Der tödliche Riverrafting-Unfall erinnert an die Saxetbach-Tragödie
«Grundsätzlich sind grosse Unglücke immer möglich»: Hans Allemann.
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Tod in der Wasserwalze
Es war der schwärzeste Tag in der Geschichte der Schweizer Freizeit- und Tourismusbranche: Am 27.Juli 1999 starben 21 junge Touristen aus Australien, Neuseeland, Südafrika und Grossbritannien beim Canyoning im Saxetbach. Die Tragödie, die weltweit für Schlagzeilen sorgte, war das traurige Resultat einer meteorologischen Extremsituation und menschlichen Fehlverhaltens. Am frühen Abend hatten heftige Niederschläge eines Gewitters im Einzugsgebiet des Saxetbaches eine massive Geröll- und Wasserwalze ausgelöst. Doch trotz der bedrohlichen Wetterlage und Warnungen von Einheimischen hatten die Verantwortlichen der Adventure-Firma entschieden, das Canyoning durchzuführen. Mit verheerenden Folgen. Fast alle der Opfer wurden in die Lütschine und noch mehrere Kilometer weit bis in den Brienzersee geschwemmt. Eine Australierin konnte bis heute nicht gefunden werden.
Fast zweieinhalb Jahre nach dem tödlichen Drama, im Dezember 2001, fand der mehrtägige und wiederum auch von vielen internationalen Medien beobachtete Prozess gegen die angeklagten Guides und ihre Chefs statt. Sechs von ihnen wurden wegen fahrlässiger Tötung zu bedingten Gefängnis- und Geldstrafen verurteilt. (aka)
Wissen Sie schon etwas über die genaue Ursache, die am Freitag zum tödlichen Riverrafting-Unfall auf der Lütschine führte?
Hans Allemann (Präsident der Swiss Outdoor Association): Wir bedauern das Unglück ausserordentlich und sind tief bewegt. Der verletzten zweiten Touristin wünsche ich auch auf diesem Weg gute Besserung. Über den Hergang und die Ursachen weiss ich nichts Neues, da müssen wir die Untersuchungsergebnisse abwarten.
Das Unglück weckt ungute Erinnerungen an die sogar noch viel schlimmere Canyoning-Tragödie vom 27. Juli 1999 im Saxetbach. Wäre ein Drama in diesem Ausmass auch heute noch möglich?
Nein, ich glaube nicht. Klar, grundsätzlich sind grosse Unglücke immer möglich, wir bewegen uns im Gelände, und extreme Wettersituationen gibt es immer wieder. Aber die mittlerweile eingeführten Vorkehrungen auf der technischen Ebene, bei der Ausbildung und der Organisation müssen solche Unglücke verhindern.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute, zehn Jahre danach, an das Unglück denken?
Mir läuft es sofort wieder kalt über den Rücken. Ich denke daran, wie ich an der Beerdigung teilnahm. Es war furchtbar, 21 junge Leute starben und viele andere waren sonst betroffen. Das darf sich einfach nie, niemals mehr wiederholen.
Ist das Saxetbach-Drama bei Ihren Kunden noch ein Thema?
In der Branche ist es immer noch ein Thema, so zum Beispiel auch bei heiklen Wettersituationen. Bei den Schweizer Teilnehmern ist das ebenfalls noch in den Köpfen, bei den Ausländern hingegen weniger.
Hat das Saxetbach-Unglück das Berner Oberland zum Spezialfall gemacht, oder ist die Branche im In- und Ausland für Sicherheitsfragen gleichermassen sensibilisiert worden?
Ich kann es nur schweizweit beurteilen. Hier hat das Unglück bisher sehr viel ausgelöst. Im Raum Interlaken haben wir eine spezielle Klientel. Hier gilt für die jungen Leute das Erlebnis, das Abenteuer mehr als für den Rest der Schweiz, wo die Kundschaft vor allem auch aus Familien oder Firmen besteht, die Wert legen auf ein möglichst minimales Risiko. Interlaken hingegen ist die Adventure-Hochburg, was die Anbieter aber umso mehr in die Pflicht nimmt.
In den vergangenen zehn Jahren ist viel in die Sicherheit von Canyoning und Riverrafting investiert worden. Was ist der wichtigste Fortschritt?
Entscheidend ist die Transparenz. Früher gab es das nicht, man wusste also kaum, wie eine Firma arbeitet und wie sie ihre Angestellten ausbildet. Es gab keine Übersicht, keinen gemeinsamen Verband. Das hat sich geändert: Die Swiss Outdoor Association (SOA) bietet eine Riverrafting-Ausbildung und in Zusammenarbeit mit dem Bergführerverband eine Canyoning-Ausbildung an und setzt die Standards. Und auf der Seite der Kontrolle existieren Instanzen, welche die Firmen durchleuchten.
