Schweiz

Der grosse WEF-Abwesende

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 19.01.2012

Als Hoteldirektor thronte Ernst Wyrsch während 15 Jahren im Belvédère über Davos. Wie er mit Ali weinte, sich über Promi-Huschelis ärgerte – und was Klaus Schwabs Geheimnis ist.

1/8 Ein Besuch, der Wyrsch zu Tränen rührte: Boxlegende Muhammed Ali im Januar 2006 mit dem Hoteldirektor und dessen Ehefrau.
Bild: © Marcel Giger - snow-world.ch

   

Führte das Belvédère von 1996 bis 2011: Ernst Wyrsch. (Bild: Keystone )

Ein WEF-Insiderbuch von Wyrsch?

Ernst Wyrsch hat in den letzten eineinhalb Jahrzehnten so viele Staatsleute, Wirtschaftschefs und Showbiz-Grössen getroffen und beherbergt wie kaum ein anderer Schweizer. Das geht von Bill Clinton über Helmut Kohl und Tony Blair bis zu Bill Gates, Sergio Marchionne und Josef Ackermann. Nicht zu vergessen Angelina Jolie, U2-Frontmann Bono und Robert de Niro. Wyrsch hat unzählige Anekdoten zu erzählen, sei das der beeindruckende Auftritt von Nelson Mandela, bei dem wegen dessen empfindlichen Augen keine Fotoblitze mehr aufleuchten durften, oder die musikalischen Einlagen von Bill Clinton mit dem Saxofon. Jetzt denkt er darüber nach, das Ganze zwischen zwei Buchdeckel zu fassen: «Ja, ich befasse mich mit dem Gedanken, dies zu tun.» (cpm)

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«Ich hatte Tränen in den Augen», erzählt Ernst Wyrsch. Nein, er spricht nicht über seinen Abschied nach 15 Jahren als Hoteldirektor im Belvédère über Davos. Was ihn dermassen bewegte, war der Besuch von Boxerlegende Muhammad Ali. Man schrieb das Jahr 2006, als Ali ins Bündnerland reiste. «Wir warteten im Hotelfoyer auf ihn. Rund 50 Journalisten und Fotografen waren da. Als Ali auftrat, passierte etwas Unerwartetes. Die Fotografen legten ihre Apparate auf den Boden und applaudierten», beschreibt Wyrsch den bewegenden Moment.

Wyrsch war während 15 Jahren die zentrale Figur der Davoser Hotellerie, sein Belvédère die erste Adresse für die Mächtigen der Welt. 100 Staatschefs und 70 Nobelpreisträger zählt er in seinem Notizbuch. Ganz zu schweigen von den Konzernchefs und den Stars aus dem Showbiz. Übernommen hatte er das Hotel, «als es ganz unten war». Es sei unklar gewesen, ob man es sogar abreissen oder zu einem Haus mit Ferienwohnungen umbauen wollte. Wyrsch setzte voll und ganz auf Hotelbetrieb mit der jährlichen WEF-Woche jeweils im Januar als zentralen Umsatztreiber.

Wenn roter Teppich und Extra-Eingang nicht genug sind

Wyrsch machte sich mit seinem Konzept nicht nur Freunde. Er war es, der die Society-Partys in der Bergstadt förderte. Das geht heute von der Burda-Night über die Zurich-Party bis zu gut 200 weiteren Anlässen. «Das war nicht immer im Interesse von Klaus und Hilde Schwab.» Wyrsch meint, das Gründerpaar hätte es am WEF wohl lieber «nüchterner».

Kennen gelernt hat Wyrsch in der Welt der Promis auch die Schattenseiten des Glamours. «Wenn da irgendwelche Huschelis einen separaten Eingang oder einen roten Teppich forderten und das Gebotene dann immer noch nicht reichte … Das war schon mühsam.» Aufgefallen ist ihm auch manch ein Franzose: «Ihre mangelnde Sprachkenntnis übertünchen sie mit Arroganz.» Da gab es Auftritte von Konzernchefs aus dem Land des Savoire-vivre, die ihm in Erinnerung geblieben sind. «Und Sarkozy war zwar spannend, aber er nahm unheimlich viel Raum ein.»

Clintons Mega-Entourage

Den wohl wichtigsten, aber auch heikelsten und aufwendigsten Besuch erlebte Wyrsch, als der damalige US-Präsident Bill Clinton im Jahr 2000 einen Abstecher in die Bündner Alpen machte. «Er kam mit einer Entourage von 1500 Leuten, das war grenzwertig.» An die Grenzen kamen alle: Davos, die Sicherheitsdienste und die Hotellerie. «Bis nach Bad Ragaz mussten Unterkünfte für Clintons Begleiter gesucht werden.» Und was Clintons Sicherheit anbelangte: «Nur noch die Direktionswohnung in unserem Hotel war gut genug.» Allein der Secret Service reiste mit knapp 40 Mitgliedern an, über Tage hinweg wurde das Belvédère bis in die hintersten Ecken beschnüffelt.

Schwierig war für Wyrsch der Januar nach 9/11. Das WEF gastierte im Januar 2002 im Astoria in New York. «Meine Frau wurde eingeladen, in den USA mitzuarbeiten. Sie berichtete mir täglich.» Es war die Zeit, als sich in Davos immer mehr Widerstand formierte und unklar war, wo die Zukunft des jährlichen Treffens sein würde. Dann aber kam ein starkes Zeichen aus Übersee: «Am Schlusstag in New York wurde darüber abgestimmt, ob man zurück nach Davos wolle. Eine Mehrheit war dafür.» Sogar die Amerikaner hätten sich für die Schweiz ausgesprochen. Seither scheint Davos als Austragungsort unbestritten, zumal mit einer neuen, 40 Millionen Franken teuren Kongresshalle und weiteren Hotelprojekten die Infrastruktur ausgebaut wird.

Folgt ein ganz grosser Name auf Schwab?

Angesprochen auf Klaus Schwab, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, wird Wyrsch nachdenklich. Alle wissen, dass der WEF-Gründer dereinst den Stab wird übergeben müssen. «Er hat uns versprochen, dass er eine Lösung in der Schublade hat.» Niemand weiss, was das heisst. Wyrsch aber geht davon aus, dass es erstens eine gute Lösung und zweitens ein grosser Name damit verbunden sei. Trotzdem: «Sollte Schwab einmal das WEF nicht mehr leiten, wird das sicher ein kritischer Moment.»

Wyrsch selber hat sich bereits mit 50 die Freiheit genommen, nochmals «etwas Neues» anzupacken. «Einen Tag nach Ende des WEF im letzten Jahr habe ich demissioniert.» Er doziert jetzt an der St. Galler Business School und übt Verwaltungsratsmandate im Tourismussektor aus. In Davos wohnt er noch immer. Und auf nächste Woche blickend: «Für mich gibt es ein paar Treffen ganz im Stillen.» Wer weiss, vielleicht schaut ja Bill Clinton bei ihm zu Hause vorbei – wie auch schon in früheren Jahren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2012, 19:31 Uhr

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