Die Angst der Ärzte vor ausländischer Konkurrenz
Von Patrick Feuz, Bern. Aktualisiert am 13.01.2012 36 Kommentare
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Auch Spezialärzte können jetzt wieder an einem beliebigen Ort eine Praxis eröffnen. Für Hausärzte ist die Beschränkung schon früher gefallen. Eingeführt hatte die Politik den Zulassungsstopp 2002 unter dem Druck steigender Gesundheitskosten. Krankenkassen und Gesundheitspolitiker wollen jetzt deshalb wachsam verfolgen, wie sich die Zahl der frei praktizierenden Spezialärzte entwickelt. Spezialisten verursachen in der Grundversicherung im Schnitt höhere Kosten als Hausärzte. Und sie lassen sich mit Vorliebe in grösseren Städten nieder. Also dort, wo es schon genug Ärzte gibt.
«Aufgrund der vielen telefonischen Anfragen rechnen wir mit einer Zunahme der frei praktizierenden Spezialisten», sagt Anne Durrer vom Krankenkassenverband Santésuisse. Wer eine Praxis eröffnen will, muss bei Santésuisse eine Zahlstellennummer beantragen, um zulasten der Grundversicherung abrechnen zu können. Von den 173 Leistungserbringern, die seit Anfang Jahr eine Nummer erhalten haben, ist rund ein Viertel Grundversorger. «Das ist weniger als im Schnitt früherer Jahre und zeigt, dass vermehrt Spezialisten bei uns angeklopft haben.»
Zwar bedeuten neue Zahlstellennummern nicht in jedem Fall, dass eine neue Praxis eröffnet wird. Kommt dazu, dass es heute 2,2 Ärzte braucht, um einen pensionierten Arzt zu ersetzen – weil immer mehr Frauen den Arztberuf wählen und Teilzeit arbeiten. Trotzdem ist die Statistik von Santésuisse durchaus ein Gradmesser. Der Kassenverband geht jedenfalls in nächster Zeit von einem Kostenwachstum aus, wobei sich das Ausmass im Moment noch nicht abschätzen lasse.
Spitäler als Opfer?
Offen ist, wieweit tatsächlich ein zusätzliches Angebot entsteht: Wenn sich Ärzte selbstständig machen, die bisher in einer Praxis angestellt waren, ist das für die Grundversicherung finanziell weniger folgenreich, als wenn Spitalärzte eine eigene Praxis eröffnen. Wer genau im Moment in die freie Praxis drängt, kann der Kassenverband nicht sagen, da ihm dazu die Angaben fehlen. «Aufgrund eingehender Mails glauben wir aber, dass die neuen Gesuche eher von Spitalärzten als von Ärzten stammen, die bisher in einer anderen Praxis oder einer HMO angestellt waren», sagt Durrer. Diesen Trend sehen auch einzelne Kantone. Der Genfer Kantonsarzt hat diese Woche davor gewarnt, in den Spitälern könnten bald die Ärzte fehlen.
Wie stark die Zahl neuer Arztpraxen tatsächlich zunehmen wird, ist aber umstritten. Die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich rechne nicht mit einer «Lawine», wie Generalsekretärin Claudia Brenn Tremblau sagt: Die Rahmenbedingungen hätten sich verschlechtert, die Banken seien zurückhaltender geworden mit Krediten, zudem löse bei vielen Medizinern die politische Situation Verunsicherung aus (Managed Care und Einheitskasse). Der Berner Kantonsarzt Thomas Schochat beobachtet ebenfalls, «dass die Jungärzte zögern».
Schneller sein als die EU-Ärzte
Doch zögern auch die Ärzte aus der EU, die in der Schweiz dank der Personenfreizügigkeit jederzeit tätig werden dürfen? 2011 liessen 1930 Ärzte ihr Diplom in der Schweiz anerkennen. Das sind fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie noch nie. Zwar arbeitet ein Teil dieser Ärzte wahrscheinlich bereits in der Schweiz, trotzdem kann der Anstieg auch ein Hinweis sein, dass zusätzliche Ausländer ins Land kommen werden, um eine Praxis zu eröffnen.
Als vor anderthalb Jahren der Zulassungsstopp für Grundversorger auslief, lockte dies nur in Genf ausländische Ärzte mit spürbaren Kostenfolgen an. Jacques de Haller, der Präsident der Ärztevereinigung FMH, schätzt auch jetzt die Gefahr eines Ansturms als klein ein: «Spezialärzte haben auch in EU-Ländern ein gutes Einkommen.» Aber ganz traut er seiner Aussage nicht: «Letztlich wissen wir nicht, was passieren wird.»
Der Verband der Zürcher Spitalärzte will jedenfalls vorsorgen. Er hat seine Mitglieder aufgerufen, rasch eine Praxis zu eröffnen: «Es ist nicht auszuschliessen, dass aus dem europäischen Raum Ärztinnen und Ärzte das vermeintliche Medizin-Eldorado in der Schweiz suchen.» Falls sich zügig ausländische Ärzte niederlassen, könnten später hiesige Ärzte zu wenig Patienten haben. Zudem wissen die Schweizer Mediziner: Zieht das Kostenwachstum zu stark an, könnte die Politik schon bald den Zulassungsstopp reaktivieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.01.2012, 06:24 Uhr
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36 Kommentare
schon wieder geht man "in nächster Zeit von einem Kostenwachstum aus, wobei sich das Ausmass im Moment noch nicht abschätzen lasse"! Offenbar wirkt sich jede Bewegung im CH-Ärzte- und Medizinwesen als Kostenwachstum d.h. Prämienschub aus. Warum gibt es hier keinen Markt? Preissenkungen dank Konkurrenz? Nein, weil das ganze Medizinalwesen inkl. seiner Zudiener eine einzige riesige Pfründe ist! Antworten
Die Schweiz ist im Vergleich zum Ausland ein Eldorado für Ärzte. Eine Chance immerhin, dass wieder mehr der dringend benötigten Hausarztpraxen entstehen, andererseits jedoch auch die Gefahr der Ärzteschwemme. Da es aber auch auf diesem Gebiet einen Markt gibt, reguliert es sich selbst und wir sehen dann wohl mehr Mediziner auf Jobsuche in den RAF's. Antworten


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