Die Massnahmen teilen sich also auf in Ausbildung und Kontrolle. Zuerst zur Ausbildung: Warum braucht es mit «Guide 1» und «Guide 2» zwei Stufen?
Das ist vergleichbar mit der Bergführer- und der Skilehrerausbildung. Es handelt sich dabei um ein modulares System. Der Teilnehmer macht nicht eine Lehre, sondern berufsbegleitend einzelne Kurse. Unser Ziel ist ein eidgenössischer Fachausweis für Outdoorexperten. Die Canyoning- und die Rafting-Ausbildung sollten ein Teil davon sein.
Die Canyoning-Ausbildung muss ja gleich drei Elemente berücksichtigen: Fels, Wasser und Wetter. Sind die Anforderungen genügend hoch?
Ja, die Anforderungen sind hoch, rund ein Drittel der Bewerber schafft die erste Hürde nicht. Wer bestehen will, muss sich schon vorher um die verschiedenen Themen kümmern, sich sehr gut vorbereiten und auch physisch «zwäg» sein. Wenn er die erste Stufe hinter sich hat, muss er ein Jahr lang als assistierender Leiter arbeiten und viele Erfahrungen sammeln.
Die zweite wichtige Sicherheitsmassnahme ist die Kontrolle. Welche Hauptinstrumente stehen dafür zur Verfügung?
Es ist wie bei anderen Branchen: Dank der Einhaltung von Normen und anderen Tools funktionieren die Firmen nun anders, besser. Verantwortungsprozesse, Materialmanagement, alle Kontrollabläufe wurden neu strukturiert und optimiert. Klar, Pflichtenhefte gab es schon früher, aber das war im Vergleich zu heute ziemlich marginal.
Und welche Rolle spielt dabei die Zertifizierung durch die Stiftung Safety in Adventure?
Wer zu den seriösen Anbietern gehören will, lässt sich zertifizieren – was im Raum Interlaken ohnehin gemacht wird. Die jährliche Wiederholung zwingt die Firma, alles immer zu erledigen und up to date zu halten. Zudem sammelt die Stiftung Informationen über negative Vorkommnisse und analysiert und verarbeitet sie als Lernprozess für die ganze Branche.
Und trotzdem hat es die Outdoorbranche noch nicht geschafft, dass diese Zertifizierung obligatorisch ist.
Ja, aber es gibt nur noch ganz wenige Firmen, die da nicht mitmachen. Ausserdem würden wir es sehr begrüssen, wenn endlich das Bundesgesetz über das Bergführerwesen und das Anbieten von Risikoaktivitäten vom Parlament verabschiedet würde. Der Nationalrat wird es hoffentlich in einer der nächsten Sessionen behandeln.
Kontrolliert werden muss auch, ob die Führer auf die Umwelt Rücksicht nehmen. Wie soll das funktionieren – oder ist diese Vorgabe einfach blauäugig?
Nein, blauäugig nicht. Nehmen wir wiederum das Beispiel Interlaken. Von hier aus werden Touren in genau drei Schluchten angeboten ...
und wo die Führer auf wirbellose Kleintiere oder Fische, wie es Mountain Wilderness verlangt, Rücksicht nehmen – wollen Sie das ernsthaft behaupten?
Es ist klar: Wir nutzen einzelne Fluss- und Waldabschnitte intensiv, und hier wird zweifellos die Natur gestört. Aber das sind nur ganz kleine, eingeschränkte Gebiete, und die stehen unter Kontrolle. Übrigens treffen wir uns im Kanton Bern jährlich einmal mit allen Umweltämtern und besprechen das Vorgehen.
Ohne die Ursachen zu kennen: Der tragische Unfall vom vergangenen Freitag hat bewiesen, dass Ausbildung und Kontrolle immer noch Schwachstellen aufweisen. Die Swiss Outdoor Association hat ihre Ziele also noch nicht erreicht.
Ich würde es nie wagen, zu behaupten, alle Ziele, die wir anstreben, seien hundertprozentig erreicht. Das ist zwar ein Ziel, das angestrebt werden muss, das aber wohl nie ganz erreicht werden kann. Aber wir dürfen trotzdem froh sein über das, was wir in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut und erreicht haben. Die Swiss Outdoor Association hat bis Ende 2008 insgesamt 438 Fachleute mit total 601 Ausbildungen geschult. Eine Schwierigkeit besteht in der relativ hohen Fluktuation der Mitarbeiter. Wir müssen den Angestellten eine berufliche Perspektive bieten können, damit sie länger in der Branche bleiben und ihr Fachwissen nicht verloren geht. Das ist aber im gesamten Tourismus ein Problem, auch bei den Skischulen und in der Hotellerie.
