Der unterschätzte Strippenzieher
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 10.02.2010 8 Kommentare
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Montag war der grosse Triumphtag des Martin Wagner. Einer überraschten Öffentlichkeit konnte der Baselbieter bekannt geben, dass er zusammen mit dem Tessiner Financier Tito Tettamanti die Basler Zeitung Medien AG übernimmt. Seither rätselt man am Rheinknie und in der Medienszene, was der Advokat im Schilde führt, welcher der «Neuen Zürcher Zeitung» in letzter Minute die begehrte Braut weggeschnappt hat.
«Man kann mich nicht einschätzen», sagt der freundliche 50-jährige Herr mit Scheitel und feiner Brille, «das ist logisch.» Logisch, weil er als Wirtschafts- und Medienanwalt mit Kanzlei am Barfüsserplatz in seinem bisherigen Berufsleben lang stets die Interessen seiner Klientel vertreten habe.
Den Klienten und sich bedient
Wobei lic. jur. Martin Wagner die Wünsche der Auftraggeber oft mit seinen persönlichen in Einklang brachte. Der begnadete Strippenzieher liess sich seine juristischen Dienste meist in zweierlei Währung bezahlen: durch ein fürstliches Honorar und mit künftigem Einfluss. Ein Beispiel: Seit Wagner auf Verkäuferseite den Jean-Frey-Verlag filetierte, sitzt er bei beiden Käufern, bei der Axel Springer Schweiz AG («Beobachter», «Bilanz») und der «Weltwoche», im Verwaltungsrat. Darüber hinaus verdiente er an beiden Händeln als grosser Minderheitenaktionär mit.
Renommierte Schweizer Verlage, allen voran Ringier, kamen zur eigenen Überraschung wegen des wenig bekannten Widersachers nicht zum Zug. Wagner war agiler – auch dank seinen Beziehungen zu Thomas Matter. Mit dem gescheiterten Swissfirst-Banker verkehrt er im «Club zum Rennweg», dem Zürcher Hauptquartier der jungen Businesselite.
Das System Wagner
Aufgrund dieser Vorgeschichte überrascht es, dass der Mann, der sich als «gefährlicher Dealmaker» bezeichnet, beim Rennen um die «Basler Zeitung» (BaZ) erneut unterschätzt wurde. «Wenn ich im Raum bin», sagt Wagner über Wagner, «müssten die Wettbewerber fürchten, dass ein Handel gelingt.» Sein Durchsetzungsvermögen erklärt er biografisch damit, dass er als 16-Jähriger seinen Vater verlor. Von da an figurierte er als Ersatz-Familienoberhaupt für die beiden jüngeren Brüder.
Zu Wagners juristischen Spezialitäten gehört es, Firmenkonglomerate zu konstruieren, die von zwei, drei, vier Verbündeten beherrscht werden. Mit an der Spitze steht meist Wagner selber. Er sitzt mittlerweile alleine in der Schweiz in rund dreissig Führungsgremien von Unternehmen, Stiftungen und anderen Organisationen. Zum wagnerschen Erfolgsmodell passt, dass der Rechtsanwalt nun ein Viertel der Aktien und das Verwaltungsratspräsidium jener Firma übernimmt, mit der er seine Mediengeschäfte begann: Mit der Basler Zeitung Medien AG hatte er einst versucht, ein Lokalradio zu sanieren. Lange ists her. Doch die Bindungen aus den 80er- und tiefen 90er-Jahren halten. Zum Beispiel jene zum Baselbieter FDP-Nationalrat Hans Rudolf Gysin. Mit dem freisinnigen Wirtschaftspolitiker betreibt Wagner noch heute das Institut für Politik, Wirtschaft und Recht. Das Institut bietet einen Vollservice für Verbände an, die ein Anliegen mit einer Volksinitiative oder einem Referendum durchsetzen wollen. Davon Gebrauch machen vor allem Organisationen, die mit der Wirtschaftskammer Nordwestschweiz oder dem Gewerbeverband Baselland verbunden sind.
Keine Panikmache
Und wer sitzt in den Vorständen beider Gremien ein? Gysin und Wagner, die zuletzt während der Fussball-Europameisterschaft 2008 zusammen das hoch defizitäre 9. Stadion, ein Public Viewing im Baselbiet, aufbauten. Der gemäss Selbstdeklaration parteilose Neoverleger Wagner sieht in seiner Verbandelung mit der regionalen Wirtschaft eine Chance für die defizitäre BaZ und sicher keine publizistische Unvereinbarkeit. Von Freund und Feind wird er nicht als politischer Kopf dargestellt. Wagner selber bezeichnet sich als «bürgerlich» und «wirtschaftsfreundlich». Die «Weltwoche» trimmten er und sein nun reaktivierter Seniorpartner Tettamanti mit der Wiedereinsetzung von Roger Köppel als Chefredaktor und Verleger auf einen politischen Rechtskurs. Wagner hält Köppel für einen «genialen, unerschrockenen Verleger, den das Land braucht». Gut aus der «Weltwoche»-Küche stammen könnte Punkt 1 der publizistischen Credos Wagners: «Keine Panikmache bei Themen wie Schweinegrippe, Waldsterben oder auch Aids.» Als Verlegervorbild nennt Wagner allerdings nicht den bewunderten Köppel, sondern die weltweit agierenden Medienzaren Rupert Murdoch und Leo Kirch. Mit dem auferstandenen Pleitier Kirch sind Wagner und sein langjähriger Basler Partner Bernhard Burgener verbandelt.
Fast allergisch reagiert Martin Wagner auf den oft gehörten Vorwurf, er sei für Kirch wie für Tettamanti nur als Strohmann aktiv. «Das ist lächerlich», wehrt er sich. Er habe sein eigenes Geld investiert. Basel werweisst, wie lange sich die neuen Herren bei der BaZ engagieren wollen. Der 80-jährige Tettamanti, «der hochintelligente und quicklebendige Dinosaurier» (Wagner), war auch in jüngeren Jahren kein Freund längerfristiger Verpflichtungen. Mini-Medienmogul Wagner hingegen beteuert, er wolle seine Verlegerrolle langfristig ausfüllen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.02.2010, 08:59 Uhr
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8 Kommentare
Ich glaube nicht an Wagners Geschichten. Warum hat sich Dr. Blocher ein TV-Studio gekauft und wie offensichtlich ist der SVP-Einfluss bei der Weltwoche? Tettamantis Vermögen ist nicht gross genug, um die Defizite und den Kaufpreis der BZ abzudecken. Es sei denn, er engagiert sein ganzes Vermögen...oder hat noch jemand in der Hinterhand, der sonst die BZ nicht direkt kaufen konnte. Blolcher Antworten
Die Medienszene verhält sich in etwa wie die Coop- und die Migros-Zeitung. Hat man die eine gelesen kennt man die andere. Es ist zu hoffen, dass die BAZ es schafft, der grauen Zeitungswelt einen Farbtupfer aufzusetzen. Aber bitte nicht mit Sensations -und Katastrophen-Geschichten aus dritter Hand, sondern mit sauberen Recherchen und fundierten Kommentaren. Antworten
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