Der grosse Auftritt der Holocaust-Leugnerin

Sektengründer Ivo Sasek hat einer deutschen Nazisympathisantin an einer Veranstaltung in Chur eine Plattform geboten. Für Strafrechtsprofessor Marcel Alexander Niggli wurde damit das Antirassismusgesetz verletzt.

Unterschrieb juristische Schriften mit «Heil Hitler»: Die deutsche, mit einem befristeten Berufsverbot belegte Rechtsanwältin und Holocaust-Leugnerin Sylvia Stolz. (20. März 2007)

Unterschrieb juristische Schriften mit «Heil Hitler»: Die deutsche, mit einem befristeten Berufsverbot belegte Rechtsanwältin und Holocaust-Leugnerin Sylvia Stolz. (20. März 2007) Bild: Keystone

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Ivo Sasek aus Walzenhausen AR, Gründer der christlichen Sekte Organische Christus-Generation, ist ein Freund verfemter Personen mit einem Missionsdrang. Um ihnen ein Podium zu bieten, hat er vor knapp zehn Jahren die umstrittene Organisation Anti-Zensur-Koalition (AZK) gegründet. Seither lädt er jährlich Antisemiten, Sektenführer, Verschwörungstheoretiker und Impfgegner ein, um «Wahrheiten» zu verkünden, welche die Medien unterdrückten.

Beim jüngsten Treffen in der Stadthalle Chur, an dem gegen 2000 Gäste teilnahmen, setzte der 56-jährige Sasek noch einen drauf: Er lud die deutsche, mit einem befristeten Berufsverbot belegte Rechtsanwältin und Holocaust-Leugnerin Sylvia Stolz ein, die das Publikum aufforderte, Nazis kennen zu lernen, um sich ein eigenes Bild von diesen für sie offensichtlich wertvollen Menschen zu machen. Der Holocaust könne nicht gerichtlich bewiesen werden, dazu fehlten die Leichen, die Spuren der Täter und die Waffen, sagte Stolz in Chur. Sasek dankte der Referentin mit tränenerstickter Stimme und bezeichnete sie als Frau mit dem Mut eines Löwen.

Veranstaltung geheim gehalten

Speziell war auch die Mobilisierung für die Veranstaltung. Da Sasek bei früheren Treffen ins Visier der Medien geraten war, hielt er diesmal den Veranstaltungsort geheim und lud die Besucher handverlesen ein. In diesen Tagen wurden die Referate ins Internet gestellt, wie die «Südostschweiz» berichtete.

In seiner Begrüssungsansprache betonte Sasek, der von seinen rund 1500 Anhängern in der Schweiz und Deutschland als Prophet Gottes verehrt wird, dass die AZK in Chur ein hohes Ansehen geniesse, und er prangerte eine «Meinungsmanipulation» durch die Medien an. Seine Organisation bezeichnet er als Europas grösste Plattform für unzensurierte Information. Ziel sei es, das Volk zu erwecken, damit es zum Lichtträger und Kampftrupp der Wahrheit werde. «Ich bin stark durch die Wahrheit», rief er und forderte das Publikum auf, den Leitspruch im Sprechchor zu wiederholen.

Rechtsextreme verteidigt

Höhepunkt der Veranstaltung war der Auftritt der Nationalsozialistin Sylvia Stolz. Die 49-jährige Deutsche ist die Lebenspartnerin von Horst Mahler, dem früheren RAF-Anwalt und heutigen Holocaust-Leugner. Stolz verteidigte immer wieder Rechtsextreme, so auch Mahler, der einst wegen Zeigens des Hitlergrusses angeklagt war. Manchmal unterschrieb sie juristische Schriften mit «Heil Hitler», wie verschiedene Quellen besagen.

Bei der Verteidigung des Holocaust-Leugners Ernst Zündel drohte sie den beiden Gerichtsschöffen die Todesstrafe wegen Volksverleumdung und Feindbegünstigung an. Das wäre natürlich erst möglich, wenn die BRD wieder eine «Reichsmacht» würde, wie sie es sich erhofft. In Chur sagte sie dann auch: «Die Zeiten sind vorbei, dass sich das deutsche Volk unterdrücken lässt.» Weil sich Stolz damals gegen die Anordnung des Gerichts widersetzt hatte, trugen Polizisten sie aus dem Gerichtssaal. Später wurde sie wegen Volksverhetzung verurteilt und verlor das Anwaltspatent.

Begeistertes Publikum

Sylvia Stolz genoss den Auftritt in Chur sichtlich, denn in Deutschland ist die Luft für sie dünn geworden. Um das schweizerische Rassismusgesetz zu umschiffen, packte sie ihre politischen Ansichten in ein juristisches Konstrukt. Das Publikum in der Stadthalle bedankte sich schliesslich mit einem enthusiastischen Applaus.

Marcel Alexander Niggli, Professor für Strafrecht an der Uni Freiburg und Experte für Rechtsextremismus, lässt die Ansicht von Stolz nicht gelten. Es gebe mehrere gross angelegte gerichtliche Beweisverfahren, in denen auch forensisch nachgewiesen worden sei, dass der Holocaust stattgefunden habe. Die Vernichtung der Juden zum Beispiel in Auschwitz sei gerichtlich festgestellt.Wer dies infrage stelle, liege falsch und argumentiere wider besseres Wissen. Somit leugne Stolz laut Niggli zumindest indirekt den Holocaust, und es sei der Anfangsverdacht gegeben, dass sie die Rassismusnorm verletzt habe. Seines Erachtens muss die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Stolz und gegebenenfalls den Veranstalter eröffnen.

Zweifelhafte Referenten

Es ist nicht das erste Mal, dass Sasek Referenten aus dem rechten Lager eingeladen hat. Vor zwei Jahren trat der deutsche Publizist Michael Vogt auf und referierte zum Thema «Geheimakte Hess». Dabei versuchte er, die Rolle von Hitler und seinem Stellvertreter Rudolf Hess zu beschönigen. Hess sei 1941 nach England geflogen, um Friedensgespräche zu führen, behauptete Vogt damals. Es gebe Indizien, dass Hitler diese Friedensaktion initiiert habe.

Ein Jahr zuvor hatte Ivo Sasek den Schweizer Holocaust-Leugner Bernhard Schaub nach St. Gallen in die Olma-Halle eingeladen und ihm hinterher zur mutigen Rede, die rechtsextremes Gedankengut enthielt, gratuliert. Schaub war 2007 vom Bezirksgericht Dornach SO wegen Verstosses gegen die Rassismusnorm verurteilt worden. Und 2009 trat Jürg Stettler an der AZK-Konferenz auf. Der Präsident von Scientology Schweiz und Pressesprecher der Sekte in Deutschland geisselte damals vor allem die Medien.

Musizierende Kinder

Offenbar ist es für Ivo Sasek nicht leicht, einen Saal für seine Veranstaltungen zu finden. Frühere Vermieter wollten sich nicht äussern, weil sie befürchten, von AZK-Aktivisten bedrängt oder juristisch belangt zu werden. Von der Stadthalle Chur war am Dienstag niemand erreichbar.

An den Veranstaltungen treten jeweils auch die 11 Kinder von Sasek musizierend auf. Der Sektengründer geriet immer wieder in die Schlagzeilen, weil er in einer Broschüre geschrieben hatte, wer seine Kinder liebe, züchtige sie mit der Rute. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.01.2013, 06:12 Uhr)

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