Der einsame Rufer in der Missbrauchs-Wüste

Aktualisiert am 21.03.2010

Abt Martin Werlen von Einsiedeln fordert eine schwarze Liste als Massanahme gegen den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Warum folgt ihm keiner?

Fühlt sich einsam mit seiner Forderung nach einer schwarzen Liste: Abt Martin Werlen.

Fühlt sich einsam mit seiner Forderung nach einer schwarzen Liste: Abt Martin Werlen.
Bild: Keystone

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Vorwürfe gegen ehemaligen Lehrer der Klosterschule Disentis GR

Einem Mönch des Klosters Disentis wird vorgeworfen, einen ehemaligen Schüler der Klosterschule sexuell belästigt zu haben. Abt Daniel Schönbächler und die Rektorin der Klosterschule sind darüber informiert.

Geneviève Appenzeller-Combe, Rektorin der Klosterschule Disentis, bestätigte einen entsprechenden Bericht der «Südostschweiz am Sonntag». Der Mönch, dem die sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, arbeite nicht mehr als Lehrer an der Klosterschule, sagte Appenzeller-Combe auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Die Rektorin ruft Opfer von sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch auf, sich zu melden. Gegenwärtig werden an der Klosterschule in Disentis in zehn Klassen rund 200 Schülerinnen und Schüler unterrichtet.

Auf den Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI. angesprochen, sagte Abt Martin Werlen vom Benediktiner-Kloster in Einsiedeln in einem Interview des «SonntagsBlicks»: «Ich befürchte, dass die Kirchenleitung in Rom die Situation zu wenig ernst nimmt.» Man verkenne die Situation, wie sie auch im deutschsprachigen Raum herrsche, wenn der Hirtenbrief nur in englischer und deutscher Sprache herausgegeben werde. Die Kirchenleitung müsse lernen, in solchen Fällen schneller zu reagieren, sagte der Einsiedler Abt.

Er forderte eine ausserordentliche Sitzung der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), um über die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle für Missbrauchsfälle in der Schweiz zu beschliessen. Zugleich sprach sich Werlen für die Schaffung eines zentralen Registers in Rom aus, bei der alle wegen Missbrauchs angezeigten Kirchenleute erfasst werden sollen. Bei einem Stellenwechsel in eine andere Diözese wo auch immer auf der Welt, könnte sich ein Bischof dort erkundigen, ob etwas Gravierendes vorliege. Eine solche zentrale Stelle würde weltweit mehr Transparenz schaffen, sagte Werlen.

Bischofskonferenz gegen schwarze Listen

Für ihn geht es um die Glaubwürdigkeit der Kirche. Er fühle sich mit seinen Stellungnahmen und Forderungen zurzeit aber sehr einsam. Nur wenige Verantwortungsträger schätzten die Situation richtig ein. Auch in der Schweiz gebe es Diözesen, in denen man sehr wachsam sei. Aber es gebe auch andere, in denen man kaum zu merken scheine, in welche schwieriger Situation die Kirche stecke.

Der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Norbert Brunner, ging in einem Interview der Zeitung «Le Matin dimanche» auf Distanz zur Forderung nach schwarzen Listen von pädophilen Kirchenleuten. Er sehe deren Zweckmässigkeit nicht, sagte der Bischof von Sitten. Es sei Sache jedes Bistums, vor einer Einstellung zu prüfen, ob eine Person die beruflichen und moralischen Anforderungen erfülle.

Anders äusserte sich der Generalvikar des Bistums Basels, Roland Trauffer zum gleichen Thema in der Zeitung «Sonntag». Persönlich wäre er mit «schwarzen Listen» einverstanden, wenn damit Übergriffe vermieden werden könnten. Trauffer räumte die Mitschuld der Kirche ein, kritisierte aber auch, dass die Gesellschaft das Problem des sexuellen Missbrauchs mit Stellvertreterdebatten verdränge. (cpm/ddp)

Erstellt: 21.03.2010, 12:57 Uhr

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