passiere, sei «vergleichbar mit dem Mirage-Skandal». Als Autor des «Updates» ist Roger Harr angegeben, ein 60-jähriger Oberstleutnant im Generalstab a. D. Harr ist früherer Präsident der Gesellschaft der Offiziere der Luftwaffe (Avia) und kennt fast alles, was in der Armee Rang und Namen hat. Zumindest im Umfeld der «Grauen Adler» bewegt sich auch John Hüssy, auch er früherer Avia-Präsident.

Auf Anfrage erklärt Harr, er und seine Mitstreiter seien von Sorge getrieben. «Uns geht es darum, dass die Luftwaffe nicht an die Wand gefahren wird.» Vom Gripen, über die Tiger-Stilllegung und den Duro bis zu Bodluv gebe es in fast allen Rüstungsprojekten Mängel und Mauscheleien. «Dies muss endlich ein Ende haben», sagt Harr. Die auf guten Informationen basierenden Analysen der «Grauen Adler» werden in Militärkreisen vielfach geteilt. Jemand sagt, so seien sie auch zu Parmelin gelangt.

Hans-Peter Portmann, FDP-Nationalrat und Fliegerabwehr-Oberst a. D., will nicht ausschliessen, dass die «Grauen Adler» beim Sistierungsentscheid eine Rolle gespielt haben könnten – allerdings eine negative. «Vor allem rüstungskritische Kreise nehmen Kritik an Rüstungsprojekten noch so gerne auf, wenn sie aus Militärkreisen stammen», sagt Portmann. «Wäre dies der Fall, hätten die ‹Grauen Adler› den Interessen der Armee geschadet, die sie zu schützen vorgeben.»

Der SVP-Nationalrat und Pilot Thomas Hurter hingegen schätzt das Engagement der «Grauen Adler», auch wenn er höchstens Einzelne von ihnen kenne. Die Gruppe verfüge zweifelsohne über Fachwissen. Daher sei es zu begrüssen, dass sie sich in rüstungspolitische Diskussionen einschalte, sagt Hurter. Was die politischen Entscheidungsträger mit den kritischen Stellungnahmen anfingen, bleibe ihnen überlassen.

Die Armeeführung jedenfalls nimmt die «Grauen Adler» ernst. In seinem «Update» vom April berichtet Harr, wie Luftwaffenchef Aldo Schellenberg ihn jüngst an einem Sonntagabend angerufen und anderthalb Stunden lang versucht habe, die Kritik zu entkräften.

Eine Pilotenintrige?

Die Hauptkritik basiert auf folgender Rechnung: Pro Jahr stehen rund eine Milliarde Franken für Rüstungskäufe zur Verfügung. Diesem Budget stellen die «Grauen Adler» Kostenschätzungen für absehbare Anschaffungen gegenüber: 6 bis 10 Milliarden für den Ersatz der Tiger und F/A-18, denn laut VBS-Angaben braucht die Schweiz selbst in Friedenszeiten mindestens 55 Kampfjets. Hinzu kämen 2,5 Milliarden für das Bodluv-System im Endausbau und 2 bis 3 Milliarden für weitere Bedürfnisse der Luftwaffe.

Um das alles zu finanzieren, müssten in den nächsten 15 Jahren fast alle Rüstungsausgaben der Luftwaffe zugute kommen, was völlig unrealistisch sei, argumentieren die «Grauen Adler». Harr plädiert daher für «intellektuelle Redlichkeit», wie er es nennt: «Entweder muss man die Armee über die WEA-Reform hinaus weiter verkleinern oder ihr mehr Geld zu Verfügung stellen.» Deshalb befürworten die «Grauen Adler» die von Parmelin initiierte Auslegeordnung. Überhaupt setzen sie grosse Hoffnungen in ihn. «Parmelin entpuppt sich als zupackender Bundesrat», lobt Harr.

Unter Bodluv-Befürwortern kursiert der Vorwurf, die «Grauen Adler» wollten bloss mehr Geld für Kampfjets freispielen. Diese Kritik weist Harr zurück: Die «Grauen Adler» wollten ein Lenkwaffensystem; es müsse aber «bezahlbar» und der Mix mit den Jets «sinnvoll» sein. Zum Vorwurf einer Pilotenintrige sagt Harr, er und andere «Graue Adler» seien gar keine Militärpiloten. «Wir sind Luftwaffenoffiziere, die sich Sorgen um die Zukunft der bewaffneten Neutralität in der dritten Dimension machen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2016, 23:24 Uhr

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