Schweiz

«Deutscher Filz»: SVP hantiert mit alten Zahlen

Von Edgar Schuler und Patrick Kühnis. Aktualisiert am 09.01.2010 1 Kommentar

2009 hat die Uni Zürich wieder mehr Schweizer als Deutsche auf ihre Lehrstühle berufen. Die SVP der Stadt Zürich unterschlägt das in ihrem Inserat.

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«Deutscher Filz» nicht rassistisch

Mit einem neuen Inserat hat die Stadtzürcher SVP ihre Debatte um «deutschen Filz» an der Uni weiter angeheizt. «Sind die Deutschen eine Rasse?», fragt die SVP und holt dann aus: «Wir Gewöhnlichen wussten bisher gar nicht, dass die Deutschen eine Rasse sind. Aber es waren ja schon damals die hohen Professoren, die den Rassen-Aberglauben in die Welt gesetzt haben.»

Die SVP-Kampagne gegen den «deutschen Filz» lässt Strafrechtler aufhorchen. Das Inserat sei «eindeutig rassendiskriminierend», sagte in «20 Minuten» der Anwalt Daniel Kettiger, der auf die Antirassismus-Strafnorm spezialisiert ist. Die Zürcher Justiz müsse deshalb gegen die Urheber der Inserate von Amtes wegen ein Strafverfahren eröffnen, sagt Kettiger.

Doch die Oberstaatsanwaltschaft winkt ab: «Wir haben das Inserat geprüft. Durch den Ausdruck‹deutscher Filz› ist aus unserer Sicht der Tatbestand der Strafnorm noch nicht erfüllt», sagt die juristische Sekretärin Corinne Bouvard. Möglich sei aber, dass wegen des Inserats noch eine Anzeige eingehe.

Zürich - Neue Runde in der SVP-Debatte um den «deutschen Filz»: Die Zürcher Stadtsektion der SVP hat gestern in einem Inserat mit einer Grafik aus der Silvesterausgabe der NZZ ihren Filz-Vorwurf an die Uni Zürich zu belegen versucht. Allerdings verwendet die Partei nur einen Ausschnitt der NZZ-Grafik: In den Jahren 2005 bis 2008 waren die Zahlen der Berufungen von Professoren aus Deutschland besonders hoch. «Urteilen Sie anhand der Grafik selber, ob es einen deutschen Filz gibt oder nicht!», steht in dem Inserat.

Die SVP unterdrückt in ihrer Darstellung indessen, dass die Zahlen in den Jahren zuvor stark geschwankt hatten und keinen einheitlichen «Filz»-Trend ergeben. Die Partei verschweigt zudem die neueste Berufungsstatistik, die ein ganz anderes Bild abgibt und bereits am Donnerstag von Uni-Rektor Andreas Fischer bekannt gegeben worden war: Die Berufungen deutscher Professoren sind im letzten Jahr wieder stark zurückgegangen. Ausserdem hat die Uni 2009 wieder mehr Schweizer als Deutsche auf ihre Lehrstühle geholt.

SVP fordert Internationalität

Roger Liebi, Präsident der SVP-Stadtpartei, sagt zu den fehlenden Balken in der Grafik, einerseits habe er nur die «aktuellen Entwicklungen» von 2005 bis 2008 darstellen wollen. Anderseits habe er sich nicht aktiv um die neuesten Zahlen von 2009 bemüht, weil anzunehmen gewesen sei, dass diese noch nicht vorliegen. «Ich stelle gerne anerkennend fest, dass im Jahr 2009 wieder deutlich mehr Schweizer als deutsche Professoren an die Zürich berufen wurden», sagt Liebi, dessen Mutter aus Deutschland stammt. «Gleichzeitig halte ich aber fest, dass die von verschiedenen Exponenten auch unserer Partei geforderte Diversifizierung unter den ausländischen Professoren immer noch nicht wirklich stattfindet.» Dies im Gegensatz zur ETH, die einen deutlich internationaleren Lehrkörper habe.

Tatsächlich ist der Anteil von nicht deutschen ausländischen Professoren - unter anderem Amerikanern, Dänen und Belgiern - an der ETH (33%) doppelt so hoch wie an der Uni (16%).

Uni-Rektor Andreas Fischer hält dem entgegen, dass die «Wissenschaftskulturen» in manchen Fächern internationaler ausgerichtet seien als in anderen: «Ein Fach wie die Germanistik wird in deutschsprachigen Ländern intensiver gepflegt als in nicht deutschsprachigen.» Die Germanistik und andere Fächer der Philosophischen Fakultät spielen an der ETH nur eine Nebenrolle. Aber an der Uni ist die Philosophische Fakultät die zweitgrösste Abteilung mit 131 der total 479 Professoren. Hier ist der Anteil an Deutschen auch besonders hoch: Fast die Hälfte des Lehrkörpers in der Philosophischen Fakultät stammt aus Deutschland. Rektor Fischer erinnert auch daran, dass die Unterrichtssprache Deutsch und die Ähnlichkeit der Universitätssysteme die Uni Zürich für Deutsche attraktiv machen. Zudem sei die Bevölkerung in Deutschland zehnmal grösser als in der Schweiz: «Angenommen, der Nachwuchs ist in Deutschland gleich gut ausgebildet wie hier, dann stehen zehn deutsche Nachwuchsforscher einem Schweizer gegenüber.»

In der Debatte um den «deutschen Filz» an der Uni hat sich gestern neben Universitätsrätin Kathy Riklin (siehe Interview unten) auch die Bildungsdirektorin und Präsidentin des Universitätsrats Regine Aeppli (SP) zu Wort gemeldet. Die angebliche Germanisierung der Universität sei reine Wahlkampfrhetorik, die fremdenfeindliche Gefühle und Ressentiments gegen Intellektuelle schüren soll, sagt Aeppli. Und: «Das finde ich ziemlich übel.»

Steckt Mörgeli dahinter?

In der jüngsten «Weltwoche» hatte Chefredaktor Roger Köppel den SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli als einen der «Drahtzieher der SVP-Kampagne» bezeichnet. Das ist pikant: Mörgeli, bisher Leiter des Medizinhistorischen Museums an der Uni, steht im Rennen um die Leitung des Medizinhistorischen Instituts - und zwar gegen mehrere deutsche Konkurrenten. Mörgeli bestritt gestern, dass er hinter der Kampagne steckt: «Ich habe mit dieser Aktion der städtischen SVP nichts zu tun.» Das bestätigt auch SVP-Präsident Roger Liebi. Mörgeli gibt aber gern zu, dass er wie Liebi eine internationalere Uni wünscht: «Immer mehr Deutsche machen die Uni nicht internationaler.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2010, 11:48 Uhr

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1 Kommentar

Rolf Gruetter

20.01.2010, 18:54 Uhr
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Man staunt, dass jemand wie C.M. mit höchstens 3 Publikationen in intl. indexierten Journals (die maximale Ausbeute gemäss Scopus und isiknowledge per heute, das reicht sonst nur für PostDoc) auch nur ernsthaft für eine Institutsleitung kandidiert. Schade für diese Klasse-Uni: solch Einmischung der Lokalpolitik erhöht ihre Qualität nicht-QED. Antworten



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