Schweiz

Der starke Franken befeuert die Zuwanderung noch

Von David Vonplon. Aktualisiert am 25.11.2011 189 Kommentare

Der Zustrom ausländischer Arbeitskräfte nimmt zu – trotz der düsteren Wirtschaftsaussichten. Problematisch ist das, wenn vermehrt schlecht qualifizierte Erwerbstätige in die Schweiz gelangen.

Mehr Einwanderung trotz konjunktureller Abkühlung: Über die Gründe für die hohen Zahlen kann der Bund nur rätseln.

Mehr Einwanderung trotz konjunktureller Abkühlung: Über die Gründe für die hohen Zahlen kann der Bund nur rätseln.
Bild: TA-Grafik mrue / Bundesamt für Statistik

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Trotz der konjunkturellen Eintrübung drängen immer mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland in die Schweiz. Im September wanderten netto mehr als 10'000 Personen in die Schweiz ein – das ist ein Rekordwert, der seit dem Spitzenjahr 2008 nicht mehr erreicht wurde. Noch im Juli betrug die Nettoeinwanderung rund 4500 Personen, im August kletterte diese dann auf fast 8000 Personen. Die Statistik ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen: Beim Bundesamt für Migration (BfM) warnt man davor, aus den Monatszahlen voreilige Schlüsse zu ziehen. Diese würden im Herbst jeweils regelmässig in die Höhe schnellen.

Über die Gründe für die saisonalen Ausreisser rätselt man beim Bund allerdings: «Wir haben für diese keine Erklärung», sagt dazu Sprecher Michael Glauser. Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) glaubt, dass der Zuzug ausländischer Studenten zu Beginn des Universitätsjahres den Anstieg im Herbst zumindest teilweise erkläre.

Ausländer kehren nicht heim

Das ändert aber nichts daran, dass der Zustrom ausländischer Erwerbstätiger trotz wirtschaftlich trüber Aussichten auch im Jahresvergleich nicht abbricht – und sogar noch wächst: So lag die Nettoeinwanderung in den letzten drei Quartalen des laufenden Jahres bei 54'900 Personen, während im Jahr zuvor von Januar bis September lediglich 46'100 Personen kamen. Das entspricht einem Zuwachs von 19 Prozent. Noch stärker zugenommen hat die Einwanderung von Personen aus den EU- und Efta-Ländern: Dieser nahm in den ersten 9 Monaten dieses Jahres gegenüber dem Vorjahr um rund ein Drittel zu.

Fachleute sind erstaunt über die Entwicklung: «Anhand der aktuellen Fundamentaldaten des Arbeitsmarktes lässt sich die stärkere Zuwanderung nicht erklären», sagt Michael Siegenthaler von der KOF. Er geht davon aus, dass die statistische Erfassung verzögert auf die Konjunkturschwankungen reagiert. «Es dauert bis zu einem Jahr, bis sich die Stellenentscheide der Unternehmen in den Zahlen niederschlagen.» Im Gegensatz dazu sieht sich Ökonom Reiner Eichenberger bestätigt. «Es tritt ein, was wir immer vorausgesagt haben: Die Zuwanderung bleibt hoch – und das unabhängig von der Konjunktur.» Das zeige sich auch daran, dass die Rückwanderung gegenüber dem letzten Jahr sogar noch abgenommen habe. Der Professor für Volkswirtschaft von der Universität Freiburg geht nicht davon aus, dass sich an dieser Entwicklung grundsätzlich etwas ändern sollte – selbst wenn die Schweiz in eine rezessive Phase gerate. «Die Steuerbelastung wird im umliegenden Ausland zweifellos zunehmen und die kommende Inflation die dortigen Ersparnisse der Menschen entwerten», sagt er. Im Vergleich zu anderen Ländern bleibe die Eidgenossenschaft für Erwerbstätige aus dem Ausland übermässig attraktiv.

Immer mehr Osteuropäer

Der starke Franken befeuert diese Entwicklung laut Eichenberger sogar noch – denn für Einwanderer, die Geld nach Hause schickten oder für ein Haus in der Heimat sparen, bleibe Ende Monat mehr Geld übrig. Solange hauptsächlich Hochqualifizierte in die Schweiz kommen würden, lohne sich die Zuwanderung aber auch für die Schweiz: «Die ausländischen Arbeitskräfte bringen mehr Steuern, als dass sie den Staat kosten.»

Allerdings werden Zweifel laut, ob die Beteuerungen des Bunds, die Personenfreizügigkeit mit der EU bringe vor allem hoch qualifizierte Fachkräfte in die Schweiz, noch der Realität entsprechen. Dies umso mehr, seit auch Staatsangehörige der osteuropäischen EU-Länder freien Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt haben. Diese machen zwar derzeit bloss 10 Prozent der EU-Einwanderer aus, ihre Zahl steigt aber rasant an. Der grösste Teil dieser Personen findet dabei in bildungsfernen Branchen wie Landwirtschaft, Gastgewerbe und Bau Arbeit. «Das Problem ist, dass diese Arbeitskräfte schneller arbeitslos werden als gut Qualifizierte», sagt dazu FDP-Nationalrat Philipp Müller. Deshalb sei die Gefahr gross, dass diese im Sozialnetz landen würden. Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm fordert, dass der Bund endlich seriös untersuche, von welchen Branchen die Einwanderer rekrutiert werden und welchen Bildungsstand diese hätten. «Bislang betrieb das Seco reine Beschönigungsrhetorik.»

Skeptisch äussert sich auch Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Er stellt fest, dass die Zuwanderung stark bleibt, obwohl die Arbeitslosigkeit am Steigen ist. «Bleibt dies so, obwohl die Auftragslage schlecht ist, haben wir es mit einer Verdrängung der Schweizer Beschäftigten zu tun.» Lampart verlangt, dass die Behörden die flankierenden Massnahmen genau umsetzen. Geschehe dies nicht, erhöhe dies den Druck auf die inländischen Beschäftigten und ihre Löhne weiter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2011, 22:37 Uhr

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189 Kommentare

Peter Müller

25.11.2011, 10:09 Uhr
Melden 98 Empfehlung

"Ausländer kehren nicht heim". Es scheint mir, als hätte eine Partei am Ende Recht erhalten. Antworten


Mike Graf

25.11.2011, 10:05 Uhr
Melden 88 Empfehlung

Bringen mehr Steuern, als das sie den Staat kosten...... diese Aussage können Sie mal den Pendlern erklären die nur noch stehen können im Zug, den Pendlern auf den Autobahnen die nur noch im Stau stehen (seit 2-3 Jahren)..... und dazu den Stellensuchenden Schweizern, welchen gesagt wird (meist von Personalchefs die nicht Schweizerdeutsch sprechen) das ihre Lohnforderungen zu hoch seien... oje.... Antworten



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