Zurück zur Sicherheit: Der grösste Risikofaktor ist und bleibt der Mensch. Sollten da die Teilnehmer einer Canyoning- oder Riverrafting-Tour nicht noch stärker aufgefordert werden, Verantwortung zu übernehmen und auch das Vorgehen der Führer zu hinterfragen?
Eine schwierige Frage und eine schwierige Thematik. Einerseits erwartet der Kunden von den Anbietern ein Maximum an Sicherheit. Andererseits muss der Kunde wissen, dass es immer ein Restrisiko gibt, das darf man ihm nicht verschweigen. Aber im Gelände ist der Kunde abgelenkt und kann nicht auch noch die Führer kontrollieren. Es gilt einfach, ein Optimum an Sicherheit zu gewährleisten.
Umgekehrt hört man auch immer wieder, dass es Teilnehmer gibt, die trotz schlechten Wetters auf die Durchführung einer Tour pochen – wieweit kann das die Führer beeinflussen?
Ich bin nun seit zwanzig Jahren als professioneller Anbieter aktiv und decke von der Ausbildung her alles ab, vom Riverrafter bis zum Bergführer und Skilehrer, und habe solche Kunden nie kennen gelernt. Ich behaupte sogar, dass es sich dabei schlicht um ein Märchen handelt. Klar, Kunden können enttäuscht sein, wenn eine Tour abgesagt werden muss. Aber wenn sich dann ein Führer überreden lassen würde, wäre seine Autorität ohnehin völlig im Eimer. Es gehört übrigens zu den Auflagen von Safety in Adventure, dass ein Führer, dessen Tour abgebrochen werden muss, trotzdem voll entschädigt wird.
Trotzdem: Die vielen und schweren Gewitter machen das Berner Oberland doch nicht gerade zum idealen Canyoning- und Riverrafting-Gebiet?
Ja, das mag einerseits stimmen. Anderseits befinden sich hier – im Gegensatz etwa zum Wallis – viele Schluchten, die nicht von Kraftwerken benützt werden beziehungsweise von Stauseen bedroht sind. Vor Gewittern habe ich grossen Respekt. Aber sie sind grösstenteils abschätzbar, auch dank meteorologischen Kenntnissen und modernen Hilfsmitteln wie Niederschlagsradar und Frühwarnsystem. Und trotzdem: Ein Restrisiko bleibt.
Spricht die Branche deshalb weiterhin lieber von Adventure statt von Erlebnis, weil das Risiko per Definition ein Bestandteil des Abenteuers ist?
Das Bedürfnis nach Adventure ist vorhanden, und entsprechend gibt es Anbieter, die dieses Bedürfnis erfüllen. So ist der Markt. Und falls mal etwas passiert, kann man im Nachhinein nicht einfach behaupten, sich in 100-prozentiger Sicherheit gewähnt zu haben. Übrigens ist der Markt nach dem Saxetbach-Unglück fast überall eingebrochen – nur in Interlaken nicht.
Stichwort Nachfrage: Lange, eintägige Canyoning-Touren sind nicht mehr gefragt, was zählt, ist der kurzfristige, rasche Spass. Entspricht das der gesamten Tendenz im Outdoorbereich?
Diese Frage stellen wir uns manchmal auch. Es gibt zwei Bereiche: erstens einen ganz kleinen Markt für zeitlich längere Angebote, also zum Beispiel zwei-, dreitägige Bergtouren. Und zweitens gibt es eine grosse Masse von Leuten, die körperlich dazu wahrscheinlich gar nicht im Stande sind. Diesen Kunden genügen eineinhalb Stunden Canyoning oder andere Erlebnisse, mehr wollen sie gar nicht. Eigentlich ist es ja erstaunlich: Im Vergleich zum Riverrafting ist Canyoning ziemlich künstlich und konstruiert und erst noch sehr aufwändig. Warum ist es trotzdem so beliebt?
Es ist die Kombination von Fels und Wasser, die Landschaft, der Sprung in den Pool. Es ist der Wasserlauf, dem man folgt. Der Erlebniswert ist sehr hoch, und trotzdem staune ich immer wieder, wie die Teilnehmer total begeistert sind und sich dafür auch herzlich bedanken. (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.07.2009, 09:30 Uhr
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