Der streitlustigste Politiker der Schweiz
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 21.05.2011 7 Kommentare
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Internationale Politik ist wie Raumfahrt: Privatjets, Hotelzimmer, Konferenzräume. Ganz oben ist die schlimmste Gefahr das Vakuum: dass man den Kontakt zur Erde verliert. Lokalpolitik kennt das kaum. Hier muss man sich um Dreck, Schweiss und Nahkämpfe nicht sorgen. Und so ist Boris Banga der bekannteste Lokalpolitiker der Schweiz. Er ist seit 21 Jahren Präsident der Stadt, die in zahlreichen Ratings als hässlichste der Schweiz gewertet wurde: Grenchen. Kein Wunder, ist Kampf seine zweite Natur.
Sein neuester Kampf gilt dem Nachruf eines Baumes. An seinem Haus hängt seit kurzem eine Plakette: «Möge dieser nachbarliche Wahnsinn nun ein Ende haben und keine Nachahmer finden, damit unser Bergahorn nicht vergebens sterben musste.» Adressat dieser Plakette ist die benachbarte Familie Furigo. Diese hatte von der Familie Banga verlangt, den Bergahorn in ihrem Garten zurückzuschneiden. Die aber weigerte sich. Daraufhin gruben die Furigos ein altes Gesetz aus, das besagte, dass kein Baum höher sein dürfe als die Giebel der Häuser rundum. Die Bangas fällten darauf ihren Ahorn.
Banga, der Baummörder
Nun verlangen die Furigos die sofortige Demontage der Gedenkplakette. Sie hätten stets nur das Zurückschneiden verlangt, sagen sie, den Baum hätten die Bangas selber «gemordet». In Grenchen ist das Benzin ins politische Feuer. Dieses lodert wild. Mobbing und Drohungen wie «Ich habe Dossiers über euch alle» werfen Gegner dem Sozialdemokraten Banga vor. Was dieser mit «Lügner!» und dem Hinweis kontert, sein Hauptkontrahent von der SVP sei wegen Steuerhinterziehung verurteilt und habe Frauengeschichten, über die er, Banga, aber nicht rede.
Der Streit läuft auf vollen Touren. Die SVP-nahe, auch nicht gerade zimperliche Onlinezeitung «Grenchen.net» erhielt und veröffentlichte monatelang Zuschriften unter Pseudonymen wie «Rumpelstilz Grimm» und «Ivo Von Moschee», die Deutsch, Intelligenz und Charakter der Onlineautoren infrage stellten. Die Kritiken stammten aus dem Privatcomputer des Stadtpräsidenten, wie sich herausstellte. Als Autorin outete sich die Ehefrau des Politikers, Barbara Banga. Sie habe aus «Psychohygiene» und «Mutterinstinkt» «Boris beschützen» müssen. Der Stadtpräsident zeigte sich vom Geständnis begeistert. Er sprach «vom grössten Liebesbeweis, den ich je erhalten habe».
Uhrenindustrie verunstaltete Grenchen
Die Gegner tobten. So wie es die SP-Parteigenossen getan hatten, als Banga ein Burkaverbot in Grenchen ausgerufen hatte – unter anderem mit der Begründung: «Die Hunde reagieren aggressiv auf die Burka.» Dabei ist Aussenstehenden völlig unklar, warum politisch so leidenschaftlich um Grenchen gekämpft wird. «Wer aus dem Kinderwagen klettern oder einen Rollator bedienen kann, flieht», sagt eine, die dort aufwuchs. Grenchen sei eine Stadt, die mit der Uhrenindustrie hässlich wucherte. Und bei deren Krise in den Siebzigerjahren dramatisch schrumpfte. «Es wäre besser, man beliesse es dabei.»
Vielleicht ist ein Raubein wie Banga darum fünfmal wiedergewählt worden, weil er es nicht dabei beliess. Er holte Hi-Tech-Firmen, Architekten und kürzlich sogar die nationale Radsport-Ausbildungsstätte in die Stadt. Arbeitsplätze gibt es also. Baustellen auch. Das einzige ungelöste Problem: Wohnen will niemand dort. Und so bleibt Grenchen, was Frontstädte seit dem Wilden Westen ausmacht: die Leere der Landschaft und die Rauheit ihrer Kämpfe. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.05.2011, 13:48 Uhr
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7 Kommentare
...Boris Banga hat mit der Ansiedlung von Unternehmen in Grenchen nichts zu tun. Als doppelverdienendes und vom Steuerzahlenden rundumversorgtes Paar dürfte man aber von den Banga's im Minimum eine durchschnittliche Arbeitsleistung und etwas Anstand erwarten. Fehlanzeige, leider. Aber die Wählenden wollen es wohl so. Antworten


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