Schweiz

Dickmacher sollen deklariert werden

Von Fabian Renz. Aktualisiert am 16.06.2011 38 Kommentare

Eine neue Motion verlangt, dass der Zucker- und Fettgehalt von Lebensmitteln besser gekennzeichnet wird – zum Beispiel mit den Farben Rot, Gelb und Grün. Die Industrie fürchtet um ihre Exportfähigkeit.

Zu viel Zucker, zu viel Fett? Schon die Verpackung im Supermarkt soll darüber Auskunft geben.

Zu viel Zucker, zu viel Fett? Schon die Verpackung im Supermarkt soll darüber Auskunft geben.
Bild: Keystone

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Die Schweiz wird dicker, jedenfalls im langfristigen Vergleich: 1992 hatten rund 30 Prozent der Bevölkerung einen zu hohen Body-Mass-Index; 2007 waren es schon 37 Prozent. Konsumentenschützer fordern daher, dass bei Esswaren besser kenntlich gemacht wird, wie viel Zucker, Fett, Salz und gesättigte Fettsäuren darin enthalten sind.

Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher verleiht der Forderung nun mit einem Vorstoss Nachdruck: In einer Motion verlangt sie vom Bundesrat, eine obligatorische Nährwertdeklaration einzuführen. Entsprechende Bestrebungen liefen auch in der EU, argumentiert die Motionärin: «Die Schweiz kann hier eine Vorreiterrolle übernehmen, statt später bloss die europäischen Entscheide nachzuvollziehen.»Als «mögliche Variante» eines Deklarationssystems nennt Graf-Litscher eine farbliche Kennzeichnung: Der jeweilige Anteil an Zucker, Salz und dergleichen würde mit den Ampelfarben Grün, Gelb und Rot auf der Verpackung des Lebensmittels kategorisiert.

Schon vor drei Jahren forderte Graf-Litscher die Einführung eines Ampelsystems – damals allerdings in schärferer Ausprägung, was auf starken Widerstand der Lebensmittelbranche stiess. Heute sei sie bei der Wahl des Systems offener, sagt die Sozialdemokratin: «Hauptsache, es ist europakompatibel und schafft mehr Transparenz für den Käufer.»

Unterstützung für Ampelsystem

Ob Graf-Litschers Motion mehrheitsfähig ist, muss sich noch weisen: SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi fürchtet zusätzliche Bürokratie, CVP-Vertreterin Ruth Humbel (die vor Jahren ein Postulat mit ähnlicher Zielsetzung einreichte) äussert dagegen Sympathie für das Anliegen. In jedem Fall hat Graf-Litscher die Stiftung für Konsumentenschutz hinter sich, die gestern in einem Communiqué ihren Support kundtat: Hersteller und Anbieter von Lebensmitteln müssten gesetzlich zu einer «einfachen, verständlichen und sichtbaren» Kennzeichnung der Nährwerte verpflichtet werden. Belasse man es bei Freiwilligkeit, würden taugliche Vorschläge von der Nahrungsmittelindustrie abgeblockt. Ein Ampelsystem sei dabei wegen seiner Klarheit zu bevorzugen, schreibt die Stiftung.

Die angesprochene Branche beurteilt die Sachlage etwas anders. Bei Deklarationsvorschriften müsse sich die Schweiz «im Gleichschritt mit der EU bewegen», sagt Franz Urs Schmid, Co-Geschäftsführer der Fial (Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien). «Sololäufe» beeinträchtigten die Exportfähigkeit der Lebensmittelproduzenten. Graf-Litschers Idee, wonach die Schweiz eine «Vorreiterrolle» übernehmen solle, ist für Schmid «gut gemeint, aber nicht umsetzbar»: Man könne sich gegenüber der EU «nicht zum Oberlehrer emporschwingen». Gegenüber Importprodukten seien die von Graf-Litscher verlangten Regeln zudem kaum durchsetzbar.Differenziert fällt das Urteil bei Fachverbänden aus. «Einheitliche, klarere Deklarationen begrüssen wir grundsätzlich. Den Zucker- oder Fettanteil mit einer Farbe zu kategorisieren, sagt allerdings noch nichts über die Qualität eines Lebensmittels aus», sagt Esther Infanger von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung.

Label für gesunde Esswaren

Infanger würde die Schaffung eines Labels für besonders gesunde Esswaren bevorzugen. Erfahrungsgemäss bringe die Industrie dann vermehrt Produkte auf den Markt, welche die Anforderungen eines solchen Labels erfüllten.Heinrich von Grünigen, Leiter der Adipositas-Stiftung, äussert ebenfalls grundsätzliche Zustimmung mit Skepsis im Detail. Dass Nährwertdeklarationen auch kontraproduktiv sein könnten, zeige ein «erschütterndes» Beispiel aus den USA. Mancherorts sei dort die Kennzeichnung des Kaloriengehalts bei Fast-Food-Produkten vorgeschrieben worden. Das Resultat: «Vor allem Leute aus der Unterschicht verzehrten gezielt kalorienreiche Gerichte. Weil sie glaubten, so mehr fürs Geld zu bekommen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2011, 23:22 Uhr

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38 Kommentare

Peter Müller

16.06.2011, 05:42 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Wenn schon sollen verständliche und gut lesbare Nährwertangaben verlangt werden, wie die in den USA üblichen Nutrition Facts, aber sicher keine Deppenampeln! Ausserdem würde sich der Gesetzgeber besser mal um die exzessive Verwendung von Zusatzstoffen kümmern. Antworten


Maurus Ebneter

16.06.2011, 08:41 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Die endgültige Abschaffung der Selbstverantwortung! Bevormundung gehört leider zur Grundstrategie zahlreicher Politiker, Beamten und sogenannter Konsumentenchützer. Eine Einteilung der Lebensmittel in "gut" und "böse" ist mehr als fragwürdig: Je nach Alter und Lebenssituation haben die Menschen individuell sehr unterschiedliche Bedürfnisse in Sachen Ernährung. Antworten



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