Schweiz

Des libyschen Diktators Advokat

Von Daniel Foppa. Aktualisiert am 17.06.2010

Für Charles Poncet, den schillernden Genfer Ghadhafi-Advokat, ist die Libyen-Krise ein lukratives Geschäft.

Agent Provocateur und Anwalt: Charles Poncet.

Agent Provocateur und Anwalt: Charles Poncet.
Bild: Keystone

1,5 Millionen Franken wird Hannibal Ghadhafi wohl aus der Schweiz erhalten – als Entschädigung für die Publikation seiner Polizeifotos. Ein guter Teil davon wird in den Taschen von Charles Poncet landen. Der Genfer Anwalt vertritt den Diktatoren-Sohn und das libysche Aussenministerium im Rechtsstreit gegen die Schweiz. Poncet widerspricht zwar, von Ghadhafi fürstlich entlöhnt zu werden. Er habe zum Stundentarif von 450 Franken gearbeitet, sagt der Anwalt. So oder so dürfte sich das monatelange Engagement für ihn gelohnt haben.

Der Dauergast in den Medien

Maître Poncet ist das Musterbild eines Genfer Anwalts: weltgewandt, rhetorisch brillant, zu philosophischen Exkursen neigend – und stets bereit, auch die schmierigsten Typen zu verteidigen, wenn die Kasse stimmt. Als ihn die Zeitung «Le Matin» in einem Telefoninterview fragte, ob ihn Libyen auch für Interviews bezahle, platzte Poncet der Kragen: «Wenn Sie mir gegenübersässen, junger Mann, würde ich Ihnen den Hintern versohlen.»

Poncets Direktheit macht ihn zum Dauergast in den Medien. Er zählt zu den «Télé-Avocats» und Bloggern, die zu allem eine Meinung haben. In seiner Kolumne im Magazin «L’Hebdo» bezeichnete Poncet die Landwirtschaft einst als «runzlige Dirne», die ihren Mitbürgern auf der Tasche liege und deren weinerliches Klagen obszön sei. Über 200 erboste Bauern zogen darauf zu Poncets Anwaltskanzlei, die dieser mit Eisengittern verbarrikadieren lies. Die Landwirte deponierten ein goldenes Schwein aus Pappmaché und klagten Poncet wegen Verleumdung und Aufhetzung ein.

Kürzlich schaltete sich der 63-Jährige, der von 1991 bis 1995 für die Liberalen im Nationalrat sass, in die Debatte um den Vormarsch des Schweizerdeutschen ein. Als der zurzeit in Bern wohnende Genfer Nationalrat Antonio Hodgers (Grüne) mehr Hochdeutsch forderte, giftete Poncet mit einer holprigen Mundart-Kolumne zurück: «Wo zum Tüüfel hesch Du die Schnapsidee här, dass me d’Lüt bi däne me goht go wohne, sott zwinge ihri Sproch z’ändere?»

Unter der Gürtellinie

Poncet gefällt sich in der Rolle zwischen Agent Provocateur und distinguiertem Anwalt. So hat der Spezialist für internationale Angelegenheiten und Schiedsverfahren auch schon die Schüler eines Waadtländer Ortes öffentlich dazu aufgerufen, die Überwachungskameras auf dem Schulhof zu versprayen. Poncet musste vor Gericht, liess sich vom Grünen-Ständerat und Anwalt Luc Recordon verteidigen – und wurde freigesprochen.

Nie jedoch hat Poncet derart polarisiert wie mit seinem Ghadhafi-Mandat. So konnte die Zeitung «Le Matin» die Hälfte der Antworten zur OnlineUmfrage «Ist Charles Poncet ein Landesverräter?» nicht veröffentlichen, weil sie unter der Gürtellinie lagen. Poncet selber lacht darüber. Gestört hätten ihn einzig Drohungen gegen seine Familie. Er habe lange nachgedacht, bevor er den Libyern zusagte. «Ich kam zum Schluss, dass es eine gute Sache ist. Und wie man sieht, habe ich Recht behalten», meint Poncet mit Verweis auf die Übereinkunft zwischen Libyen und der Schweiz.

Der Anwalt betont, er habe das Mandat nicht aus Publicity-Gründen gesucht. Vielmehr störe ihn, dass die Genfer Polizei seit Jahren Leute bereits wegen leichter Vergehen in Haft setze. «Der Fall Ghadhafi war eine schreckliche Genferei», sagt Poncet. Zu seiner eigenen Rolle in der ganzen Affäre befragt, übt er sich in vornehmer Zurückhaltung und gibt keine Details preis. Leicht dürfte dies dem begnadeten Selbstdarsteller nicht fallen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2010, 15:49 Uhr

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