Hintergrund

«Die Aussagen zeugen von wenig Empathie»

Die Medikamententests an Kindern ab den 1950er-Jahren waren nicht gefährlich, sagen zwei Thurgauer Ärzte. Ein Rückschlag für die Bemühungen von Bundesrätin Sommaruga – und für die Betroffenen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Betroffenheit war ihr anzusehen, als Simonetta Sommaruga am 11. April 2013 ans Mikrofon trat: «Für das Leid, das Ihnen angetan wurde, möchte ich mich im Namen der ganzen Landesregierung aufrichtig und von ganzem Herzen entschuldigen.» Diese Worte galten den Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Jenen Menschen, die als Kind verdingt, zwangssterilisiert, grundlos eingesperrt oder zwangsmediziert wurden. Für die Betroffenen waren die Worte der Bundesrätin eine Genugtuung. Ein Zeichen, dass die Schweiz offiziell anerkennt, was man ihnen angetan hat.

In den letzten Wochen haben Äusserungen eines Politikers und von zwei Ärzten im Kanton Thurgau gezeigt, dass die Aufarbeitung des wohl dunkelsten Kapitels der Schweiz noch nicht so weit fortgeschritten ist wie gedacht. Am Anfang stand die Geschichte von Walter Emmisberger. Der heute 57-Jährige wurde als Kind in der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen für medizinische Tests missbraucht – ohne sein Wissen. «Ich wurde wie eine Gans vollgestopft mit Tabletten», sagt er Ende Januar gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Kurz danach berichtete das Magazin «Beobachter» in der Titelgeschichte über die fragwürdige Forschung des damaligen Psychiatriedirektors Roland Kuhn.

Erstmals über die Menschenversuche von Münsterlingen berichtet wurde im November 2012. Damals deckte der «Tages-Anzeiger» am Beispiel des Betroffenen Walter Nowak die fragwürdige Forschung in der Thurgauer Anstalt auf. Seither gilt Kuhn als Wissenschaftler, der weder Mittel noch Wege scheute, um neue Medikamente zu erfinden.

«Versuche waren nicht gefährlich»

Trotz der Versuche an hilflosen Kindern entnehmen zwei frühere Thurgauer Kantonsärzte den Menschenversuchen auch etwas Positives. Alfred Muggli und Alfred Stahel nehmen den verstorbenen Wissenschaftler in Schutz und fordern seine Rehabilitation. «Kuhn hat Substanzen getestet, die nicht gefährlich waren», sagt Muggli gegenüber der «Thurgauer Zeitung». Der ehemalige Hausarzt von Steckborn bezweifelt, dass die Medikamente noch Jahrzehnte später Folgen haben.

Sein Kollege Stahel geht noch weiter und möchte Kuhn nachträglich den Nobelpreis für seine Forschung verleihen. Die Medikamente, die aufgrund von Kuhns Forschung auf den Markt gekommen seien, seien ein Segen. Man müsse die Testreihen aus damaliger Sicht beurteilen.

Als Walter Emmisberger, als einer der seit Jahrzehnten an den Folgen der Zwangsmedikation leidet, diese Zeilen liest, ist er «geschockt». «Ich dachte, ich werde ohnmächtig», sagt er am Telefon. Der Fehraltorfer fühlt sich zurückversetzt in die Zeit seiner Kindheit. Damals, als er unterdrückt, vernachlässigt und missbraucht wurde. Damals, als sein Selbstvertrauen ausgelöscht wurde. Die Medizintests an Emmisberger sind in seinen Akten festgehalten. Auch die Dorfärzte waren wohl informiert. Der gesundheitliche Zustand des damaligen Buben liess keine Zweifel daran. Doch hinterfragt oder hingeschaut habe damals niemand, sagt Emmisberger. Und nun, Jahrzehnte später würden zwei Ärzte versuchen, ihre Gilde zu schützen.

«Wenig Empathie»

Beim Bundesamt für Justiz in Bern reagiert man «schockiert» über die Worte der beiden Mediziner. «Die Äusserungen sind sehr ungeschickt und zeugen von wenig Empathie», sagt Luzius Mader, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Justiz, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Der Bedarf der Untersuchungen über die Vergangenheit der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, die der Kanton Thurgau vor kurzem eingeleitet hat, sei unbestritten.

Muggli und Stahel sind nicht die ersten, die mit fragwürdigen Aussagen über die Forschung von Kuhn für Kopfschütteln sorgen. Der Thurgauer Regierungsrat Kaspar Schläpfer sagte Ende Januar, man müsse auch den wissenschaftlichen Wert von Kuhns Forschung anerkennen. Wenig später entschuldigte sich Schläpfer für diesen Satz und bedauerte öffentlich, viele Menschen verletzt zu haben.

Die Äusserungen des Politikers sowie diejenigen der beiden Mediziner wirken den Bemühungen von Bundesrätin Simonetta Sommaruga, das dunkle Kapitel Schweizer Geschichte aufzuarbeiten, entgegen. Erst kürzlich verlieh sie ihrer offiziellen Entschuldigung vom April 2013 in der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» Nachdruck. «Die Dimensionen des Unrechts von damals sind unvorstellbar. Wir müssen hinsehen und uns interessieren, um die gleichen Fehler zu vermeiden», sagt sie. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.03.2014, 21:44 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich wurde wie eine Gans mit Tabletten vollgestopft»

Hintergrund Ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte: In den 1970er-Jahren wurden in psychiatrischen Kliniken Menschen für medizinische Tests missbraucht. Das Schicksal des heute 57-jährigen Walter Emmisberger. Mehr...

Über 1600 Menschenversuche in Münsterlingen

Hintergrund Für seine Forschung missbrauchte Roland Kuhn laut einem Bericht Hunderte Erwachsene und Kinder. Der als Vater der Antidepressiva geehrte Psychiater machte auch vor Schwangeren nicht Halt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Sweet Home Sechs Sommerhits zum Geniessen

Von Kopf bis Fuss Schwitzen ja, stinken nein!

Werbung

Die Welt in Bildern

Sonnenschutz: Ein Feiernder am Glastonbury Festival versucht sich von der Sonne zu schützen (21. Juni 2017).
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...